Kommunales

Arbeitstherapie ist in der Forensik ganz wichtig. (Foto: dpa/Felix Kästle)

08.05.2020

"In der Forensik gibt es nur wenige hoffnungslose Fälle"

Der neue stellvertretende Ärztliche Direktor David Janele über seine Arbeit am BKH Straubing und spezielle Herausforderungen durch Corona

Das Thema Corona nimmt derzeit einen beträchtlichen Teil unserer Arbeitszeit in Anspruch“, sagt David Janele. Seit Februar ist der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie stellvertretender Leiter des Bezirkskrankenhauses (BKH) Straubing. Zusammen mit dem neuen Ärztlichen Direktor Joachim Nitschke bildet er die medizinische Doppelspitze der Krankenhausleitung und koordiniert die Umstrukturierung der Einrichtung. Nach einer Entscheidung des bayerischen Sozialministeriums verliert die forensische Klinik ihren Sonderstatus. Bislang waren im Bezirkskrankenhaus Straubing besonders gefährliche, Patienten*innen aus ganz Bayern untergebracht, für die keine Lockerung beim Ausgang möglich ist.

Im Zuge der Reform wird das BKH den übrigen 13 Forensiken im Freistaat gleichgestellt. Dies bedeutet, dass in der Gäubodenstadt ausschließlich Patienten aus dem Regierungsbezirk Niederbayern aufgenommen werden. Zudem wird es künftig auch Lockerungen für die Patienten im sogenannten Maßregelvollzug geben. Der Auftrag wird neben der Sicherung auch die weiterführende Therapie und letztlich die Resozialisierung psychisch kranker und suchtkranker Straftäter umfassen. Hierzu muss sehr viel umstrukturiert werden, viele Therapien müssen neu eingeführt, die Mitarbeiter*innen geschult werden.

Der neue Chef liebt Herausforderungen


Janele liebt Herausforderungen, und überraschende Weichenstellungen sind Teil seiner beruflichen Vita. Eigentlich wollte der gebürtige Regensburger nach dem Abitur Biochemie studieren und Naturwissenschaftler werden. Doch er verschlief den Einschreibetermin. Weil er sich „rein prophylaktisch“, wie er berichtet, auch für Medizin eingeschrieben hatte, machte er das am Tag darauf perfekt und wollte „richtiger Arzt“ werden.

Auch bei der Psychiatrie landete er mehr oder weniger per Zufall. Er hatte von anderen gehört, „dass man in der Anästhesie im Praktischen Jahr wenig tun darf“, und so entschied er sich um, um die Psychiatrie in Regensburg und am Royal Melbourne Hospital kennenzulernen. Er war begeistert von den guten Arbeitsbedingungen, die er dort vorfand. „Wir konnten uns ausgiebig mit der Geschichte der Patienten beschäftigen und uns auch viel mehr Zeit für sie nehmen als in der somatischen Medizin.“ Schnell wurde ihm klar, dass er diesen Weg weitergehen wollte.

Am Bezirksklinikum Regensburg wurde er zu einem „richtigen Psychiater mit allem, was dazugehört“, wie Janele sagt: unter anderem mit Weiterbildungen in der Suchtmedizin, Allgemeinpsychiatrie, Gerontopsychiatrie, Neurologie und neurologischen Reha, Stationen in der Aufnahme, Krisenbewältigung und Resozialisierung sowie in der forensischen Ambulanz.

 

Interesse am Fachgebiet ist einem Zufall geschuldet


Auch das Interesse an der Forensik war einem Zufall geschuldet. Ein ehemaliger Kollege empfahl ihm, sich diesen Bereich einmal anzuschauen. Mit Erfolg – die Wirkung war nachhaltig. Janele stellte fest, „dass die Forensik ein ganz tolles, spannendes Aufgabengebiet ist“ und blieb gleich da – zuletzt als Oberarzt an der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie beim BKH Regensburg.

Aber warum ist die Forensik so interessant? „Das werde ich oft gefragt“, sagt Janele. „Dass man Psychiater wird, kann man sich als Laie vielleicht gerade noch vorstellen, weniger aber, warum sich jemand freiwillig mit der Betreuung und Begutachtung von psychisch kranken Straftätern befasst.“ Den Oberpfälzer faszinieren Lebensgeschichten, Persönlichkeitsentwicklungen, und er möchte gerade Menschen, die im psychischen Ausnahmezustand oder unter Drogeneinfluss eine Straftat begangen haben, dabei helfen, ihre Krankheit in den Griff zu bekommen und ein „normales“ Leben zu führen.

Dass die Arbeit so komplex ist wie die menschliche Seele, mit Rückschlägen behaftet und bei Weitem nicht immer erfolgreich, liegt auf der Hand. Doch kleine und größere Erfolgserlebnisse tragen den Arzt. Sein Credo lautet: „In der Forensik gibt es nur wenige hoffnungslose Fälle.“ Über allem steht irgendwo immer die Frage nach der Motivation, warum manche Menschen bestimmte Dinge in bestimmten Situationen tun.

 

Hinter Mauern und Stracheldraht arbeiten? Kein Problem!


Hinter hohen Mauern und Stacheldrähten eingesperrt zu sein, bedeutet für David Janele kein Problem. „Eigentlich arbeiten wir Forensiker unter diesen Bedingungen geschützter und sicherer als andere Psychiater“, sagt er. „Zwölf Jahre hinter vergitterten Fenstern und abgesperrten Fenstern“, sagt Janele, „für mich ist das schnell zur Routine geworden und ich merke das gar nicht mehr.“

Zudem sei die Aufenthaltsdauer der Patienten in der Forensik wesentlich länger als in den herkömmlichen Psychiatrien und man baue eine intensivere Beziehung zu den Patienten auf. Man lerne sie – soweit möglich – einzuschätzen. Im Inneren einer forensischen Einrichtung gebe es im Übrigen durchaus gewisse Freiheitsgrade. Angst dürfe man nicht haben. Vielmehr sei eine erhöhte Wachsamkeit gefordert.

In Straubing stehe man noch am Anfang der auf zwei bis drei Jahre avisierten Umstrukturierung. Sehr viel Konzeptarbeit drehe sich aktuell um das Thema Corona. Viel Zeit werde in die regelmäßigen umfangreichen Krisenstab-Besprechungen investiert, bei denen man sich auch mit den anderen Kliniken des Bezirks Niederbayern eng abstimme, um eine gemeinsame Linie zu finden, sofern dies möglich ist.

Das BKH Straubing ist eben auch ein „besonderes Krankenhaus“. Janele: „Ich bin begeistert, was gerade das BKH Mainkofen und die Kollegen aus Landshut zuletzt alles auf die Beine gestellt und geleistet haben. Die Herausforderungen dort sind teilweise anders und ungleich höher als in Straubing.“ Um an Covid-19 erkrankte Patienten isolieren und behandeln zu können, halte man inzwischen eine Therapiestation mit 20 Betten samt Schleuse vor. (Christine Hochreiter)


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Kommentare (2)

  1. Heino vor 3 Wochen
    Das Bezirkskrankenhaus Straubing ist eine totale Katastrophe!
  2. Walter vor 3 Wochen
    Dass ein Psychiater sich dafür begeistert, dass er sich Zeit für seine Patienten nehmen kann, ist ein gutes Zeichen. Viele seiner Berufskollegen sind nur daran interessiert, ihre Opfer per Psychopharmaka ruhig zu stellen, und kümmern sich sonst nicht weiter.

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