Kommunales

Jutta B. sagt: „Ich kann nicht mehr.“ (Foto: Bsz)

15.02.2026

„Es ist die Hölle“: Jutta B. hat immer gearbeitet, Kinder großgezogen – doch nach einer Eigenbedarfskündigung hat die Rentnerin keine feste Bleibe mehr. So wie ihr geht es vielen

Die Zahl der Wohnungslosen steigt dramatisch. Hunderttausende leben in Notunterkünften. Auch Menschen aus dem Mittelstand rutschen immer öfter ab, wie der Fall der 73-Jährigen zeigt. Landkreise, Städte und Gemeinden helfen, wo es geht, sind jedoch längst am Limit

Die Verzweiflung ist Jutta B. anzumerken. „Ich kann nicht mehr“, sagt die 73-Jährige schluchzend am Telefon. Seit ein paar Tagen lebt die Rentnerin nun schon in einer Obdachlosenunterkunft. „Es ist die Hölle. Im Zimmer ist es schmutzig, es gibt Spinnweben und das Bett ist versifft – früher in meiner eigenen Wohnung, war immer alles blitzeblank“, sagt die Oberbayerin. Ein Leben lang habe sie geschuftet. „Wir hatten sogar ein eigenes Geschäft – doch am Ende ist man, wenn man die Wohnung verliert, allen egal“, ist die einstmals gut situierte Frau überzeugt.

Die Alternative ist, im Auto zu schlafen

Mit dem unfreiwilligen Gang in das Wohnungslosenheim in der vergangenen Woche erreichte ihr Leben einen weiteren Tiefpunkt. „Das Schlimmste ist, dass du hier wenig Privatsphäre hast“, sagt die stets adrett gekleidete blonde Dame. Gemeinsam mit einer wildfremden Frau teilt sie sich nun die Wohnung in einer von einer Gemeinde im Norden Oberbayerns finanzierten Notunterkunft – die Toilette ist außerhalb der Wohnung. Ansonsten müsste die gelernte Arzthelferin auf der Straße oder in ihrem Auto schlafen.

Zwar hatte sich Jutta B. im November vergangenen Jahres auch an das Wohnungsamt eines Landkreises in der Nähe Münchens gewandt, in dem sie bis vor wenigen Wochen lange Zeit gelebt hatte – doch eine Wohnung konnten auch die Mitarbeiter der Behörde nicht herbeizaubern. Das betreffende Landratsamt äußert sich aus Datenschutzgründen auf Anfrage nicht zu dem Fall.

Eine eigene Wohnung hat Jutta B. schon seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Zuvor hatte sie mehr als ein Jahrzehnt in einer Wohnung im Großraum München gelebt. Doch der Vermieter hatte ihr im Herbst 2022 gekündigt – wegen angeblichen Eigenbedarfs. „Ein Jahr später musste ich raus“, so Jutta B. Die Seniorin hatte nie damit gerechnet, auf der Straße zu landen. Denn als das Mietshaus, in dem sie lebte, 2012 verkauft wurde, habe es seitens ihres Vermieters geheißen, sie müsse sich keine Sorgen wegen einer Eigenbedarfskündigung machen. Er habe noch drei weitere Mietshäuser, habe ihr neuer Vermieter ihr gesagt. Doch dann übernahm der Sohn des Eigentümers die Immobilie. Rechtlich gewehrt hat sie sich 2023 nicht. Ihr Lebensgefährte Frank P. (Name geändert) habe ihr gesagt:

„Du findest schnell was Neues"

Eine fatale Fehleinschätzung. Denn für Jutta B. begann eine Odyssee. Frank P. habe mit ihr zusammenziehen wollen. Doch sein Einzimmerapartment war zu klein. Eine bezahlbare Wohnung fand Jutta B. aber selbst in anderen Teilen Bayerns nicht. „Und so lebe ich seither aus dem Koffer“, sagt B. Ihre Möbel hat sie eingelagert. Immer wieder hat die ältere Frau bei Freunden oder Bekannten übernachtet. Sie half im Haushalt und zahlte meist ein wenig Miete. „Man hat kein eigenes Geschirr, muss sich ständig anpassen und unterordnen“, sagt sie über diese Zeit. Auch ihre Gesundheit habe gelitten. „Wenn du immer auf irgendeiner Couch oder Pritsche schläfst, ist das Gift für den Rücken.“

Jutta B. ist durchaus bereit, das teure Oberbayern zu verlassen. Doch selbst in strukturschwachen Regionen des Freistaats reicht ihre Rente von rund 600 Euro nicht für die Miete. Und ihr Erspartes hatte sie ihrem Lebenspartner anvertraut – ein weiterer Fehler. Das Geld sei weg.

