Kultur

Die ausufernde, klanggewaltige Partitur von Rienzi passt akustisch perfekt ins Festspielhaus. (Foto: Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath)

31.07.2026

Bayreuther Festspiele: Aufstieg und Fall eines Despoten

150 Jahre Bayreuther Festspiele: Wagners Frühoper „Rienzi“ wurde erstmals im Festspielhaus aufgeführt. Schließlich hatte der Komponist persönlich verfügt, dass seine "Jugendsünde" niemals am Grünen Hügel zu sehen sein darf

Diese Frau ist ein Wunder. Als Dirigentin trägt sie buchstäblich die Stimmen, lässt das ganze Orchester mit dem Gesang atmen. Schon 2023 hatte Nathalie Stutzmann mit diesem Profil in Bayreuth bei der Tannhäuser-Wiederaufnahme für Aufsehen gesorgt. Es war damals ihr Debüt. Mit der Rienzi-Premiere dirigierte die Französin jetzt erstmals eine Neuproduktion in Bayreuth.

In dieser frühen Oper von Richard Wagner besteht die Gefahr, die Dynamik zu übersteuern. Nichts von alledem bei Stutzmann: Das Festspielorchester entwickelte einen schillernden, sängerfreundlichen Klangrausch, wohltuend fließend die Tempi. Sie war selber Sängerin, und genau das ist der große Trumpf von Stutzmann.

Mit ihr am Pult avancierten das Orchester und der von Thomas Eitler-de Lint einstudierte Chor zu den großen Gewinnern dieser ungewöhnlichen Neuproduktion.
Warum ungewöhnlich? Weil Wagner persönlich verfügt hatte, dass seine „Jugendsünde“ nicht auf dem Grünen Hügel gespielt werden darf. Für das diesjährige 150. Bestehen der Festspiele hat Intendantin Katharina Wagner eine Ausnahme gemacht. Sie selbst hatte diese 1842 uraufgeführte Oper inszeniert. In Bayreuth ging Rienzi zwar schon über die Bühne, aber nicht im Festspielhaus.

Die ausufernde, klanggewaltige Partitur passt akustisch genauso perfekt ins Festspielhaus wie der Stoff. Die Aufarbeitung des antisemitischen und nationalsozialistischen Erbes der Wagner-Familie ist der Intendantin Wagner persönlich wichtig.

In Rienzi geht es um den Aufstieg und Fall des mittelalterlichen römischen Volkstribuns. Er wird als Volksbefreier gefeiert, entwickelt sich im Machtrausch zum Despoten und wird getötet. Als Adolf Hitler diese Oper in Linz erstmals erlebte, soll er sie zu seiner „Lieblingsoper“ gekürt haben. Auf den Reichsparteitagen erklang stets zur Eröffnung die Rienzi-Fanfare. Die Partitur wurde Hitler 1939 zum Geburtstag geschenkt und verbrannte 1945 vermutlich im Führerbunker.

Geniales Bühnenbild

Die Inszenierung des ungarischen Regieduos Magdolna Parditka und Alexandra Szemerdy überträgt die Oper ins Heute. Ihr geniales Bühnenbild zeigt eine anonyme Betonplattenbau-Ödnis. Menschen irren herum und starren auf ihre Handys. Dies ist der beste Keim für Populismus, so die Aussage. Eine holzgezimmerte Arena und ein Bühnenportal, auch das Festspielhaus in Kleinformat, sind weitere Schauplätze.

Rienzi (stimmlich übersteuert: Andreas Schager) setzt sich in Wahlen klar gegen seine Konkurrenten Orsini (überragend: Michael Nagy) und Colonna (stark: Andreas Bauer Kanabas) durch. Das eingeblendete Wahlergebnis von 41 Prozent erinnert an die aktuellen AfD-Umfragewerte in Sachsen-Anhalt. Später wird Rienzi seine Konkurrenten eigenhändig vor laufenden Kameras erschießen.

Adriano, der Sohn Colonnas (eine Hosenrolle, präsent: Jennifer Holloway), liebt Rienzis Schwester Irene (ausdrucksstark: Gabriela Scherer). Die machttrunkene Gemengelage macht das noch pikanter. Im zunehmenden Wahn Rienzis applaudiert das Volk auf Videos gespenstisch in Zeitlupe. Ein besonders starkes Bild ist da gelungen. Das alles wirkt abgründig, wird aber in der Regie sozialpsychologisch nicht konsequent genug eruiert.

Die Wartburg knattert als Oldtimer über die Bühne

Für Humor soll die ausgedehnte Pantomime sorgen. Als Kindertheater werden alle Bayreuther Wagner-Opern in Windeseile durch den Kakao gezogen. Besonders witzig: Die Wartburg knattert als bekannte DDR-Automarke über die Bühne.

Trotzdem hätte auch diese Pantomime gekürzt werden können, zumal ohnehin eine Strichfassung gegeben wurde. Das Hauptproblem dieser Premiere ist jedoch der Gesang von Andreas Schager in der Titelpartie. Wagner nannte seine Oper selbstkritisch einen „Schreihals“.

Genau das bestätigte Schager als Rienzi, obwohl Stutzmann im Graben eine sängerfreundliche, konsequente Entschlackung verlebendigte. Die Folgen waren fatal: In den zarten, fragilen Momenten seiner Rolle wirkte Schagers Stimme brüchig und verbraucht. In Bayreuth ist Rienzi nur dieses Jahr zu erleben, er soll aber andernorts gezeigt werden. (Marco Frei)
 

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