Kommunales

Jahrzehntelang beschäftigte sich Ulrich Sorg als Beamter mit Moorschutz. Foto: Dominik Baur,

12.09.2026

Wiedervernässung im Donaumoos: Es werde Moor

Obwohl Ministerpräsident Markus Söder sie vor fünf Jahren zur Chefsache machte, schreitet die Wiedervernässung im Donaumoos nur langsam voran

Nein, ein Denkmal haben sie ihm hier noch nicht gesetzt, noch nicht einmal eine Gedenktafel angebracht. Doch genau hier war es. Ulrich Sorg zeigt auf die verwitterte Holzbank. Wer auf ihr sitzt, blickt Richtung Norden auf das bayerische Donaumoos: Äcker, Felder, Wiesen liegen dort unten. „Hier saß Söder“, erzählt Ulrich Sorg.
Sorg spricht vom 4. Mai 2021. Es war ein Dienstag, ein windiger Tag, auch damals war der Himmel wolkenverhangen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder war auf den kleinen Hügel bei Langenmosen gestiegen und verkündete ein Moorrenaturierungsprojekt beachtlichen Ausmaßes: 2000 Hektar des Donaumooses würden innerhalb von zehn Jahren wiedervernässt werden, 200 Millionen Euro sollte es dafür geben.

Es war noch zur Corona-Zeit, Söder trug Maske. Er sprach von einer „pandemischen Herausforderung“, meinte jetzt aber den Klimaschutz. Es waren die Zeiten, als Söder seine umweltbewegte Phase hatte, als er im Münchner Hofgarten Bäume umarmte.

Manche Bauern sind noch immer skeptisch

Auch Norbert Schäffer, der Vorsitzende des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz (LBV) und qua Amt nicht unbedingt ein CSU-Claqueur, war an dem Tag in Söders Entourage und – jubelte. „Wir sind begeistert von den Plänen“, goutierte die Naturschutzorganisation damals.

In jedem Fall war es ein Tag, der nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. So oder so. Söder-Hügel nennen die Donaumoos-Bewohner die Anhöhe bisweilen schon, wenn auch eher spöttisch. Denn sie selbst waren bei dem sehr kurzfristig anberaumten Termin nicht erwünscht. Wer dennoch kam, wurde am Fuße des Hügels abgewiesen.

Die Mösler, sagt Sorg etwas später im Auto, seien ein misstrauischer Menschenschlag, „sehr beleidigungsfähig“. Es verwundert kaum, dass sich die Begeisterung bei der örtlichen Bevölkerung in Grenzen hielt. Einfach hierher zu kommen, ohne vorher mit den Leuten gesprochen zu haben, und dann über ihre Zukunft zu verfügen, das kam nicht gut an.

„Versumpfen“ war die Vokabel, die bald darauf die Runde machte. Die wollen uns versumpfen lassen. Was hängen blieb, war: Das Donaumoos soll wiedervernässt werden. Dass es nicht um das gesamte Donaumoos ging, dessen Moorfläche 12 000 Hektar umfasst, sondern nur um 2000 davon, ging unter. Auch dass das Projekt auf Freiwilligkeit beruhte.

Sorg lenkt seinen Wagen nun direkt ins Moos. Der 75-Jährige, Vollbart, Brille, schwäbisches Idiom, ist längst pensioniert, aber das Donaumoos lässt ihn nicht los. Jahrzehntelang beschäftigte sich Sorg als Beamter mit Moorschutz, lange hier vor Ort, später dann als Koordinator für den bayernweiten Moorschutz am Landesamt für Umwelt.

Der Graben links neben der Straße sei einer der Hauptentwässerungsgräben, erklärt Sorg, er transportiere das Wasser in Richtung Nordosten – aus dem Moos hinaus und in die Donau hinein. Sorg biegt rechts ab in Richtung Ludwigsmoos.