Hilfe beim Sozial- oder Wohnungsamt zu suchen, kam für Jutta B. lange Zeit nicht infrage. „Ich habe mich geschämt.“ Erst im vergangenen November wandte sie sich an die Behörden zweier Landkreise, in denen sie lange Zeit gelebt hatte.

Die Geschichte von Jutta B. zeigt, wie schnell auch Menschen aus der deutschen Mittelschicht hierzulande immer öfter in die Wohnungslosigkeit rutschen. Sie lebte mehrere Jahrzehnte mit ihrem Ehemann im Großraum Landshut, arbeitete viel in Teilzeit – zunächst als Arzthelferin. Die resolute Frau zog zwei Kinder groß, arbeitete drei Jahrzehnte im Betrieb ihres Mannes. „Meine beiden Söhne haben sogar studiert. Aber ich war nur geringfügig beschäftigt. Darunter haben meine Rentenansprüche gelitten“, sagt die Seniorin.

Partner erleidet Schlaganfall

Zwar bekam sie im Zuge der Scheidung Geld, das sie anlegte. Doch mit der von ihr nicht näher genannten Summe half sie ihrem späteren Lebensgefährten Frank P. in einer Notlage.
Die Pläne, mit dem Kriminalbeamten P. gemeinsam den Ruhestand zu verbringen, Ausflüge zu machen, sich zu erholen, zerplatzten vergangenes Jahr wie eine Seifenblase. Es war ein kalter, nass-grauer Novembertag, an dem das Leben von Jutta B. aus den Fugen geriet. Sie lebte gerade in einer günstigen Unterkunft im Raum Kempten, die ihr Lebensgefährte ihr vermittelt hatte. An jenem Tag wartete sie stundenlang auf Frank P., der sie besuchen wollte – aber der Pensionär kam und kam einfach nicht. „Ich habe Bekannte, die Polizei und diverse Kliniken angerufen. Doch niemand wusste, wo er war“, erinnert sich die 73-Jährige. Erst Tage später habe sie schließlich erfahren, dass er in einer Münchner Klinik liegt – ein schwerer Schlaganfall. Er wird laut ihrer Aussage künstlich ernährt, habe sie nicht einmal erkannt.

Die Diagnose war für Jutta B. ein Schock – doch es sollte nicht die letzte Hiobsbotschaft bleiben. Denn Jutta B. wurde klar, dass ihr Lebensgefährte ihr Erspartes nun wohl nie zurückzahlen kann. 
Eigentlich hoffte Jutta B., nachdem sie sich hilfesuchend an mehrere Behörden gewandt hatte, dass sie zumindest bald wieder in einer normalen Wohnung wohnt. „Aber alles zieht sich hin.“ Lange halfen ihr Freunde. „Eine Freundin hatte mich sogar trotz ihrer Krebserkrankung in ihrem kleinen Apartment leben lassen.“ Doch mittlerweile weiß B. nicht mehr weiter. „Was soll nur aus mir werden?“

Das fragen sich immer mehr Menschen in Deutschland. Die Zahl der Wohnungslosen explodiert. Seit dem Jahr 2022 erfasst das Bundesamt für Statistik ihre Zahl. Demnach waren Ende Januar dieses Jahres fast 475 000 Frauen, Männer und Kinder in Notunterkünften, Clearinghäusern, Pensionen oder anderweitig untergebracht. 2023 waren es noch 372 000 Menschen, im Jahr zuvor gut 178 000 gewesen. Ein Teil des Anstiegs geht zwar auf eine bessere Datenerfassung zurück – doch der Trend ist klar. Wegen der explodierenden Mietpreise sind immer mehr Menschen von Obdachlosigkeit bedroht.

