Die Verschenkkultur ist im Freistaat längst über den eigenen Freundeskreis hinausgewachsen: Immer mehr Menschen lieben es, das, was bei ihnen nur herumsteht, weiterzugeben.
Außergewöhnlich ist das Engagement der Tauschfreunde im oberbayerischen Bad Aibling. Jeweils im Frühjahr und Herbst wird hier seit 2017 ein Verschenkmarkt organisiert. Am 17. Oktober ist es wieder so weit. Bis zu 500 Bürgerinnen und Bürger geben im Schnitt Waren ab, berichtet Renate Hermann, Vorsitzende der Aiblinger Tauschfreunde. Über 600 Menschen kommen, um sich beschenken zu lassen.
Skurrile Dinge in Geschenkboxen
Eine feine Sache ist für viele Bad Aiblinger auch, dass sie zwischen Mai und September einmal im Monat im Städtchen herumflanieren und sich dabei ebenfalls Geschenke aussuchen können. Seit dem Corona-Jahr 2020 wird ein „Verschenk-Samstag“ organisiert. Wer etwas wegzugeben hat, legt es vor seiner Haustüre auf Tischen oder Bänken aus.
Die Homepage der Tauschfreunde macht publik, wo Tische stehen. Dadurch erhalten auch Bürger, die in versteckten Gassen wohnen, die Chance, Dinge unkompliziert weiterzugeben: „Teilweise werden nagelneue, noch nicht einmal ausgepackte Sachen verschenkt“, weiß Herrmann. Ein Bad Aiblinger bot kürzlich sogar einen neuen Staubsauger, ein Erbstück, umsonst feil. Und zwar genau an jenem Samstag, an dem der Staubsauger einer Mitbürgerin, die gerade am Reinemachen war, seinen Geist aufgab.
Selbst eine Glasvitrine oder ein Sofa fürs Wohnzimmer kann man mit etwas Glück ergattern. Das Mobiliar wird zwar nicht auf die Straße gestellt. Aber entsprechende Fotos auf den Tischen zeigen, was drin im Haus, etwa aufgrund einer Wohnungsauflösung nach dem Tod eines Verwandten, noch zu haben ist. Hermann geht jedes Mal das Herz auf, sieht sie, wie viele Dinge an den Verschenk-Samstagen und bei den Verschenk-Märkten vor der Vernichtung gerettet werden: „Würde das alles weggeschmissen, das würde mir richtig wehtun.“
Manche Dinge in den Geschenkboxen sind skuril – aber es ist darin auch allerlei Nützliches zu finden. Schals. Besteck. Teller. Tassen.
„Auch bei uns in Dachau sind vereinzelt Geschenkboxen am Straßenrand und vor Haus- oder Grundstückseingängen zu sehen“, sagt Stadtsprecher Florian Göttler. Nach einigen Tagen werden sie von den Eigentümern wieder entfernt. Die Stadt selbst musste sich bisher noch nicht kümmern.
Es hat was, beim Schlendern durch die Stadt über solch eine Geschenkbox zu stolpern, vielleicht mit ein paar Büchern drin, in denen man kurz herumblättern kann. Wobei die Boxen bei Weitem nicht die einzige Möglichkeit sind, an Kostenloses zu kommen. Offene Bücherschränke boomen. Und in Dachau gibt es zwei Bücher-Telefonzellen.
Im oberfränkischen Forchheim existiert bereits seit 2011 ein Online-Verschenkmarkt als Alternative zu ebay. Im mittelfränkischen Feuchtwangen existieren ebenfalls mehrere Möglichkeiten, kostenlos zu einem Teller, Beinkleid oder Buch zu kommen. Auch hier werden Geschenkboxen am Straßenrand toleriert.
Probleme damit gab es laut Stadt noch nie. Entfernt werden müssen die Boxen lediglich dann, wenn sie Gehwege blockieren oder den Verkehr behindern. In Feuchtwangen existiert auch ein Umsonstladen sowie ein offener Bücherschrank.
Dass man über Geschenkboxen kostenlos und simpel auch an Dinge kommt, die man in der Küche bereithaben sollte, finde auch Susanne König, Bürgermeisterin des Städtchens Abenberg in Mittelfranken, gut. Aus ihrer eigenen Gemeinde sind ihr solche Boxen allerdings bis dato kaum bekannt. Ihre Vermutung: „Man kennt sich hier bei uns auf dem Land untereinander gut und verschenkt Dinge auf direktem Weg.“ Die Abenberger brauchen also weder Geschenkboxen noch organisierte Umsonstläden, um einander das zukommen zu lassen, was der eine nicht mehr benötigt, der andere aber gutgebrauchen könnte.
