Kommunales

Regelmäßig die Gräber von verstorbenen Angehörigen pflegen - das ist vielen Menschen inzwischen zu anstrengend. (Foto: dpa/Angelika Warmuth)

30.10.2019

Immer mehr Leerflächen auf kommunalen Friedhöfen

Das Bestattungswesen gilt als weitgehend zukunftsfeste Branche. Gestorben wird schließlich immer. Doch das klassische Familiengrab ist ein Auslaufmodell - und das stürzt die kommunalen Friedhöfe zunehmend in eine Krise.

Zu streng, zu groß, zu teuer: Viele kommunale Friedhöfe in Bayern und Deutschland steuern nach Einschätzung von Experten auf eine Krise zu - oder stecken schon mittendrin. "Es fällt auf, dass die Leerflächen immer größer werden", sagt Ralf Michal, Vorsitzender des Bestatterverbandes Bayern. "Der Gräberkult, wie man ihn von früher kennt, ist überholt, und die Kommunen haben es verschlafen, vernünftige, zeitgemäße Bestattungsformen zu schaffen."

Inzwischen entscheiden sich die Angehörigen seinen Angaben zufolge bundesweit in 20 bis 25 Prozent für eine Alternative zur normalen Grabstätte - eine Gemeinschaftsgrabstätte, eine Waldbestattung, eine Seebestattung. Die Tendenz sei steigend, sagt Michal. Die Folge: "Friedhöfe werden immer defizitärer."

Denn hinter den populärer werdenden alternativen Formen steckten oft Unternehmen, die zwar aufgrund der gesetzlichen Vorschriften mit einem Friedhof kooperieren müssen, aber einen Großteil der Kosten einheimsen - "und der fehlt den Kommunen dann für den Unterhalt der Friedhöfe", sagt Michal. "Wir vom Bestatterverband haben immer gesagt: Macht eure Friedhöfe attraktiver. Aber inzwischen sind die Kommunen da zehn, 15 Jahre zurück."

Drastisch veränderte Gesellschaft

Der Grund für den Wandel bei der letzten Ruhestätte: Die Gesellschaft hat sich drastisch verändert. "Die Bedürfnisse sind heute ganz andere", sagt der Soziologe Thorsten Benkel von der Uni Passau, der zur Trauerkultur in Deutschland forscht. "Die Menschen sind viel mobiler und verbringen nicht mehr ihr ganzes Leben an einem Ort", sagt er. "Darum geht der Trend weg vom pflegeintensiven Familiengrab zu alternativen, individuellen Bestattungsformen." Er spricht gar von "Friedhofsflucht".

Für seinen Kollegen Matthias Meitzler, der gemeinsam mit Benkel die Homepage "Friedhofssoziologie" betreibt und sich ebenfalls mit den gesellschaftlichen Dimensionen des Todes befasst, sind Mischformen das Konzept der Zukunft: "Man muss Friedhof neu denken", sagt er. Will heißen: Klassische Gräberfelder neben Urnengräbern, ein Waldgebiet für die Naturbestattung neben einem gemeinsamen Feld für Hund und Herrchen - individuelle Angebote für die individualisierte Gesellschaft.

Ein Problem sieht Benkel vor allem in zu hohen Friedhofsgebühren und repressiven Vorschriften. "Deutschland hat die strengsten Bestattungsrichtlinien in Europa. In der Schweiz und den Niederlanden ist man da schon viel weiter", sagt er. "Warum muss man sich denn sofort entscheiden, was mit einer Urne geschehen soll? Warum kann man sie nicht eine bestimmte Zeit lang bei einem Bestatter lassen und es sich gründlich überlegen?" Dann berichtet er von einem Fall, bei dem Angehörigen auf einem kirchlichen Friedhof verboten wurde, einen Grabstein mit einem Fußball-Logo aufzustellen. "Es musste ein Kreuz sein."

Inzwischen 60 bis 70 Prozent Urnenbestattungen

Der Bayerische Städtetag hat das Problem ebenfalls erkannt. "Der steigende Anteil von Urnenbestattungen führt auch zu Leerständen auf Friedhöfen", sagt Städtetags-Referent Richard Stelzer. Derzeit liege der Anteil der Urnenbestattungen in bayerischen Städten bei 60 bis 70 Prozent. 1990 waren es noch 20 bis 30 Prozent.

Das Problem: "Auch wenn insgesamt weniger Fläche benötigt wird, müssen die Friedhöfe einschließlich ihrer baulichen Anlagen weiterhin unterhalten werden", beschreibt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, das Problem. "Einige Städte erhöhen deshalb die Gebühren für Urnengräber, um diese stärker an den Erhaltungskosten des Gesamtensembles Friedhof zu beteiligen" - andere erhöhen die Zuschüsse. Nach Angaben des Bayerischen Städtetages haben die Kommunen im Freistaat bislang größtenteils auf eine Erhöhung der Gebühren verzichtet.

Von Leerständen berichten die Friedhofsverwaltungen in zahlreichen Städten in Bayern - darunter München, Regensburg und Augsburg. In Augsburg arbeiten die Friedhöfe aber beispielsweise noch weitestgehend kostendeckend, wie Helmut Riedl vom Amt für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen sagt. 2017 zu 99 Prozent und im vergangenen Jahr sogar zu 100 Prozent. Allerdings gehören die Gebühren in Augsburg nach Angaben Riedls auch zu den höchsten in ganz Bayern.

Wettbewerb für neue Ideen

Die Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe sucht derzeit mit einem Wettbewerb "Ideen für den Friedhof der Zukunft". "Sie können eine Friedhofsfläche ja nicht einfach in einen Grillplatz oder ein Fußballfeld umwandeln", sagt Kathrin Volk, Professorin für Landschaftsarchitektur und Entwerfen an der Hochschule. Man müsse sich schon genau überlegen, was man mache mit diesen "Friedhofsfolgelandschaften", wie sie sie nennt. Trauer und Friedhöfe seien ein Thema, das Pietät erfordere. Man müsse sich also fragen, wie man frei werdende Friedhofsflächen angemessen und würdevoll "mit der Stadt verzahnen" kann. Im Zentrum stehen aus ihrer Sicht dabei aber "nicht die Toten, sondern die Lebenden". (Britta Schultejans, dpa)

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