Die Zahl der Familien, die zu arm sind, um Beerdigungskosten zu stemmen, steigt seit einigen Jahren. Manche bitten deshalb im Internet um Spenden. Doch fehlt im Erbe oder bei den Angehörigen am Ende das Geld, müssen Städte und Gemeinden einspringen.
Seine Eltern waren geschockt: Im November starb ein 25-Jähriger aus Unterfranken bei einem Verkehrsunfall. Vater und Mutter fanden auf der Gedenkseite eines Bestattungsunternehmens liebevolle Worte für ihren Sohn. Allerdings war der Aufruf nicht nur dem Gedenken ihres Kindes gewidmet. Die Eltern baten zugleich um Spenden, um die Beerdigung überhaupt finanzieren zu können und die Chance zu erhalten, eine zeitlang ohne drückende Geldsorgen zu trauern.
Dieser Spendenaufruf auf der Seite eines Bestatters wirft ein Schlaglicht auf ein immer größer werdendes Problem. Immer mehr Menschen im Freistaat leben in Armut oder an der Grenze zu dieser und haben keinerlei Rücklagen. Stirbt jemand aus der Familie, überfordern immer häufiger die Bestattungskosten dessen Angehörige.
Der Aufruf der Familie blieb zum Glück nicht ungehört: Bis Jahresende trudelten über 5400 Euro auf das Spendenkonto ein. 140 Freunde, Bekannte, Verwandte und Nachbarn waren bereit, die Familie zu unterstützen.
Teils doppelt so viele Fälle
Wie viel eine Beerdigung kostet, kommt darauf an, ob der Leichnam im Feuer verbrannt oder in der Erde beigesetzt wird, ob eine Baum- oder Seebestattung gewählt wird. „Bei einer Bestattung handelt es sich um eine individuelle, komplexe Dienstleistung“, sagt dazu Pia Neerfled vom Bundesverband Deutscher Bestatter. Pauschale Summen anzugeben, sei nicht möglich. Auf jeden Fall summieren sich die Kosten weit über den Sarg oder die Urne hinaus.
Der Bestatter muss natürlich finanziert werden. Friedhofsgebühren sind zu berappen. Die Überführung und Versorgung der Leiche kostet. Dann will die Bestattung selbst organisiert sein. 5000 Euro sind meist das absolute Minimum.
Menschen ohne Vermögen kommen angesichts dieser Kosten schnell in die Bredouille. Bundesweit zahlen die Kommunen laut der Verbraucherinitiative „Aeternitas“, die sich für Bestattungskultur engagiert, jährlich über 50 Millionen Euro, um arme Menschen ohne Angehörige oder mit armen Hinterbliebenen zu bestatten. Mit rund 15 Millionen Euro rangiert Nordrhein-Westfalen an erster Stelle. Im Rückblick auf die vergangenen 15 Jahre wurden bundesweit durchschnittlich 20.000 Menschen jährlich sozial bestattet.
Bad Kissingen: "Zahl der Sozialbestattungen nahm bei uns stetig zu“
Auch bayerische Kommunen berichten, dass immer mehr Angehörige eine Beerdigung finanziell schlicht nicht stemmen könnten. „In den vergangenen zehn Jahren nahm die Zahl der Sozialbestattungen bei uns stetig zu“, heißt es etwa aus dem unterfränkischen Bad Kissingen. 2015 waren es noch lediglich fünf Bürger, die von Amts wegen bestattet werden mussten, weil sie nicht genug Geld hinterlassen hatten, und zugleich auch keine Hinterbliebenen ausreichend Mittel hatten, um ihre Beerdigung zu finanzieren. 2020 fielen dann bereits acht Sozialbestattungen an. Im vergangenen Jahr waren es 13, also mehr als doppelt so viele wie noch ein Jahrzehnt zuvor. Die Stadt Bad Kissingen gab dafür zuletzt 27 .00 Euro aus.
Auch im unterfränkischen Kitzingen werden pro Jahr bis zu zehn sogenannte Ordnungsbestattungen vorgenommen. „In der Regel handelt es sich um Alleinstehende, beziehungsweise alleinlebende Personen“, berichtet Stadtsprecher Ralf Dieter. Zum Teil stammten die Verstorbenen aber auch aus den Obdachlosenunterkünften der Stadt.
Nicht nur jene Menschen, die sozial bestattet werden, haben es während ihres Daseins zu wenig Renommee gebracht. Auch deren Angehörige, die eigentlich zur Bestattung verpflichtet wären, leben nicht selten in prekären Verhältnissen. In vielen Fällen besteht seit Jahren kein Kontakt. Oft ist unbekannt, ob es überhaupt Angehörige gibt. In jedem Fall ermitteln die Behörden.