Umsonst- oder Kostenlosläden gibt es inzwischen allerdings keineswegs nur in Großstädten wie Nürnberg oder München, sondern auch in kleinen Ortschaften wie etwa im unterfränkischen Reichenberg. Erika Wedrich aus Würzburg hatte den dortigen Laden kürzlich kennengelernt. Sie selbst ist leidenschaftliche Umsonstladen-Aktivisten: Seit Jahren engagiert sie sich für den Würzburger Umsonstladen, der im Februar sein 15-jähriges Bestehen feiert. Damals, 2012, war die Idee eines solchen Ladens noch revolutionär. Nicht umsonst nannte sich die Initiative Luftschloss.
Besucht wird das Luftschloss heute überwiegend von Menschen, die den regulären Preis, etwa für teure Winterklamotten, nicht zahlen können. „Sehr viele Flüchtlinge decken sich bei uns ein“, berichtet Vereinschefin Wedrich. Das ist für das zwölfköpfige Ladenteam auch in Ordnung.
Viele Flüchtlinge decken sich dort ein
Dass das Luftschloss eine heiß begehrte Anlaufstelle für arme Menschen wurde, war allerdings nicht im Sinne der Erfinder. Die Ursprungsidee war eine andere. „Es geht uns im Grunde bis heute darum, Ressourcen zu schonen, dadurch, dass man nicht ständig Neues kauft“, so Wedrich.
Wichtig bleibt dem Team, dass sämtliches an das Luftschloss verschenkte Geschirr, dass sämtliche Bücher, Klamotten und andere Dinge am Ende einen Abnehmer finden: „Wegwerfen wollen wir nichts.“ Was die Kunden nicht mitnehmen, wird beispielsweise an Flüchtlingshelfer weitergegeben.
Froh ist die Vorstandschefin über die meist hohe Qualität der Spenden an den Umsonstladen: „Teilweise erhalten wir Neuware, etwa von jemandem, der Kleidungsstücke gekauft hat, die nicht passen.“ Im Übrigen gibt es auch in Würzburg Geschenkboxen auf der Straße. Die stellen keine Konkurrenz zum Umsonstladen dar. Bitter findet Wedlich, dass die manchmal mutwillig zerstört werden.
Auch für die Mittelschicht immer interessanter
Im Luftschloss selbst hatten kürzlich zwei Jungs Ärgernis erregt: „Sie nahmen alle möglichen teuren Sachen an sich.“ Wedrich sprach sie an. Die beiden drucksten eine Weile herum. Da sah die Schlossherrin auf dem Hof einen kleinen Bus. Schließlich rückten die Buben mit der Sprache heraus: Sie mussten teure Sachen abgreifen, die später verkauft werden sollten.
Das Stöbern in Geschenkläden und Boxen wird in Zeiten explodierender Mieten und Energiepreise auch für die Mittelschicht immer attraktiver. Schadet dies dem Einzelhandel? „Ich gehe nicht davon aus, dass Verschenkboxen an der Straße einen spürbaren Einfluss auf den Handel haben“, sagt Volker Wedde, Geschäftsführer des unterfränkischen Handelsverbands. Er selbst beobachtet, dass die Boxen nicht selten schlicht zur Entsorgung dienen. Wer etwas aus den Schachteln zieht, könne sich, anders als im Einzelhandel, auch nicht auf Produktsicherheit, Funktion und Hygiene verlassen: „Der Neukauf ist nach wie vor die erste Wahl.“
Im Übrigen sei zum Leidwesen des Einzelhandels hier die Möglichkeit des Verschenkens beschränkt. „Mich erreichen regelmäßig Anfragen, wie zum Beispiel ob kleinere Warenüberhänge an gemeinnützige Organisationen gespendet werden können“, erzählt Wedde. Dem stünden rechtliche Hürden entgegen. So müsse grundsätzlich auch für Spenden die Umsatzsteuer auf einen fiktiven Einkaufspreis oder Wiederbeschaffungswert gezahlt werden. (Pat Christ)
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