Immer weniger Sozialwohnungen 

Im Freistaat sind rund 45 000 Menschen wohnungslos. My home is my castle? Das war einmal. Laut der Arbeiterwohlfahrt (AWO) betrifft Wohnungslosigkeit auch zunehmend den Mittelstand. Mehr als zwei Drittel der Ratsuchenden bei der Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit des AWO-Kreisverbands München Land haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, mehr als einDrittel bezieht ein Gehalt, jeder Achte ist Rentner. Wohnungslosigkeit und Armut müssten „enttabuisiert werden“, sagt AWO-Landesvorsitzende Nicole Schley der Staatszeitung. Es handle sich nicht um „selbst verschuldete individuelle Schicksale“.

Margit Berndl, Vorständin des Paritätischen in Bayern, warnt: „Wohnen ist zum Luxus geworden, und das nicht nur im teuren München. In ganz Bayern beobachten wir und unsere Mitglieder seit Jahren, wie sehr die soziale Schere in der Bevölkerung stetig auseinanderklafft anstatt sich zu stabilisieren.“

Der Vorsitzende des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising, Hermann Sollfrank, bereits Ende 2024 in der BSZ: „Selbst ein Normalverdiener kann sich nicht mehr sicher wähnen. Denn wenn plötzlich eine Eigenbedarfskündigung kommt, kann auch für Menschen aus der Mitte der Gesellschaft eine drohende Wohnungslosigkeit ganz real werden.“

Eine Ursache für den Mangel an Wohnraum ist der Zustrom von mehreren Millionen Flüchtlingen in den vergangenen Jahren. Hauptgrund ist jedoch politisches Versagen. Über mehrere Jahrzehnte hinweg haben Bund und Freistaat die Schaffung von Wohnraum und dessen Vermietung beinahe allein dem freien Markt überlassen. Die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland sinkt seit vielen Jahren: Gab es 2010 noch etwa 1,66 Millionen solcher Wohnungen für Menschen mit kleinen Einkommen, waren es im Jahr 2024 nur mehr 1,05 Millionen. Im Freistaat halbierte sich deren Zahl zwischen 2003 und 2022 von rund 240 000 auf gut 133 100 beinahe.

Eine Rolle für die Misere spielt aber auch, dass die Deutschen immer mehr Wohnraum für sich beanspruchen. 1991 lebten die Menschen hierzulande noch auf knapp 35 Quadratmetern pro Kopf. Seitdem ist die Wohnfläche um mehr als 14 Quadratmeter gewachsen. Ein riesiges Problem sind aus Sicht von Mieterschützern die zunehmenden Eigenbedarfskündigungen. Mitunter sind diese auch fingiert, um langjährige Bewohner aus der Wohnung zu treiben und später weit teurer vermieten zu können.

Weil Mieter in Regionen wie dem Großraum München nichts Neues finden, bleiben alte Menschen auch nach dem Auszug der eigenen Kinder in für sie eigentlich deutlich zu großen Immobilien, was den Wohnraummangel verschärft.

Bund und Freistaat wollen gegensteuern

Seit einigen Jahren haben Bund und Freistaat ihre Anstrengungen intensiviert. Bis sich diese jedoch in einem spürbarem Plus an bezahlbaren Wohnraum bemerkbar machen, dürfte es aber noch dauern. Die SPD wirft dem Freistaat und der Union vor, noch immer zu wenig im Kampf um Mietwucher und fehlende Sozialwohnungen zu tun. Letztere warnen jedoch vor zu viel Regulierung.

Jutta B. will derweil nicht aufgeben, hofft, dass sich ein netter Vermieter findet. Denn mittlerweile hat sie auch einen Wohnberechtigungsschein bekommen, sodass der Staat die Differenz zwischen Miete und Rente zahlt – wenn diese nicht zu groß und zu teuer ist. Hilfe bei den Anträgen bekommt sie mittlerweile von einem Mitarbeiter eines Landratsamtes. „Ohne dessen Hilfe wäre ich im Dschungel der Bürokratie kaum weitergekommen“, sagt die Rentnerin. Sie will für ihre Rechte kämpfen. Auch in schwierigen Situationen durchzuhalten, sagt Jutta B., sei sie gewöhnt. (Tobias Lill)
 

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