Kultur

Wer einen Ausweis (hier ein Ausschnitt) für die kommende Weltrepublik haben wollte, musste ordentlich zahlen. (Foto: STAM)

21.02.2020

Außerirdische Heilsbringer

Am Tag der Archive erinnert das Staatsarchiv München mit dem „Venusfall“ an ein florierendes Schwindelunternehmen

Bis heute ist die dritte Weltraumflotte der Venusier nicht in Berlin-Tempelhof gelandet, um die Weltrepublik Erde zu errichten. So hatte es zumindest deren Präsident in spe, Franz Weber-Richter, alias Michalek, für einen Tag X im Jahr 1958 angekündigt. Das klingt nach der Story eines Science-Fiction-Films – doch selbst wenn Schauspieler und Kabarettist Winfried Frey am Tag der Archive (7. März) im Staatsarchiv München den Fall zum Besten gibt: Die unglaubliche Geschichte von der erwarteten Friedensmission Außerirdischer und dem Aufbau einer Weltrepublik beschäftigte ganz real die irdische Staatsanwaltschaft.

1961 berichtete deutschlandweit die Presse über diesen abenteuerlichen Fall, denn mittlerweile wartete auf den in Rom weilenden „Präsidenten“ ein deutscher Haftbefehl. Der Vorwurf lautete: Betrug! Franz Weber-Richter und sein österreichischer Freund Karl Mekis gaben nämlich vor, von Urun, dem Herrscher des Planeten Venus, beauftragt worden zu sein, mit Unterstützung einer venusischen Untertassen-Flotte die Herrschaft auf der Erde zu übernehmen. Doch damit nicht genug: Weber-Richter gab sich als unehelicher Sohn des angeblich noch lebenden Adolf Hitler aus. In der Nachkriegszeit sei Weber von einem Weltraumschiff zur Venus für einen 18-monatigen Aufenthalt gebracht worden, um entsprechend geschult zu werden. Wegen seiner Abstammung sei er ausgewählt worden, die Erde nach Venusgesetzen zu regieren. Die Venusier fürchteten nämlich zum Beispiel durch einen irdischen Atomkrieg Gefahr für ihren Planeten.

Gewiefte Arbeitsallergiker

Die Ermittlungsbehörden lüfteten schnell die Vergangenheit der zwei designierten Weltenherrscher von Venus’ Gnaden. Bei Franz Weber-Richter und Karl Mekis handelte es sich um im bürgerlichen Leben gescheiterte Arbeitsallergiker ohne berufstaugliche Fähigkeiten und Kenntnisse. Sie lernten sich 1954 auf der Überfahrt nach Südamerika kennen und taten sich 1955 in Chile zusammen. Weber-Richter, der ein Gespür für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen hatte, gelang es, im Kreis der Deutsch-Chilenen Fuß zu fassen, unter denen sich auch viele Nazi-Sympathisanten befanden. Ihm spielten unter anderem auch die nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitete Friedenssehnsucht ebenso wie die Furcht vor einem drohenden Atomkrieg in die Hände.
Zunächst baute Weber-Richter in Chile ein regelrechtes Betrugsgeschäft auf. So versprach er seinen schätzungsweise über 1000 Anhängern zukünftige Regierungs- und Verwaltungsämter, für die er eigene Ausweise ausstellte. Er sammelte Spenden von mehr als 100 000 DM. Ende 1958 expandierte er mit seiner Geschäftsidee in den deutschsprachigen Raum. Mit publizistischer Unterstützung erreichten die sogenannten venusischen Pläne die letzten Leichtgläubigen. Der Erfolg blieb nicht aus: Es meldeten sich zahlreiche Interessenten und Unterstützer.

Den beiden Weltenherrschern in spe stand ab 1958 mit Wenzel Fretschner, einem Gastwirt aus Chieming, ein eifriger Vertrauensmann in Deutschland zur Seite, der Geld für die Landung der Weltraumflotte sammelte. Allerdings verwendeten Mekis und Weber-Richter das Geld nur nebenbei für die angegebenen venusischen Zwecke, sie leisteten sich vor allem einen auskömmlichen Lebensstil.
Das Jahr 1960 brachte für das florierende Schwindelunternehmen die Wende: War der angekündigte Tag X bereits zweimal verschoben worden, stand als nächster Termin der 1. Juli 1960 im Raum. Doch auch dieser Tag verstrich, ohne dass Venusraumschiffe gesichtet wurden. Weber-Richters Ausrede: Kurz vor dem Start sei Urun an einer tückischen Venuskrankheit gestorben und sein Nachfolger Ase müsse sich erst in seine neuen Aufgaben einarbeiten. Doch diese Begründung war dann selbst seinen Anhängern zu abenteuerlich: Die ersten Spendengeber und potenziellen Regierungsmitglieder fühlten sich betrogen. Sie gingen zur Polizei und lösten damit internationale Ermittlungen gegen Weber-Richter und seine Helfer aus. Was aus den beiden Flunkermeistern wurde, erfährt man am Tag der Archive im Staatsarchiv München. (Ulrike Claudia Hofmann)

Abbildung: Franz Weber-Richter und Karl Mekis, die verhinderten Weltenherrscher von Gnaden der Venusier. (Foto: STAM)

Information: Unter dem Motto „Lug und Trug“ erfährt man am Tag der Archive (7. März) im Staatsarchiv München von außergewöhnlichen Kriminalfällen. Schauspieler Winfried Frey liest aus Originalakten zu kuriosen Betrügereien. Dazu passt das Gastspiel des Münchner Marionettentheaters mit einem Ausschnitt aus Carl Orffs „Astutuli“ (14 Uhr).
Staatsarchiv München, Schönfeldstraße 3, 80539 München.
Weitere Infos zum Tag der Archive:
www.tagderarchive.de

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