Kommunales

Würzburgs Grünen-OB Martin Heilig ist bei der Mehrheitsbeschaffung oft auch auf kleinere Parteien angewiesen. (Foto: dpa, Hildenbrand)

17.01.2026

Wahlkampf in Zeiten des Sparzwangs - Serie „Bayern wählt“ (Teil 2): Bei der Stadtratswahl in Würzburg geht es vor allem für die Grünen um viel – hält ihr Höhenflug an?

In Würzburg wird zwar kein neuer Rathauschef gewählt – in einer vorgezogenen Neuwahl setzte sich im Frühjahr Martin Heilig durch. Er ist Bayerns erster Grünen-OB. Doch die Kommunalwahl wird dort dennoch spannend: Die CSU würde die Grünen gerne als stärkste Partei ablösen. Und die SPD will den Absturz in die Bedeutungslosigkeit verhindern. Pat Christ hat sich in der Stadt am Main umgehört

Die letzte Kommunalwahl fiel just mit der Gründung seiner Familie zusammen: Im Jahr 2020 kam das erste Kind des Würzburger SPD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Kolbow zur Welt. Der junge Vater verzichtete daraufhin auf eine OB-Kandidatur. Ins Rennen zog eine Kandidatin, die denkbar schlecht ankam: Kerstin Westphal aus Schweinfurt. „Die letzte Kommunalwahl war für uns dramatisch“, gibt Alexander Kolbow unumwunden zu. Lediglich vier Sozialdemokraten schafften es damals, in den Stadtrat einzuziehen.

Zuletzt nur vier SPD-Stadträte

Die Partei wird sicherlich kein zweites Mal so leichtsinnig auf einen Spitzenkandidaten setzen, der nicht aus Würzburg stammt. Wobei diesmal in Unterfrankens Metropole kein Stadtoberhaupt gewählt wird. Nachdem OB Christian Schuchardt (CSU, bis 2025 CDU) Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Städtetag wurde, kam es im Mai 2025 zu vorgezogenen OB-Wahlen. Daraus ging der Grüne Martin Heilig als Sieger hervor. Mit dem ist Alexander Kolbow zufrieden: „Er bemüht sich, alle mitzunehmen.“

Überhaupt scheint Harmonie im Stadtrat angesagt zu sein, wie die Beratungen über den 720 Millionen schweren Haushalt für 2026 zeigten. Die Verwaltung musste keinerlei Druck aus dem Stadtrat nachgeben. Um in schwierigen Zeiten handlungsfähig zu bleiben, verzichteten die Fraktionen auf eigene Anträge. Der Schrecken der haushaltslosen Jahre 2003 und 2004 sitzt altgedienten Stadträten bis heute in den Knochen. Die Stadt sollte nicht noch einmal tiefrote Zahlen schreiben.

Das Problem mit Blick auf die Kommunalwahl ist nun, dass durch die debattenlosen Beratungen wenig Konturen zwischen den Fraktionen erkennbar sind. Alexander Kolbow stellt sich auch deswegen auf einen herausfordernden Wahlkampf ein. Er geht zudem davon aus, dass sich jede Menge Unmut an der Bundespolitik an den Würzburger Infoständen entladen wird.

Ein Thema, das die SPD auf jeden Fall bespielen möchte, ist die Wohnungskrise. Die Partei erinnert daran, dass sie 2018 eine Quote von 30 Prozent für sozial geförderten Wohnungsbau durchsetzen konnte. Grundstücke und Investoren stehen zur Verfügung: „Allerdings werden die Fördergelder des Freistaats nicht freigegeben.“ Doch der SPD kann keiner vorwerfen, dass sie in diesem Bereich untätig ist.

„Für ein Würzburg, das zusammenhält“

Das SPD-Wahlprogramm mit dem Titel „Für ein Würzburg, das zusammenhält“ war früh ausgereift und wurde als erstes aller größeren Parteien online gestellt. Der Titel hebt auf die aufgeladene Stimmung im Land ab. Auch in Würzburg schwindet die Sympathie für Flüchtlinge. Ein Hauptgrund ist die Wohnungsnot. Auf dem Arbeitsmarkt wird es ebenfalls knapper. Das Jobcenter, informiert Kathrin Speck, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege in Unterfranken, hatte zuletzt kaum noch Mittel für Arbeitsmarktförderung.

Für die CSU-Fraktion waren es mehr oder weniger verzichtbare Leistungen gewesen, die dem Haushaltsentwurf der Verwaltung zufolge dem Rotstift zum Opfer fallen sollten. Deshalb hatte man keine Probleme, den Entwurf abzusegnen. „Was wegfiel, war ‚nice to have‘“, kommentiert CSU-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Roth.

