In Nürnberg regiert derzeit ein schwarz-rotes Bündnis. SPD-Kandidat Nasser Ahmed versucht mit einer kreativen Kampagne in den sozialen Medien, gegen Amtsinhaber Marcus König zu punkten. Sein „N-Wort“-Plakat sorgt bundesweit für Schlagzeilen. König wirbt mit Erfolgen in der Wirtschaftspolitik.
Nach den Wahlen könnte sich die Suche nach stabilen Mehrheiten im notorisch klammen Nürnberg schwieriger als bislang gestalten. Während sich die Aufmerksamkeit im Wahlkampf auf die medienwirksamen Attacken des SPD-Herausforderers Nasser Ahmed sowie die Rathausbilanz von CSU-Amtsinhaber Marcus König konzentriert, könnte sich die Zusammensetzung des 70-köpfigen Stadtparlaments der heimlichen Franken-Kapitale auch durch wachsende Zustimmungswerte für die AfD massiv verändern.
Schlagabtausch um den Zustand der Stadt
Im Rennen um den Nürnberger OB-Posten streiten die Spitzenkandidaten der Hauptkontrahenten von CSU und SPD gerne über den Zustand der Großstadt. Während SPD-Kandidat Ahmed wenig überraschend die Probleme betont, rückt CSU-Mann König die Erfolge ins Zentrum. Die unterschiedlichen Sichtweisen führen mitunter zu kuriosen Konfrontationen.
So etwa jüngst in der Fußgängerzone: Ahmed gab zahlreichen Kritikern der Shoppingmeile nach dem Motto „Nürnberg kann das besser“ im Rahmen eines bunten Instagram-Videos eine Bühne. Von „Du hast hier nichts mehr“ bis „Die Stadt ist schon tot“ urteilten vornehmlich junge Passanten ins Mikrofon der fränkischen Influencerin und Reality-TV-Darstellerin Chiara Antonella, bekannt aus Formaten wie der Dating-Show Love Island. Der promovierte Politikwissenschaftler Ahmed holte sich damit prominente Social-Media-Unterstützung – offensichtlich zum Missfallen von CSU-OB König.
Symbolische Retourkutschen im Wahlkampf
Die mutmaßliche Retourkutsche ließ nicht lange auf sich warten. Während des Christkindlmarkts schlenderte ein demonstrativ gut gelaunter König „auf der Suche nach dieser fürchterlichen Innenstadt“ zur Filmmusik des Pink Panther durch die proppenvolle Altstadt.
Auch bei anderen Themen versucht Ahmed, dessen Eltern in den 1980er-Jahren vor dem Bürgerkrieg in Eritrea nach Deutschland flohen, den sprichwörtlichen Finger in die Wunden zu legen. Einmal fordert der junge Familienvater, Schluss zu machen „mit maroden Schulturnhallen“, ein anderes Mal die Einführung eines kostenlosen Schülertickets.
Politische Vorbilder und Social-Media-Strategie
Für seine Wahlkampfagenda hat sich Ahmed offenbar den frisch gekürten Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani, zum Vorbild genommen. „Wir beide wissen, was es heißt, nicht dazuzugehören, und wir arbeiten dafür, dass alle dazugehören können“, schrieb Ahmed anlässlich der Nominierung des Demokraten auf Facebook. Wie sein US-Pendant setzt er auf kostenlosen Nahverkehr und mehr bezahlbaren Wohnraum.
Um seine Bekanntheit zu steigern, ließ sich Ahmed offenbar auch von den vielfach geklickten Food-Posts von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) inspirieren. Ob Falafel oder Schäufele – regelmäßig veröffentlicht der 37-Jährige Essens-Selfies und muss sich dafür gelegentlich den Vorwurf gefallen lassen, „Söder isst“ zu kopieren.
Provokation und Kritik
Für erhebliche Kritik sorgte zuletzt die Enthüllung eines großen Wahlplakats an der Fassade der SPD-Parteizentrale mit dem Slogan „Mein N-Wort ist Nürnberg“. Damit habe er den „Elefanten im Raum bei den Hörnern packen“ wollen, erklärte Ahmed mit Blick auf seine afrikanische Herkunft. Seine Migrationsgeschichte hatte er bereits in seiner Autobiografie Und dennoch stehe ich hier – Warum ich Nürnberg liebe öffentlich thematisiert.