Sind Hinterbliebene arm, gibt es die Möglichkeit zur Übernahme der Bestattungskosten durch die Kommunen, bestätigt das bayerische Sozialministerium. 2024 sei dies im Freistaat 1860 mal geschehen. 5,16 Millionen Euro gaben die Kommunen dafür aus. Vor zehn Jahren lag die Zahl höher: 7 Millionen Euro wurden kommunal investiert, um 2447 Verstorbene mit armen Angehörigen zu bestatten. Im Vergleich zu 2020 mit 1760 Sozialbestatteten stieg die Zahl binnen vier Jahren zuletzt jedoch um 5 Prozent an. Dem Sozialministerium fehlt überdies die Zahl jener Gestorbenen, die keine oder keine ermittelbaren Angehörigen haben.
Ob jemand arm oder reich gelebt hat, ist auf kommunalen Friedhöfen mit bloßem Auge wahrnehmbar. Bestimmte Gräberfelder sind für Sozialbestattungen vorgesehen. Mancherorts gibt man sich Mühe, auch diese Felder schön zu gestalten. Würzburg ist dafür ein Beispiel. Hier errichtete die Bahnhofsmission bereits 1998 ein Grabdenkmal für Wohnungslose am Hauptfriedhof. Dies geschah, nachdem ein stadtbekanntes Original, der obdachlose „Wurzelsepp“, gestorben war.
Eine letzte Ruhestätte für den „Wurzelsepp“
In Ingolstadt hingegen, beklagt Bruder Martin von der dortigen Straßenambulanz, erstreckt sich die Zweiklassengesellschaft bis in den Tod hinein: Den Sozialfriedhof empfindet er als unschön. Am Beispiel der Straßenambulanz wird im übrigen die Bedeutung derartiger Einrichtungen in den aktuellen Krisenzeiten evident.
485 Menschen aus Ingolstadt nahmen das Angebot der Straßenambulanz 2024 wahr. Das bedeutete eine Steigerung von 15 Prozent binnen zweier Jahre. Bis September 2025 wurden 405 Personen registriert. Hochgerechnet auf das ganze Jahr wäre man dann bei 540 Menschen, die die Behandlungs- und Beratungsleistungen der Straßenambulanz in Anspruch nahmen. Das würde einen Sprung von 30 Prozent binnen dreier Jahre bedeuten.
In München hat es Thomas Ballweg vom Katholischen Männerfürsorgeverein mit Menschen zu tun, deren Lebensmittelpunkt lange die Straße oder eine kommunale Verfügungswohnung war. Bis zu 8000 Obdach- und Wohnungslose wenden sich jährlich an die Organisation. Die hält in Oberbayern 60 Fachdienste, Einrichtungen und Projekte vor. Wer nicht mehr mit dem Rucksack auf dem Buckel von Stadt zu Stadt wandern will, kann in eine stationäre Einrichtung ziehen.
Natürlich stirbt hier auch immer mal wieder jemand. Im Herbst 2022 schuf der Männerfürsorgeverein, unterstützt von der Landeshauptstadt, ein Gräberfeld für Wohnungslose im Friedhof am Perlacher Forst. Die Bestattungskosten werden auch in München von der Stadt übernommen, Zahlungen darüber hinaus kann die Kommune jedoch nicht leisten. Der Männerfürsorgeverein zahlt die Friedhofsgebühren für rund zehn inzwischen bestattete Wohnungslose. Stirbt jemand, wird stets auch eine Trauerfeier organisiert. Auch dafür kommt der Verein auf.
Laut Ballweg war es dem Fürsorgeverein wichtig, einen Platz zu schaffen, wo aktuelle Klienten ihre einstigen Mitbewohner besuchen können. Bevor es das Gräberfeld gab, wurden die Wohnungslosen über die städtischen Friedhöfe verteilt beerdigt. Meist gerieten die Gräber irgendwann in Vergessenheit.
Ebenso wie Bruder Martin ist es Thomas Ballweg wichtig, dass Arme nicht irgendwo und irgendwie unter die Erde gebracht werden: „Jeder Mensch hat eine würdevolle Bestattung verdient.“ Generell sei es wichtig, auf die Problematik der wachsenden Wohnungslosigkeit aufmerksam zu machen. Mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder sind just ohne festes Mietverhältnis. Das gilt als Rekord. (Pat Christ)
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