Von Harmonie im Stadtrat kann aus seiner Sicht jedoch keine Rede sein. Aus reinen Vernunftsgründen, sagt er, habe man auf Anträge verzichtet: „Doch wir haben komplett andere Schwerpunkte als die anderen.“ Während die SPD dafür kämpft, dass jeder Würzburger in eigenem Wohnraum menschenwürdig leben kann, und die Grünen für den Erhalt ökologischer wertvoller Bäume, Stadtgrün und Klimaschutz eintreten, hat die CSU klar die Wirtschaft im Blick. „Wir sind von Haus aus die Fraktion, die Investoren unterstützt“, betont Wolfgang Roth.

Viele Beschlüsse an der CSU vorbei

Viel durchsetzen konnten die Christsozialen in der letzten Legislaturperiode jedoch nicht. Und zwar, wie der Landwirt anprangert, weil die Grünen ein „Bündnis der Verhinderer“ geschaffen hätten. Investoren seien mit überzogenen, wenig sachkompetenten Sozial- und Öko-Forderungen vergrault worden: „Viele Chancen gingen an Würzburg vorüber“, moniert Roth. Statt nach guten Lösungen zu suchen, seien Zehntausende Euro für Potenzialanalysen und Machbarkeitsstudien ausgegeben worden: „Vieles war für die Katz, die Projekte wurden nicht umgesetzt.“

Für ihre Wahlliste suchte die CSU nicht zuletzt vor diesem Hintergrund konservative Kandidaten mit wirtschaftlichem Sachverstand. Ziel ist es, mindestens 15 Mandate zu erringen. Aktuell sitzen 14 Christsoziale im Stadtparlament. Drei weniger als zuvor. Die Grünen würden diesmal Anhänger verlieren, ist Wolfgang Roth überzeugt. Sorgen machen ihm mit Blick auf den Wahlkampf Gefolgsleute von linken und „ultralinken“ Gruppierungen. Schon die vorgezogene OB-Wahl war für die CSU ein Spießrutenlauf. Oft gab es Anfeindungen: „Einem von uns wurde, während er Flyer verteilte, ins Gesicht gespuckt.“ Ein andermal rückten zehn Polizisten an, um einen Konflikt am Wahlkampfstand zu entschärfen. Roth ist sicher, dass er dies abermals erleben wird: „Hätte ich vor 25 Jahren, als ich in die Kommunalpolitik einstieg, gewusst, wie sich die Dinge entwickeln, hätte ich mich nie darauf eingelassen.“

Dass Klimaschutzmaßnahmen angesichts zunehmender sozialer Probleme immer schwerer zu begründen sind, bekommt Barbara Lehrieder, Fraktionsvorsitzende der Grünen, in Bürgergesprächen mit. Bei der letzten Kommunalwahl gingen Würzburgs Grüne mit ihren Öko-Themen noch klar als Sieger hervor: Sie steigerten sich von neun auf 16 Mandate.

Grüne setzen auch auf soziale Komponente

Nachdem sich nun der Wind gedreht hat, weg von grünen hin zu sozialen und wirtschaftlichen Themen, wäre es für die Fraktion diesmal ein Erfolg, könnte sie die 16 Mandate behalten. Auch Barbara Lehrieder, die sich in Würzburg sozial engagiert, bedrückt, wie schnell inzwischen Geringverdiener mit Familie Bezieher von Grundsicherung werden können. Zum Teil müssten sich diese Menschen an die Bahnhofsmission wenden, um über die Runden zu kommen: „Die Nachfrage ist dort gravierend gewachsen.“

Im Wahlkampf wollen die Grünen deutlich machen, dass sie die sozialen Missstände sehen und daran arbeiten werden, sie zu entschärfen. Lehrieder kennt den Unmut mancher Bürger, nach deren Ansicht Grünen-Politiker

versuchen würden, Öko-Forderungen fast mit Brachialgewalt durchzusetzen: „Auch wird uns vorgeworfen, dass wir gern Dinge vorschreiben.“ Entsprechend vorsichtig wolle man diesmal im Wahlkampf agieren und argumentieren.

Wobei die Grünen nach wie vor davon überzeugt sind, dass mehr für Umwelt- und Klimaschutz getan werden muss. An den Wahlkampfständen möchte man verdeutlichen, welche Vorteile dies bringt: „Mehr Grün in der Stadt bedeutet ein Plus an Aufenthaltsqualität.“
 

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