Während manche CSU-Vertreter bereits den Amtsinhaber in Bedrängnis sahen, bewahrte König zumindest nach außen die Ruhe. Ein Buch über seine Karriere vom Hauptschüler zum Oberbürgermeister hat er bislang nicht geschrieben. Auch Kritik an seinem nach eigenen Angaben größten Erfolg – der erfolgreichen Bewerbung zur Landesgartenschau 2030 – ließ er an sich abprallen. Das Projekt hatte die CSU gegen die SPD, aber mit Stimmen der Grünen, durchgesetzt.
Wirtschaftsbilanz und Führungsstil
Beim jüngsten Neujahrsempfang sprach König über den Stil seines Wahlkampfs: „Bei aller Zuspitzung, Kritik und Konkurrenz ist mir aber heute sehr wichtig zu betonen: Wir Demokratinnen und Demokraten müssen fair und ernsthaft miteinander umgehen. Populismus, Verächtlichmachung und Fake News haben keinen Platz in diesem Wahlkampf – jedenfalls nicht für mich.“
Dabei verwies König auf seine wirtschaftspolitische Bilanz. „2020 hatten wir zu Beginn meiner Amtszeit 421 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen. 2024 waren es 676 Millionen Euro. Unsere Unternehmen stehen gut da.“ Mit dem Titel seiner Rede „Nürnberg funktioniert“ setzte er bewusst einen Kontrapunkt zum Slogan des Herausforderers „Das kann Nürnberg besser“.
Erheblicher Zuwachs bei der Gewerbesteuer
Trotz des zunehmend hitzigen Wahlkampfs verzichtete König bislang auf offene Kampfansagen. „Nicht immer perfekt. Aber zuverlässig“, beschrieb er seinen Stil. Derzeit wird Nürnberg von einem schwarz-roten Bündnis auf Grundlage eines Kooperationsvertrags regiert. Mangels Alternativen würde König dieses Bündnis im Fall einer Wiederwahl wohl fortsetzen.
Zugleich plädierte König für die Fortführung des sogenannten Nürnberger Modells, das einst Ex-Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) eingeführt hatte. Es sieht vor, die großen Fraktionen entsprechend ihrem Stimmenanteil an der Vergabe von Referentenposten zu beteiligen. Die Grünen stellen deshalb die Umweltreferentin – Britta Walthelm, die im März ebenfalls für das Rathaus kandidiert.
Nach Königs Auffassung müssen die großen demokratischen Fraktionen weiter „an der Führung der Stadt konstruktiv beteiligt“ werden. Wie tragfähig die Zusammenarbeit künftig ist, hängt dabei nicht allein vom Oberbürgermeister ab. Den Finanzen misst König eine Schlüsselrolle zu: „Jeder Cent, jeder Euro für die Kommunen ist Mörtel für das Fundament unserer Demokratie!“
Mehrheit der demokratischen Mitte als Ziel
Von der Frage, wie dieser Mörtel verteilt wird, dürfte auch die Wahlentscheidung vieler Nürnberger abhängen. Bei der letzten Stadtratswahl kam die SPD mit knapp 26 Prozent hinter der CSU (über 30 Prozent) und vor den Grünen (rund 20 Prozent auf Platz zwei). Ahmed hat bereits angekündigt, „auf Sieg“ spielen zu wollen. Im Endspurt setzt die SPD verstärkt auf die Unterstützung des früheren Oberbürgermeisters Ulrich Maly.
Die grüne Kandidatin beteiligt sich am Duell bislang kaum und setzt unter der Überschrift „Miteinander“ auf klassische Themen wie Integration und Umweltschutz. Offen ist zudem, ob die AfD ihr Ergebnis von rund fünf Prozent aus dem Jahr 2020 deutlich steigern kann. In landesweiten Umfragen lag sie zuletzt bei knapp 20 Prozent.
Der Amtsinhaber fasst die Lage im Rathaus so zusammen: „Mir liegt viel daran, dass wir eine stabile Mehrheit der demokratischen Mitte erreichen und in gemeinsamer Verantwortung diese Stadt gestalten – ohne auf die extremen Ränder angewiesen zu sein.“ Deshalb könne er nicht nachvollziehen, dass Ahmed gemeinsame Erfolge aus der bestehenden Rathaus-Kooperation im Wahlkampf „schlechtredet“. (Nikolas Pelke)
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