Das bayerische Donaumoos ist mit seinen 12 000 Hektar das größte Niedermoor Süddeutschlands. Insgesamt gibt es in Bayern 220 000 Hektar Moorfläche, von denen 200 000 Hektar trockengelegt sind. Hiervon wiederum werden 120 000 landwirtschaftlich genutzt, der Rest sind überwiegend Moorwälder.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Donaumoos urbar gemacht, sprich: mit Gräben entwässert. Um das neue Stück Land zu bewirtschaften, siedelte man hier Menschen aus ganz Süddeutschland an. Während diese es anfangs sehr schwer hatten, auf dem ungewohnten Boden Landwirtschaft zu betreiben, ist dies seit Ende des 19. Jahrhunderts etwa durch angepasste Kartoffelsorten kein Problem mehr. Was sich allerdings als Problem herausgestellt hat: Der trockene Torf zersetzt sich, wenn er mit Sauerstoff in Kontakt kommt. Die Folge: Der Boden sackt ab, und Kohlendioxid wird frei. Und das im großen Stil.

Moore findet man zwar nur auf 3 Prozent der Landfläche der Erde, aber sie speichern doppelt so viel Treibhausgase wie alle Wälder zusammen. Seit den ersten Messungen vor knapp 30 Jahren besteht an ihrer enormen Bedeutung für den Klimaschutz kein Zweifel mehr. In Deutschland sind trockengelegte Moore für rund 7,5 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Aus ihnen entweichen jährlich rund 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente in die Luft, 6,7 Millionen davon in Bayern, und über 400 000 im Donaumoos. Dass Handlungsbedarf besteht, darüber besteht kein Zweifel.

Wie sehr der Boden in der Folge absinkt, ist hier überall zu beobachten. Sorg zeigt im Vorbeifahren auf die katholische Kirche von Ludwigsmoos. Acht Stufen führen hinauf zum Eingangsportal. Gebaut wurde sie seinerzeit ebenerdig. Auch die Keller vieler Wohnhäuser ragen aus dem Boden heraus.

In der Mitte von Ludwigsmoos hat Sorg schließlich sein Ziel erreicht: den sogenannten Moospegel. Der Holzpfahl am Straßenrand wurde 1860 errichtet und zeigt die Moorsackung ab 1836 an. Bis 2014 waren es 2,90 Meter. Aktuell geht man von einem weiteren Verlust von ein bis drei Zentimetern im Jahr aus. Torf, der unwiederbringlich verloren ist. Die Torfschicht darunter ist allerdings noch zwei, drei Meter dick – in manchen Gegenden sogar noch dicker. Sie zu retten, darum geht es.

Fünf Jahre nach Söders Aufschlag ist bei vielen Ernüchterung eingekehrt

Doch fünf Jahre nach Söders Aufschlag ist bei vielen Ernüchterung eingekehrt. Der einst so euphorisierte LBV etwa kommt nun zu dem Schluss, dass zwar erste Schritte getan seien, die Geschwindigkeit aber deutlich erhöht werden müsse. Im Donaumoos sind Stand Januar gerade mal 75 Hektar wiedervernässt worden. Bayernweit waren es seit 2019 1706 Hektar. Dabei hatte die Staatsregierung 55 000 Hektar bis 2040 als Ziel ausgegeben, darunter 20 000 Hektar landwirtschaftlich genutzter Boden.

„Passiert ist in der Fläche also nichts“, ärgert sich Fachmann Sorg und spricht sogar von einer Verbrennung von Steuermitteln. 27 Millionen Euro seien von Umwelt- und Landwirtschaftsministerium seit 2021 ausgegeben worden – für 75 Hektar.

