Kommunales

Der Architekt Clemens Hoyer vor dem Modellprojekt namens Zuhaus im Münchner Stadtteil Haidhausen. (Foto: Stäbler)

27.07.2026

Lösung für Parkflächen-Misere? Das Holzhaus auf Stelzen

Für Parkplätze geht in Kommunen viel öffentlicher Raum verloren. In München erforscht der Architekt Clemens Hoyer, wie über Abstellflächen für Fahrräder und Autos Wohnraum oder von allen nutzbare Anlagen entstehen können

Am Schwarzen Brett des sogenannten Zuhaus – die Betonung liegt hier auf der Vorsilbe – hängt ein bunter Abreißzettel. Darauf der Schriftzug: „Masterstudentin sucht 1- bis 2-Zimmer-Wohnung.“ Was einen direkt zu jenem rosafarbenen Holzhaus bringt, das hier im Münchner Stadtteil Haidhausen auf Stelzen über einigen Fahrradständern thront.

Extraflächen zum Spielen und Toben

Denn Konstruktionen wie dieses Zuhaus könnten dereinst im Kampf gegen Wohnraummangel und irre Mieten in Städten wie München helfen. Das hofft zumindest Clemens Hoyer, der den Gast an diesem Vormittag mit einem Lächeln im Gesicht, einer Kappe auf dem Kopf und einem Besen in der Hand empfängt – schließlich ist er gerade dabei, das Zuhaus nach einem Vorabend mit viel Besuch auszufegen.

Über eine Treppe steigt man vom Bordstein aus zu dem 13 Meter langen Holzhaus empor, das aus zwei Zimmern besteht: einem kleineren, in dem derzeit einige Kunstwerke ausgestellt sind, sowie einem fast 20 Quadratmeter großen Raum mit Holzbank, Tischen und Stühlen sowie einem Korb mit Hausschuhen am Eingang.

Clemens Hoyer ist Architekt und promoviert gerade an der TU Darmstadt. Dabei beschäftigt sich der 37-Jährige mit der Frage, inwiefern Parkplätze in einer Stadt als zusätzlicher Wohnraum genutzt werden können. Oder als Gemeinschaftsflächen für Anwohner – so wie im Zuhaus, wo Hoyer bei einem zweimonatigen Feldversuch bis Ende Juli untersucht, welche Funktionen des Wohnens und Zusammenlebens sich in die zwei „Quartierszimmer“ oberhalb der Fahrradständer auslagern lassen.

„Nehmen Sie als Beispiel eine Familie mit zwei Kindern, die in Haidhausen in einer Dreizimmerwohnung lebt“, sagt der Mann mit dem Rauschebart und dem Smiley-Tattoo in der Ohrmuschel. Nun sei das dritte Kind auf dem Weg, doch eine größere Wohnung sei entweder nicht zu finden oder nicht finanzierbar. In so einem Fall, sagt Hoyer, könne die Familie bestimmte Bereiche ihres Lebens in das Zuhaus verlegen, das als Arbeitszimmer ebenso genutzt werden kann wie als Ort zum Hausaufgabenmachen, als Treffpunkt zum Spielen oder um seinen Hobbys nachzugehen.

Von 7 bis 22 Uhr geöffnet

Für all dies ist das Holzhaus täglich von 7 bis 22 Uhr geöffnet; über die Webseite zuhaus-haidhausen.de können die Quartierszimmer kostenlos gebucht werden. „Es gibt einen regelmäßigen Schachabend, Leute treffen sich zum gemeinsamen Arbeiten, Familien kommen zum Spielen zusammen, und wir hatten hier auch schon Konzerte und Ausstellungen“, zählt Clemens Hoyer auf. Beide Räume sind mit mobilen Steckdosen ausgerüstet. Einen Wasseranschluss gibt es nicht; jedoch stellt eine nahe Bäckerei den Gästen ihre Toilette zur Verfügung.

Bei seinem Feldversuch gehe es darum, „den Menschen einen Gemeinschaftsraum außerhalb ihrer Wohnung zur Verfügung zu stellen“, sagt Clemens Hoyer. Prinzipiell aber sieht der Architekt noch weit größeres Potenzial in der Nachverdichtung von Parkraum. „Das sind Flächen, die vor jeder Haustür vorhanden und im Besitz der Stadt sind“, betont er. Allein im Untersuchungsgebiet seiner Promotion, das drei Parklizenzgebiete in Haidhausen umfasst, würden Parkplätze eine Fläche von 1,8 Hektar einnehmen – „eine beachtliche Zahl“.

Und genau hier ließe sich laut Hoyer durch eine kluge Bebauung zusätzlicher Wohnraum schaffen. Beispielsweise für „Lebensabschnittswohnen“, wie er es nennt – also für Studierende und Auszubildende, aber auch für Obdachlose. Im Weiteren könnten es ebenerdige Zuhäuser gerade älteren Menschen erleichtern, ihre nach dem Auszug der Kinder zu groß gewordene Wohnung aufzugeben und trotzdem im Viertel zu bleiben, sagt Architekt Clemens Hoyer. Zwar räumt er ein, dass Stelzenhäuser über Parkplätzen alleine die immer drängendere Wohnungsnot in Städten wie München nicht lösen können. „Aber wenn es in einem Viertel wie Haidhausen fünf Studierendenwohnungen, fünf Zuhäuser für ältere Menschen und fünf Quartierszimmer geben würde, dann hätte das schon einen Einfluss.“

Zunächst aber will Clemens Hoyer untersuchen, wie das erste Zuhaus an der Kreuzung von Metz- und Wörthstraße angenommen wird. „Bislang gibt es ein unglaubliches Interesse“, sagt er. Die Quartierszimmer würden rege gebucht, die Rückmeldungen über eine Umfrage auf der Webseite seien größtenteils positiv. Und genau das sei für die Zukunft der Zuhäuser entscheidend, glaubt Hoyer. „Es braucht eine große Akzeptanz im Viertel. Doch sobald ein fundierter öffentlicher Wille dahintersteht, hängt eine Umsetzung nur noch am Willen der Stadt.“ (Patrik Stäbler)

 

Anm. der Redaktion: Der Artikel erschien am 17. Juli in der gedruckten Ausgabe der Bayerischen Staatszeitung.
 

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