Kommunales

Die australischen Touristen Will Hartigan (links) und Jackson Kent übernachten im The Tent wegen der günstigen Preise. (Foto: Stäbler)

02.10.2026

Mehr als nur eine billige Bleibe: Fällt das legendäre Münchner Hostel The Tent dem städtischen Sparkurs zum Opfer?

Das vom KJR betriebene The Tent ist die günstigste Unterkunft Münchens und während der Wiesn bei Touristen besonders beliebt. Doch der Erfolgsgeschichte droht ein jähes Ende

Die Nennung der Zahl zaubert Will Hartigan ein Strahlen ins Gesicht – wie bei einem Kind an Heiligabend, das unterm Christbaum die Geschenke entdeckt. „15 Euro für einen Liter Bier?“, ruft der 19-jährige Australier und blickt beseelt zu seinem Landsmann Jackson Kent hinüber, der ebenso begeistert ist. „Ich habe gestern in Prag mit einem Deutschen aus Stuttgart gesprochen“, erzählt der 21-Jährige. „Der hat mir gesagt, dass ein Bier beim Oktoberfest 30 Euro kostet.“

Dass der tatsächliche Preis nur halb so hoch ist, erfüllt die Freunde aus Sydney hörbar mit Erleichterung – schließlich sind sie heuer erstmals nach München gereist, um das weltgrößte Volksfest zu besuchen. Erst vor einigen Stunden sind die beiden in ihrer Unterkunft angekommen, wo sie nun in der Sonne vor der Cafeteria bei einem Bier zusammensitzen.

Jenes Hostel namens The Tent ist in mehrerlei Hinsicht besonders für München – nicht zuletzt wegen der Preise. Denn während man stadtweit zur Wiesn im Schnitt 400 Euro für ein Hotelzimmer hinlegt, nächtigen die Gäste hier bereits ab 13 Euro. So viel Schnäppchen hat auch die zwei Australier, die gerade auf Europareise sind, ins The Tent geführt. „Wir sind hier, weil es die billigste Option war“, sagt Jackson Kent. „So haben wir mehr Geld fürs Oktoberfest.“

Wobei The Tent weit mehr ist als nur eine günstige Schlafstätte in einer teuren Stadt. So genießt das aus mehreren Zelten bestehende Hostel in einem Wäldchen nahe dem Schloss Nymphenburg bei Backpackern in der ganzen Welt einen exzellenten Ruf – und das seit 1972, als die Einrichtung anlässlich der Olympischen Spiele in München gegründet wurde. Doch nun droht dieser vom Kreisjugendring (KJR) betriebenen Institution das Aus – wegen des städtischen Sparkurses.

Campingplatz für eigene oder gemietete Zelte

Doch dazu später, zunächst zurück zu Will Hartigan und Jackson Kent, die hier in einem der Zelte in Stockbetten schlafen werden – für circa 20 Euro die Nacht. Noch günstiger ist es, wenn man seine Isomatte direkt auf dem Boden ausrollt. Überdies gibt es ein Gruppenzelt sowie einen Campingplatz für eigene oder gemietete Zelte – alles vergleichsweise einfach gehalten.

Doch so spartanisch die 400 Schlafplätze sind, so üppig ist das Angebot drumherum. Unter anderem gibt es einen Basketballplatz, Tischtennisplatten, ein Volleyballfeld, reichlich Brettspiele und sogar Instrumente zum Ausleihen. Obendrein können die Besucherinnen und Besucher wahlweise in der Gästeküche kochen oder sich in der Cafeteria ein Essen holen – zu Preisen, die für München fast unverschämt günstig sind.

Und dann ist da noch die große Feuerstelle, wo allabendlich Menschen aus der halben Welt beisammensitzen. „Vor drei Jahren sind bei uns am Lagerfeuer ein Russe und ein Ukrainer aufeinander zugegangen, haben sich umarmt und gesagt: Hier ist kein Krieg“, erzählt Edit Németh. „Das war schon sehr ergreifend, da sind mir fast die Tränen gekommen.“ Jene Begegnung steht ihr zufolge symptomatisch für das, was The Tent auszeichnet: „Es ist ein Ort mit einer ganz besonderen Atmosphäre, wo sich junge Menschen aus aller Welt treffen und austauschen.“

Edit Németh kennt The Tent so gut wie kaum jemand: Vor 42 Jahren hat sie hier als Saisonkraft angefangen; inzwischen leitet sie die stets von Juni bis Oktober geöffnete Einrichtung – danach wäre es in den Zelten schlicht zu kalt, sagt Edit Németh.

Bis zu 8000 Gäste aus über 100 Ländern

Pro Saison zählt The Tent 30 000 Übernachtungen von bis zu 8000 Gästen aus über 100 Ländern – noch. Denn bald könnte das traditionsreiche Hostel seine Türen schließen müssen. „Die Situation ist absolut fatal“, warnt Victoria Renken, die beim KJR als Abteilungsleiterin für The Tent zuständig ist.

Denn aktuell bekommt die Einrichtung nicht nur das Grundstück von der Stadt München gestellt, sondern auch einen jährlichen Zuschuss von circa 200 000 Euro. Dieser sei für den Betrieb essenziell, betont Victoria Renken. Doch angesichts der Sparzwänge im Rathaus gibt es dort Überlegungen, den Zuschuss ab 2028 zu streichen. Im Herbst soll der Stadtrat eine Entscheidung fällen.

„München braucht solche Orte wie hier, an denen junge Menschen ohne Konsumzwang zusammenkommen können“, wirbt Victoria Renken für die Einrichtung. „Diese internationale Begegnung ist einzigartig.“ Ihr zufolge ist der KJR derzeit dabei, „aktiv auf die Stadt zuzugehen“– auch mit konkreten Vorschlägen, wie The Tent und das Gelände weiterentwickelt werden könnten.

Von alldem und dem Damoklesschwert, das über ihrer aktuellen Schlafstätte schwebt, haben Will Hartigan und Jackson Kent freilich nichts mitbekommen – und doch schwärmen auch die zwei Australier von der einzigartigen Atmosphäre. „Man hat alles, was man als Reisender braucht“, sagt Will Hartigan, während er seinen Blick von der Cafeteria zur Feuerstelle schweifen lässt– und weiter zum Glas vor ihm auf dem Tisch. „Und sogar Bier gibt es hier“, sagt er und strahlt. „Was will man mehr?“ (Patrik Stäbler)
 

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