Und die Grünen im bayerischen Landtag verlegten im Juni eine ihrer Fraktionssitzungen symbolträchtig ins Haus im Moor am Rande des Donaumoos. „Viel ankündigen, wenig umsetzen – das ist die bisherige Moorpolitik der Staatsregierung“, schimpfte dort Fraktionschefin Katharina Schulze. Und Patrick Friedl, Fraktionssprecher für Naturschutz, sagte: „Moorschutz geht nur gemeinsam mit den Landwirtinnen und Landwirten. Wer Flächen wiedervernässt, braucht Planungssicherheit, faire Vergütung und neue Einkommensquellen.“

Ein Satz, wie ihn wohl auch Gerhard Dittenhauser unterschreiben könnte – obwohl er eher nicht zur Grünen-Klientel gehört. Denn er ist einer dieser Landwirte, auch wenn der Mann genaugenommen gar nicht mehr als Bauer arbeitet. Den Hof, den er im Nebenerwerb geführt hat, hat er an den Sohn übergeben. Hauptberuflich ist er noch immer in der Landhandelsfirma seines Onkels angestellt, die Kartoffeln und Zwiebel vertreibt.

Es ist ein heißer Julitag. Dittenhauser steht in kurzen Hosen in seinem Büro und schaltet erstmal das Radio aus. Von seinem Fenster aus blickt er auf das Firmengelände, das derzeit einen ziemlich verlassenen Eindruck macht. Denn nur von November bis Mai werden hier am Standort in Grasheim im Donaumoos Pflanzkartoffeln verpackt und verladen.

Dittenhauser ist hier so etwas wie der Sprecher der Kartoffelbauern. Als Vorsitzender der Interessensgemeinschaft (IG) Unser Donaumoos, die sich nach Söders Besuch gebildet hat, will er die Zukunft der Heimat nicht allein den Politikern überlassen.

Auf keinen Fall möchte Dittenhauser den Eindruck entstehen lassen, die Kartoffelbauern des Donaumooses seien Blockierer. Er sei auch grundsätzlich für eine Wiedervernässung. „Wo es geht, unbedingt.“ Was ihm jedoch fehlt, ist ein Gesamtkonzept. „Wir brauchen eine komplette Überplanung, wir müssen wissen, wo wir wiedervernässen können, wo wir das Wasser zurückhalten müssen, wie wir ein effektives Wassermanagement hinkriegen.“

Man müsse sich das Donaumoos wie eine Badewanne vorstellen, erklärt Dittenhauser, in die von überall Wasser hineinlaufe, von der aus es aber nur einen Abfluss in Richtung Donau gebe. „Und das möchten wir gern regulieren.“ Und zwar, betont er, nicht nur, indem man Wasser ablaufen lasse, sondern auch indem man es zurückhalte, eventuell sogar in die Badewanne hineinpumpe.

Kartoffelanbau hat in der Region keine Zukunft

Aber in Sachen Gesamtkonzept sieht sich Dittenhauser von Politik und Behörden alleingelassen. „Unser Wasserwirtschaftsamt in Ingolstadt ist da sehr unzugänglich.“ Er habe jüngst einen Antrag gestellt, um einen Teilbereich des nötigen Wassermanagements durch ein Ingenieurbüro berechnen zu lassen. 70 000 Euro hätte das gekostet. Da habe es schon geheißen, das sei zu viel. „Von wegen 200 Millionen!“

Aber so wie Dittenhauser findet, dass wegen Politik und Behörden nichts vorangehe, so schlägt natürlich auch den Landwirten Misstrauen entgegen. „Die Kartoffelbauern wollten nach meiner Einschätzung den Schein vermitteln, dass sie der Moorschutz interessiert“, sagt etwa Sorg, „aber tatsächlich sollte mit dieser IG ein Gegengewicht etabliert werden, damit möglichst kein Hektar Moorboden nass gemacht wird.“

Die gegenseitige Skepsis ist groß im Moos. Und zwischen allen Stühlen sitzt Michael Hafner. Der Geschäftsführer des Donaumoos-Zweckverbandes gehört zu denjenigen, an denen es hängenbleibt, vor Ort umzusetzen, was Söder bei seiner kurzen Visite angekündigt hat. Und der immer wieder mit der Frage konfrontiert wird, warum das nicht schneller geht. Hafner steht vor einer saftigen Weide am Westrand des Donaumooses, eine Rohrweihe fliegt vorbei, später auch noch ein Rotmilan. Weit hinten ziehen hellbraune Rinder durch das sumpfige Gras. Es sind Murnau-Werdenfelser, eine alte, besonders widerstandsfähige und für feuchte Standorte geeignete Rasse. Ein paar Dutzend sind es. Am Rand der Weide stehen Schilf und Rohrkolben.

