Kommunales

Bereits im Vorjahr waren Securityleute am Münchner Christkindlmarkt allgegenwärtig. (Foto: dpa/Snowfield Photography, D. Kerlekin)

29.11.2025

Riesenaufwand – und Riesenkosten

Noch nie wurde so viel Geld ausgegeben, um Christkindlmärkte sicherer zu machen – das Geld fehlt anderswo

Durchfahrtssperren sind zur Cash Cow geworden: Zu diesem Schluss muss kommen, wer sich anschaut, wie Städte in Sachen Sicherheit bei öffentlichen Veranstaltungen aufrüsten. Auch jetzt bei den Weihnachtsmärkten. Fürth zum Beispiel investierte jetzt eine Million Euro, um zertifizierten Zufahrtsschutz aus der Schweiz anzuschaffen. Auch andere Kommunen geben sechsstellige Beträge dafür aus, dass Weihnachtsmärkte vor Amokfahrten und Terroranschlägen geschützt sind.

Im Vorfeld von Weihnachtsmärkten muss dieser Tage jedoch nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit investiert werden, denn die entsprechenden Sicherheitskonzepte sind aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt. Enge Kooperationen bestehen mit der Polizei, der Feuerwehr und mit Sicherheitsdiensten. Gerade in großen Kommunen werden die Sicherheitskonzepte von Jahr zu Jahr ausgefeilter. Und teurer.

Die Sicherheitsausgaben für den Münchner Christkindlmarkt zum Beispiel stiegen heuer um mehr als 160 Prozent. Aufgrund einer behördlichen Auflage, heißt es von der Pressestelle, müssen nun Zufahrtssperren dauerhaft mit Personal besetzt sein, um Rettungswege zu sichern.

Geheime Debatten

Von den Problemen, die hinter den Kulissen erörtert werden, ehe der Markt startet, sollen Besucherinnen und Besucher möglichst wenig mitbekommen. „Wir setzen alles daran, die richtige Balance zwischen der absolut notwendigen Freiheit und Lebensqualität einerseits und der Sicherheit andererseits zu halten“, betont Augsburgs Ordnungsreferent Frank Pintsch. Sicherheitsmaßnahmen dürften Veranstaltungen nicht verunmöglichen. Gleichzeitig seien sie aktuell von „enormer“ Bedeutung. Auch Augsburg investierte „einen namhaften sechsstelligen Betrag“ für mobile Sperrsysteme.

Ob Weihnachtsmärkte angesichts der Sicherheitslage überhaupt stattfinden sollen, dazu herrschte in keinem Stadtrat einer größeren bayerischen Stadt Dissens. Weder in München noch in Nürnberg, weder in Augsburg noch in Erlangen oder Ingolstadt wurde diese Frage diskutiert: Der Weihnachtsmarkt gehört nun mal dazu. Trotz hoher Kosten ist er nicht wegzudenken. Wobei exakte Kosten laut der Nürnberger Pressestelle aufgrund der Vielzahl an verschiedenen Akteuren gar nicht zu beziffern sind.

Auch Nürnberg wurde sicherheitstechnisch hochgerüstet: An Zufahrtspunkten gibt es nun noch mehr Zu- und Überfahrtsbarrieren.
Wer richtig gemütlich über einen Weihnachtsmarkt bummeln, nach Geschenken stöbern, Grog oder Glühwein trinken möchte, ohne sich von Barrieren umzingelt zu fühlen, sollte aufs Dorf oder zumindest in eine Kleinstadt fahren. Im oberbayerischen Puchheim zum Beispiel findet jetzt am Wochenende der Sternderlmarkt im städtischen Kulturzentrum und rund um die evangelische Kirche statt. Auch den Puchheimern ist Sicherheit wichtig. Aber sie wird mit einfachen Mitteln gewährleistet. „Im Außenbereich besteht eine geschützte, übersichtliche Anordnung stabiler Holzhäuschen“, informiert eine Sprecherin. Kein Betonpoller stört die Idylle.

Traktor statt Sperren

In Ingolstadt hingegen kommen heuer unterschiedliche Sperren zum Einsatz. „Zum einen werden Betonsteine genutzt, zum anderen werden in den Zufahrten der Mauthstraße zertifizierte, aufklappbare Sperren aufgebaut“, teilt die Stadt mit. Auch in Würzburg wurden vor dem Start des Weihnachtsmarkts alle möglichen Drohkulissen theoretisch durchgearbeitet. „Uns liegen keinerlei Erkenntnisse auf eine konkrete Gefahr oder auf Hinweise zu Handlungen oder Drohungen vor“, heißt es vonseiten der Stadt. Details über potenzielle Störungen, Engpässe oder Risiken werden vertraulich behandelt. Dass der Weihnachtsmarkt stattfindet, stand auch in Würzburg außer Frage. Die Kosten für zusätzliche Techniken in Höhe von 260 000 Euro wurden im Stadtrat einstimmig beschlossen.

Gespart wird in Würzburg an Gema-Gebühren. „Wir haben die Spieltage auf der Bühne von Donnerstag bis Sonntag festgelegt“, sagt ein Sprecher. Es wird also nicht mehr jeden Tag Musik ertönen, um Geld zu sparen. Die Stadt Augsburg verwendet laut Wirtschaftsreferent Wolfgang Hübschle bereits seit mehr als zehn Jahren Gema-freie Musik auf ihrem Christkindlesmarkt. Allerdings entrichtet die Stadt Gebühren für Gema-pflichtige Stücke, die bei Auftritten von Musikgruppen erklingen „Die letzten Jahre beliefen sich die Kosten hierfür auf einen niedrigen vierstelligen Betrag.“

Trotz eines nicht ausschließbaren Sicherheitsrisikos brach die Zahl der Marktbeschicker fast nirgends ein. „Auch bei unserer Waldweihnacht ist sie gleich geblieben“, heißt es aus Erlangen. Dass die Händler bei Anlieferung und Aufbau die Zufahrtssperren beachten müssen, sei inzwischen „eingespielt“. Etwas anders schaut es in Traunreut aus: Dort wird es schwieriger, Markthändler zu finden. Über eine positive Entwicklung in Sachen Marktbeschickung freut sich Augsburgs Wirtschaftsreferent Wolfgang Hübschle: „Wir haben heuer nicht nur alte Hasen.“ Auch einige neue Händler präsentieren sich auf dem Augsburger Christkindlesmarkt.
Mancherorts werden Weihnachtsmärkte privat organisiert, wobei die Veranstalter mit der Bezahlung der empfohlenen Sicherheitsmaßnahmen völlig überfordert wären. Beispielsweise in Gauting.

Hier gibt es erstmals Sicherheitsauflagen für die Christkindlmärkte in Gauting und drei Ortsteilen. Die ehrenamtlichen Organisatoren können sich keine speziellen Sperreinrichtungen leisten. Alternativ werden nun unter anderem Traktoren verwendet.
Die Organisation von Sicherheitskonzepten soll den Kommunen nicht aus der Hand genommen werden: Das betonte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) in dieser Woche beim Besuch der Waldweihnacht in Erlangen. Sicherheitskonzepte dürften nicht „standardmäßig“ verlangt werden. „In der Praxis gibt es bereits pragmatische Lösungen, beispielsweise, dass Gemeinden Überfahrsperren bereitstellen, die Veranstalter mit eigenem Personal auf- und abbauen sowie während der Veranstaltung betreuen“, erklärt der Minister. Ihm seien bislang keine Weihnachtsmärkte im Freistaat bekannt, die aufgrund teurer Sicherheitsauflagen hätten abgesagt werden müssen. (Pat Christ)
 

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