Konzentrierte Stille erfüllt den hellen Raum. Ella Zoch hat sich die Kopfhörer übergestülpt, während sie die Farbe für das nächste Feld auf ihrem Bild auswählt. Julius Hartauer beugt sich über sein Blatt. Mit ultrafeinem Bleistift fügt er die einzelnen Tage der kommenden Jahre nebeneinander. Wochenenden, Schulferien und Fußballweltmeisterschaften sind bunt hervorgehoben. Bis ins Jahr 4854 reicht sein „Ewiger Kalender“ bereits. Von Ferne sieht er aus wie ein bunter Teppich, dicht gewebt aus kleinsten Kästchen, aus Erwartungen, Neugier, Möglichkeiten.
Jeder Arbeitsplatz in dem Gemeinschaftsatelier ist individuell eingerichtet, so individuell wie die Künstlerinnen und Künstler hier arbeiten und sind. 14 von ihnen, sieben Männer und sieben Frauen zwischen 18 und 63 Jahren, schaffen im Atelier Augustinum in Oberschleißheim ihre ganz besonderen Kunstwerke. Ihre Techniken stehen ebenfalls für sich: Ihre Werkzeuge reichen von Fineliner über Aquarellfarben, Schreibmaschine und Edding bis zu Kratzmessern für Radierungen.
Klaus Mecherlein hat das Gemeinschaftsatelier 1993 gegründet mit dem Ziel, Künstlerinnen und Künstlern mit einer kognitiven Beeinträchtigung einen dauerhaften künstlerischen Arbeitsplatz zu bieten. Ein Konzept, das vor 30 Jahren in Deutschland ziemlich neu war.
„Diese Kunst ist zutiefst persönlich“
Der Kunstpädagoge und Kunsthistoriker war damals beeindruckt und berührt von der unglaublichen Wucht und Direktheit der Bilder einer Workshop-Teilnehmerin aus den Augustinum-Werkstätten. Dieser gänzlich persönlichen, durch nichts vorgeprägten Herangehensweise an künstlerisches Arbeiten und diesem besonderen künstlerischen Ausdruck wollte er Raum geben, mehr Raum als einen Workshop. „Wir wollen unseren Künstlern hier ermöglichen, echt und inspirierend zu sein als Menschen – und das auch gespiegelt in ihren Kunstwerken“, sagt Mecherlein. Die persönliche Entwicklung des Menschen in seiner und durch seine Kunst.
Schritt für Schritt erweiterte und professionalisierte Mecherlein das Atelier in Oberschleißheim. Heute bietet es 14 Künstlerinnen und Künstlern einen Vollzeit-Arbeitsplatz. Viele von ihnen sind schon seit Jahren fester Teil des Ateliers, sie bekommen ein Gehalt und Unterstützung bei der Vermarktung ihrer Werke.
Das Besondere an dieser Kunst ist, dass sie nicht akademisch geprägt ist und sich den Regeln des Kunstmarkts entzieht. Jeder Künstler im Atelier Augustinum ist Autodidakt, jeder entwickelt seinen eigenen Weg, sich mit Kunst auseinanderzusetzen. „Diese Kunst ist zutiefst persönlich, sie entsteht aus einer inneren Notwendigkeit heraus“, sagt Mecherlein. In der Kunstwelt wird dafür oft der Begriff „Outsider Art“ verwendet oder auch „Art brut“. Rohe Kunst also, Kunst von Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, etwa weil sie eine kognitive oder psychische Beeinträchtigung haben. Ein Gegenkonzept zu den Konventionen des professionellen Kunstbetriebs.
Diese Werke in ihrer Unperfektheit, ihrer Ursprünglichkeit fassen den Betrachtenden an, sie bringen Selbstverständlichkeiten ins Wanken, sie wirken tief hinein ins limbische System. „Werke von Outsider-Künstlern haben eine erzählerische Transparenz, die keinen Begleittext braucht“, sagt Mecherlein. Das berühre gewissermaßen den Kern des Künstlerischen. „Kunst ist nicht intellektuell, Kunst ist eine eminent emotionale Angelegenheit“, sagt Mecherlein. „Ich glaube, das brauchen wir heute dringender denn je, dass uns etwas berührt.“
Neben dem Atelierbetrieb beschäftigt sich Mecherlein wissenschaftlich mit Outsider Art. Mit seinen Mitarbeitern hat er das größte Archiv für die Kunst geistig behinderter Künstlerinnen und Künstler in Europa aufgebaut, gibt Publikationen zu einzelnen Künstlern und Themen der Outsider Art heraus und kuratiert regelmäßig Ausstellungen. Einige der Oberschleißheimer Künstler sind derzeit auch in Ausstellungen deutschlandweit zu sehen.
Das Atelier ist wie eine Art Biotop für die Künstler. Während sie als intellektuell behinderte Menschen im Alltag häufig das eigene Anderssein, ihr Ungenügen erleben, werden sie hier ernst genommen in ihrem künstlerischen Tun. Durch den künstlerischen Ausdruck, beobachtet Mecherlein, entwickeln geistig behinderte Menschen – oft zum ersten Mal – ihre eigene Sprache, entdecken und erfahren sich selbst. Das habe häufig zur Folge, dass die Künstler beginnen, auch mehr zu kommunizieren, sich nach außen zu öffnen. „Sie erfahren einen Autonomiegewinn“, sagt Mecherlein.
Ähnlich positive Effekte beobachtet Michael Fischer-Art auch bei Kindern und Jugendlichen. Der Leipziger Künstler arbeitet regelmäßig mit Förderschulen zusammen. Jüngst hat Fischer-Art ein Kunstprojekt mit der Thea-Diem-Schule Unterhaching, einem Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, gestaltet. Gemeinsam mit dem Künstler ersonnen und gestalteten die Jugendlichen der Berufsschulklasse einen Tag lang zwei großflächige Kunstwerke, die nun das Schulhaus zieren. Eine Selbsterfahrung, die die Schüler sichtbar bewegt hat. „Kunst schafft Brücken“, sagt Fischer-Art. Damit kann sie eine große Rolle für die Inklusion spielen. Auf die fertigen Werke sind alle Beteiligten stolz; sie sollen im Herbst versteigert werden.
Mecherlein hat 1999 „Euward“ ins Leben gerufen – einen eigenen Preis für Künstlerinnen und Künstler mit geistiger Behinderung. „Ich wollte das Geschehen in all den verborgenen Ateliers, diese spezielle Landschaft von Künstlern in Europa, sichtbar machen“, sagt der 65-Jährige. Das ist ihm gelungen: Der Euward zählt heute zu den bedeutendsten europäischen Kunstpreisen für Malerei und Grafik im Kontext geistiger Behinderung beziehungsweise Art brut. Den Siegern winkt eine Ausstellung auf der großen Bühne, im Haus der Kunst in München. 2027 wird der Euward zum zehnten Mal vergeben werden. Ein weiterer Beitrag, die Aufmerksamkeit für Outsider Art zu steigern. (Irmengard Gnau)
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