Das hier, Hafner zeigt hinter sich, sei ein Musterbeispiel für seine Arbeit. Baierner Flecken nennt sich der Ausläufer des Donaumoos, Flächen wie ihn hätte Hafner gerne noch mehr. 35 Hektar ist er groß. „Das ist schon eine gewisse Hausnummer.“ Ein Teil davon gehört schon seit 20 Jahren dem Zweckverband und ist an ein Neuburger Ehepaar verpachtet, dem auch die übrige Fläche gehört. Von April bis November lässt es hier seine Rinder weiden.

Früher waren auch hier mal Kartoffeläcker und trockene Wiesen, durch die Wiedervernässung ist die noch relativ dicke Torfschicht geschützt, so dass der Baierner Flecken seinen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Aber auch für den Hochwasserschutz spielen solche Flächen eine wichtige Rolle. Bis zu 300 000 Kubikmeter Wasser können hier bei einem Hochwasserereignis zurückgehalten werden, so dass tiefergelegene Flächen geschützt werden. Und dem Artenschutz kommt die Fläche ebenfalls zugute – als Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen, zum Beispiel wiesenbrütende Vogelarten.

Aber natürlich sind bei aller Freude über den Baierner Flecken 2000 Hektar noch mal eine andere Größenordnung. Und doch: Hafner freut sich über jeden kleinen Fortschritt. „Wir kaufen sehr viel“, erzählt er, „tauschen Grundstücke, haben im Donaumoos schon über 650 Hektar Eigentum.“ Von diesen hat man allerdings nur 200 seit Söders Ankündigung erworben. Und die Fläche ist nicht zusammenhängend, sondern zersplittert, so dass es einer gründlichen Flurbereinigung bedürfte, um hier überhaupt Gebiete wiedervernässen zu können.

Hafner setzt aber auch auf eine psychologische Wirkung von Orten wie dem Baierner Flecken: „Es geht hier ein Wanderweg vorbei. Wenn die Leute da spazieren gehen, nehmen sie vielleicht auch wahr, dass das Ganze gar nicht so dramatisch ist, wie manchmal befürchtet wird.“

Es gibt Wege, den Bauern Verluste zu kompensieren, die sie wegen des wegfallenden Kartoffelanbaus haben. So etwa die Paludikultur. Dabei handelt es sich um ein Verfahren zur nassen Bewirtschaftung von Mooren mit Torferhalt. Zum Anbau eignen sich laut Experten etwa Schilf, Röhricht oder Schwarzerlen. Sie sind als Rohstoff für die Bau- und Möbelindustrie oder als Energieträger durchaus begehrt. Doch ohne staatliche Förderung geht es nicht. Das bayerische Landwirtschaftsministerium hat deshalb das Moorbauernprogramm aufgelegt, wonach Landwirte bei vollständiger Umstellung auf Paludikultur 2200 Euro pro Hektar und Jahr bekommen – und das zwölf Jahre lang.

Trotz aller Widrigkeiten zum Trotz bleibt Ulrich Sorg zuversichtlich: Die Einsicht der Bauern, aber auch der anderen Akteure werde noch kommen, schon allein wegen der äußeren Umstände. Etwa weil sich Extremwetterereignisse häufen, die die Kartoffelernte zunichtemachen, während sie der Nachbar mit der Paludikultur unbeschadet übersteht. Oder weil möglicherweise die EU den Ackerbau auf Moorböden aus der bisherigen Förderung nimmt. Und: Noch in dieser Generation, so die Einschätzung der Landesanstalt für Landwirtschaft, wird ein Drittel der bayerischen Moorflächen wegen des Torfschwunds ohnehin nicht mehr nutzbar sein, wenn sich nichts ändert.  (Dominik Baur)
 

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