Kommunales

Die Erweiterung seines Verwaltungsgebäudes kostet den Bezirk Unterfranken deutlich mehr als ursprünglich veranschlagt. (Foto : Pat Christ)

26.04.2019

Wenn der Boom zur Bremse wird

Die rege Bautätigkeit in der Privatwirtschaft durchkreuzt immer öfter die Baupläne der Kommunen – auf etliche Ausschreibungen trudelt kein einziges Angebot mehr ein

Wenn bayerische Kommunen bauen wollen, meldet sich immer öfter nur mehr ein oder überhaupt kein Bieter mehr – oder die Baufirma verlangt weit mehr Geld, als die lokale Verwaltung eigentlich für das Projekt veranschlagt hat. Städte, Gemeinden und Bezirke müssen deshalb häufiger als früher umplanen.

Baufirmen profitieren vom steigenden Bedarf an Wohnraum: Die Auftragsbücher sind gefüllt, die Branche brummt. Für Kommunen hat das gravierende Schattenseiten. Denn oft trudelt auf eine Ausschreibung kein einziges Angebot mehr ein. Wer noch bietet, tut dies mitunter zu „Fantasiepreisen“, wie kommunale Baureferenten sagen. Der Bauboom wird vielerorts zur Baubremse. Projekte verteuern sich und dauern deutlich länger.

Dass es sich um ein aktuell gravierendes Problem handelt, bestätigt der Bezirk Unterfranken. Der ist in puncto Bauen höchst aktiv. Fast 45 Millionen Euro sollen heuer in Bau und Unterhalt der bezirklichen Einrichtungen investiert werden.

Vereinfachte Ausschreibung als mögliche Lösung?

Zu den derzeitigen Großprojekten zählt die Erweiterung des Verwaltungsgebäudes in Würzburg. Vor zweieinhalb Jahren genehmigte der Bauausschuss die Bauvorlage. Damals ging man von einer Investitionssumme von knapp 5,5 Millionen Euro aus. Inzwischen ist klar, dass die Erweiterung mindestens 7,2 Millionen Euro verschlingen wird. Die Kostensteigerung ist nicht zuletzt der guten Baukonjunktur geschuldet. Auf Ausschreibungen Angebote zu bekommen, wird laut dem bezirklichen Baureferat immer schwieriger. Allein die Arbeiten an einer der Gebäudefassade schlagen mit zusätzlichen 360 000 Euro zu Buche, weil es hierfür nur einen einzigen Bieter gab. „Wir waren in einer Zwangslage, da wir die Fassade ja unbedingt vergeben mussten“, so Felix Neumann vom Baureferat. An der Ausführung der Trockenbauarbeiten waren lediglich zwei Bieter interessiert.

Seit Längerem versucht der Bezirk laut seinem Präsidenten Erwin Dotzel, Strategien zu entwickeln, um mehr Firmen dazu zu bewegen, ein Angebot abzugeben. So kursiert die Idee, dass Unternehmen, die sich an einer Ausschreibung beteiligen, allein für die Abgabe ihres Angebots 1,5 Promille der Bausumme für das jeweilige Gewerk erhalten sollen. Damit würde der immense Aufwand, den die Teilnahme bedeutet, berücksichtigt.

Ob öffentliche Auftraggeber bereits die Angebotsabgabe belohnen dürfen, ist allerdings noch nicht zweifelsfrei geklärt. „Doch wir konnten andere Barrieren abbauen“, so Neumann. So werden sämtliche Unterlagen für Ausschreibungen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Früher hatte der Bezirk für den Versand von Plänen und anderen Papieren Geld verlangt. Neumann: „Deshalb forderten nur solche Firmen Unterlagen an, die wirklich Luft und Kapazitäten hatten.“ Dadurch kam es in jüngster Zeit zu einer abnehmenden Beteiligung.

Die Folgen des Baubooms treffen große wie kleine Städte. „Auch wir spüren die damit einhergehende Kostensteigerung deutlich“, sagt Beatrix Schmeiser, Stadtplanerin von Puchheim, einer knapp 20 000-Enwohner-Kommune im oberbayerischen Landkreis Fürstenfeldbruck. Das mache die Kostenschätzungen äußerst vage. Was ein „sehr großes Problem“ darstellt. Seit zwei Jahren kommt es in Puchheim vereinzelt vor, dass die Stadt kein einziges Angebot auf Ausschreibungen mehr erhält. „Teilweise lagen die Angebote auch so maßlos über den berechneten Kosten, dass die Ausschreibung aufgehoben werden musste“, berichtet Schmeiser.

