Kultur

Die Geisterjägerin (Nancy Mensah-Offei) trifft in Togo auf einen Funker im deutschen Kolonialdienst (Komi Togbonou). (Foto: Thomas Aurin)

26.03.2021

Absurde Geisterjagd

„Wir Schwarzen müssen zusammenhalten“ an den Münchner Kammerspielen erinnert mal lustig, mal gallig an die deutsche Kolonialgeschichte

Moment mal, was soll das denn heißen! Da wird doch glatt behauptet, Staatschefs würden in Hinterzimmern geheime Gaunereien aushecken – und seien sowieso bloß Agenten von Konzerninteressen, Marionetten quasi, die an den Fäden des Kapitals hängen. Vorsicht! Mit solchen Verschwörungstheorien kommt heute niemand mehr durch, denn der Wind hat sich gedreht.

Man reibt sich also verwundert die Augen, wenn in der jüngsten Live-Stream-Premiere der Münchner Kammerspiele derartige Herrschaftskritik nach Art der Alt-Achtundsechziger serviert wird. Und das noch dazu in einem vogelwilden Bühnen-Film-Cross-over irgendwo zwischen Science-Fiction-Farce und Dada-Groteske, zwischen Laserschwert und Defiliermarsch, angereichert mit wunderbar knalligen Comic-Animationen und einer Video-Live-Schaltung nach Togo.

Wir Schwarzen müssen zusammenhalten heißt diese „Erwiderung“, in der es um Bismarck, Weißwürste, schwarze Potentaten und Rosenheimer Fleischfirmen geht – mit einem Wort: um das Verhältnis zwischen Deutschland und seiner ehemaligen afrikanischen Kolonie Togo. Der Titel ist ein Zitat von Franz Josef Strauß, der damit 1984 einen Scherz über seine Spezl-Beziehung zum damaligen Staatschef Togos machte. Entwickelt wurde das ganze Projekt von einem Team aus Togo und den Münchner Kammerspielen. Wobei es wohl auch dem Regisseur Jan-Christoph Gockel zu verdanken ist, dass diese „bayerisch-togoische Zeitreise“ nicht so betulich ausfiel wie der Ankündigungstext des Theaters, sondern einen schönen Drall ins Absurde zeigt.

Lebensnahe FJS-Marionette

Eine „zeitreisende Geisterjägerin“ (Nancy Mensah-Offei) im Pierrotkostüm und mit Glaskugel-Helm stürzt (Szene als Zeichentrickfilm) mit ihrem Raumschiff in der Wildnis Togos ab. Dort trifft sie den Pickelhaube tragenden Geist eines schwarzen Funkers im deutschen Kolonialdienst (Komi Togbonou), der seinerseits immer wieder vom Geist des hier als „Carnivorus corruptus“ klassifizierten Franz Josef Strauß heimgesucht wird. Letzterer ist nicht nur stimmlich in markanten Tondokumenten präsent, sondern tritt in Gestalt einer meisterhaft gebauten Marionette (Michael Pietsch) auf, die mit beweglichen Augen erschreckend lebensnah wirkt.

Gar so lustig bleibt es nicht den ganzen Abend lang. Denn in die Performance ist eine Art kolonialgeschichtliche Dokumentation integriert, die als Märchen entlarvt, dass die Deutschen sich humaner benommen hätten als andere europäische Kolonialherren.

Robert Koch zum Beispiel, der Arzt, nach dem noch heute ein berühmtes Institut benannt ist, hat in Togo Menschenversuche durchgeführt, bei denen er die Einheimischen wie Laborratten behandelte. Nicht zufällig hat ein Kollege von ihm, der etwas später ebenfalls in Togo tödliche Experimente machte, diese Tätigkeit dann in KZs fortgeführt. Könnte es sein, dass der Un-Geist solcher Gestalten bis heute virulent ist – und zwar nicht nur in Afrika? Den Geisterjägern dürfte die Arbeit vermutlich nicht ausgehen. (Alexander Altmann)

Information: Weitere Live-Stream-Termine: 24./25. April um 20 beziehungsweise 19 Uhr. Vor Publikum im Werkraum, sobald es die Pandemie-Bestimmungen erlauben.

 

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