Kultur

"Floridante" bei Bayreuth Baroque: Sonja Runje als Elmira, Max Emanuel Cencic als Floridante, Eva Zalenga als Rossane und Bruno de Sá als Timante. (Foto: Bayreuth Baroque/Clemens Manser Photography)

11.09.2026

Barockdrama im England der Romantik

Händel steht dieses Jahr im Fokus von „Bayreuth Baroque“

Es gibt sie auch hier, die Zaungäste unten in der Stadt genauso wie auf dem Grünen Hügel: Das nächste Festival in Bayreuth hatte Anfang September Premiere, nicht mehr mit Wagner, sondern mit Händel und auch hier mit einiger Prominenz und in Abendrobe. Bis zum 13. September gibt es Bayreuth Baroque mit allein sechs Vorstellungen von Floridante, mit glänzend besetzten Arienabenden und einigen der verwegensten Countertenöre derzeit (Maximiliano Danta, Christophe Dumaux, Andreas Scholl, Maayan Licht – und der zusammen mit Federico Fiorio und Dennis Orellana als den drei „Sopranos“ in Erinnerung an die berühmten „drei Tenöre“.

Auch bei der Oper im Markgräflichen Opernhaus hat Intendant Max Emanuel Cenčić an Überraschungen nicht gespart: 1721 wurde im Londoner King’s Theatre Händels Floridante uraufgeführt und bald gründlich vergessen – im Grunde bis zu ein paar Aufführungen in den letzten Jahren (zum Beispiel von Peter Konwitschny). Vielleicht lag es ja daran, dass die konservativen Tories im Opernpublikum sich vor dreihundert Jahren daran störten, dass ein vornehmer Adeliger am Ende dieser Intrigengeschichte verhaftet und in den Kerker geworfen wurde. Bei Händel gab es für ihn immerhin ein lieto fine und Begnadigung, aber Max Emanuel Cenčić lässt ihn mit brutal hämmerndem Exekutionswerkzeug hinrichten.

Überhaupt war dem Intendanten, Regisseur und Hauptdarsteller an viel deutlichem Gegenwartsbezug gelegen. Me-too ist die Devise dieser Inszenierung, allerdings deutlich angelehnt an die englische Erfolgsautorin Jane Austen vom Anfang des 19. Jahrhunderts. An drastischer Gewaltherrschaft lässt es die Cenčić -Fassung, gemischt aus antik-persischer Königs- und englischer Weltherrschaft und mit englischem Herrenhaus-Ambiente, nicht fehlen: Oronte vergewaltigt unterm Rokokobaldachin die hübsche Elmira, die eigentlich dem auf einen Feldzug geschickten Floridante versprochen war und vielleicht sogar sein Kind ist. Seiner tatsächlich leiblichen Tochter Rossane, der Leidensgenossin von Elmira, verbietet er die Hochzeit mit Timante, der zum Staatsfeind erklärt wird.

Mit rohem Sex, Folter und blutigen Hemden im Kerker hat die Handlung viele Kehrtwendungen, und man ist nach vier Stunden froh, dass die Gerechtigkeit siegt: In einem großen Tableau (das wandlungsfähige Bühnenbild ist von Helmut Stürmer) gibt es die Hochzeit der beiden jungen Paare in glänzendem Weiß und unter einem großen Kreuz und mit anglikanischem Pfarrer.

Glänzend sind die drei Akte zuvor durch eine kaum überbietbare Sängerbesetzung, besonders der beiden männlichen Hauptrollen: sehr schön abgestuft in den Klangfarben ist Cenčićs Titelheld Bruno de Sá als der zunächst komödiantische, dann in letzter Not rettende Timante. Auch Händel hatte für Floridante den führenden Kastraten seiner Zeit, den Senesino aus Italien, nach London engagiert. Eine Augenweide und völlig überzeugend in der dramatischen und musikalischen Gestaltung der beiden Frauenrollen sind Sonja Runje und Eva Zalenga in der Differenzierung zwischen dem, was später die vornehme Dame und die Buffo-Rolle wurde. Gerrit Illenberger, kürzlich auch in „Alcina“ an der Bayerischen Staatsoper, macht als einziger Bass böse Miene zum genauso bösen Spiel, selbst am herrschaftlichen Dinner-Tisch.

Das Wroclaw Baroque Orchestra unter Markellos Chryssicos ist dieses Jahr das Festivalorchester in residence: durchaus parallel zu Cenčićs temperamentvoller Regie ein historisch bestens informierter Klangkörper für Alte Musik, der auch mit solistischer Verve die gelegentliche Langeweile der szenischen Dramaturgie ausgleicht. Aber Händel ging es bei Floridante offensichtlich um die Darstellung komplexer Psychogramme – im Gegensatz zu den erfolgreichen Rührstücken seines Konkurrenten Giovanni Bononcini auf Londons Spielplänen. Er riskierte damals den politisch gewagten Beifall des bürgerlichen Publikums, wenn der adelige Gewalttäter verhaftet wird. (Uwe Mitsching)

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