Um gegenzusteuern, wird in Puchheim versucht, auch kleine Firmen zu motivieren, Angebote abzugeben. Zu diesem Zweck werden Arbeiten, lässt das Gewerk dies zu, in kleinteilige Ausschreibungspakete aufgeteilt. Das allerdings ist in mehrfacher Hinsicht zeitaufwendig. So sind mehrere Ausschreibungsverfahren nötig. Tummeln sich mehr Firmen auf der Baustelle, steigt außerdem der Koordinationsaufwand für die Bauleitung.

Auch Puchheim bemüht sich, den Verwaltungsaufwand für die Bieter auf „ein erträgliches Maß“ zu reduzieren. „Außerdem versuchen wir, mit einem möglichst großen zeitlichen Vorlauf auszuschreiben, in der Hoffnung, dass die Firmen noch Kapazitäten haben“, so Schmeiser. Trotz erschwerter Bedingungen konnte man in Puchheim bisher alle geplanten Bauvorhaben realisieren. Wenn auch, wegen der knappen Ressourcen bei den Firmen, teilweise später als geplant.

Im unterfränkischen Kitzingen wird sowohl der Tief- als auch der Hochbau vom Bauboom tangiert. Soeben mussten zwei Ausschreibungen, die beide Kreisstraßen betrafen, aufgehoben werden. „Die Angebote lagen weit über der Kostenberechnung, die bereitgestellten Haushaltsmittel reichen nicht“, legt Pressesprecherin Corinna Petzold dar. Über alle Baubereiche hinweg gibt es ihr zufolge oft nur einen Bieter: „Obwohl Firmen bei beschränkten Ausschreibungen im Vorfeld abgefragt werden, ob denn Interesse an der Ausschreibung besteht.“

In Kitzingen wird versucht, Baufirmen durch eine Bauzeitverlängerung zu ködern. Ausgeschrieben wird nach Möglichkeit im Herbst oder im Winter mit anvisiertem Baubeginn für das nächste Frühjahr. Dennoch bleibt die Problematik bestehen, dass Ausschreibungsverfahren für Firmen kompliziert und arbeitsaufwendig sind. Was an dem von der EU konzipierten Regelwerk liegt. Petzold: „Bei der momentanen Auftragslage möchten sich Firmen nicht mit dem Formalismus der öffentlichen Auftraggeber auseinandersetzen.“

Dass es immer weniger Bieter gibt, hat nach Analysen der unterfränkischen Stadt Aschaffenburg viele Gründe. So sei die Zahl der Firmen seit der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise geschrumpft, erklärt Pressesprecherin Mailin Seidel. Die Einführung der elektronischen Vergabe führte am Untermain dazu, dass kleinere Handwerksbetriebe nicht mehr mitbieten.

„Nachweispflicht ist oft unverhältnismäßig“ 

Auch in Aschaffenburg sieht man überdies, dass die bei öffentlichen Ausschreibungen geforderten Nachweise und Bestätigungen gegenüber privaten Ausschreibungen inzwischen „oft unverhältnismäßig“ sind. Die Baukosten steigen ebenfalls aus einer Vielzahl an Gründen. Zur hohen Auslastung der Firmen kämen höhere Materialkosten. Schwierig sei gleichzeitig, dass die Kommunen in puncto Bauen durch politische Forderungen immer stärker unter Zugzwang geraten. So verhindern politisch beschlossene Schul- und Kinderbetreuungskonzepte ein „antizyklisches“ Bauen mit ausreichender Vorlaufzeit.

Auch im oberbayerischen Rosenheim kam es schon vor, dass sich kein einziges Unternehmen auf eine Ausschreibung bewarb. „Gehen für einzelne Bauprojekte gar keine oder keine wirtschaftlichen Angebote ein, muss neu ausgeschrieben werden“, erklärt Thomas Bugl von der Stadtverwaltung Rosenheim. Verzögerungen seien dadurch unvermeidlich.

In Rosenheim beobachten die Behörden im Übrigen eine Zunahme an Bebauungsplanverfahren. Daraus könne jedoch keine insgesamt höhere Bauaktivität abgeleitet werden. „Aufgrund der Komplexität, der umfangreichen Fachgutachten und der Beteiligungsprozesse dauern die Verfahren immer länger“, erklärt Bugl. Außerdem würden nicht immer alle Baurechte sofort genutzt.
(Pat Christ)

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