Kultur

In der Filmeinspielung sieht man Marina Abramovic als Maria Callas in der Rolle der Desdemona, Leah Hawkins singt auf der Bühne. (Foto: Wilfried Hösl)

04.09.2020

Bebildertes Wunschkonzert

Marina Abramovic’s „7 Deaths of Maria Callas“ an der Bayerischen Staatsoper ist eine Selbstbefragung der Performancekünstlerin

Das Projekt ist ihm ein Herzensanliegen. Nikolaus Bachler hatte viel gekämpft, um eine Uraufführung im April zu ermöglichen – mitten im Corona-Lockdown. Als sich Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters querstellten und sich die Politik einschaltete, musste der Staatsopernintendant die Segel streichen. Umso größer war der Hype, als 7 Deaths of Maria Callas von Marina Abramovic diese Woche uraufgeführt wurde. Zur Premiere im Münchner Nationaltheater waren durften zwar nur 500 Sitzplätze vergeben werden, doch Fotografen wuselten nur so umher, um das Ereignis einzufangen. Bisweilen wähnte man sich in einer Glitzer- und Glamour-PR-Show. Es war dem Projekt durchaus anzumerken, dass Abramovic damit haderte. Sie hat sich stets gegen die Künstlichkeit der traditionellen Künste ausgesprochen.

Kulturkommerz bedient

Einst ging es ihr um echte Schmerzen und Leiden, um dem Publikum eine direkt reagierende Interaktion abzuringen. Mit Robert Wilson hat sie zum Beispiel 2012 The Life and Death of Marina Abramovic realisiert. Aber die Bayerische Staatsoper steht für die Hochglanz-Elitekultur – und jetzt muss sich die 73-jährige Performancekünstlerin aus Serbien den Vorwurf gefallen lassen, dass sie mit 7 Deaths of Maria Callas allein konzeptionell den Kulturkommerz bedient.

Sieben Bühnentode von Bühnenfiguren werden dargestellt, die mit der Operndiva Maria Callas (1923 bis 1977) eng verbunden sind. Die Tosca Puccinis ist genauso vertreten wie Madame Butterfly, Bellinis Norma, Verdis Traviata und Bizets Carmen. Die insgesamt sieben Arien, alles Ohrwürmer des Repertoires, werden von sieben Sopranistinnen gesungen. Sie stehen an der Rampe, weil sich die Sterbeszenen in eingeblendeten Kurzfilmen abspielen: mit Abramovi(´c) sowie Willem Dafoe als jeweiliger Gegenspieler.

Als Tosca stürzt sich Abramovic von einem Hochhaus – eine Sequenz in Zeitlupe. Die Bilder erinnern an die Anschläge des 11. September 2001 in New York. In Madame Butterfly wähnt man sich inmitten der Fukushima-Katastrophe von 2011. Als Desdemona wird ihr eine Würgeschlange um den Hals gelegt, und als Norma geht Abramovic in den Flammentod. Das alles wirkt wie ein bebildertes Wunschkonzert, garniert mit dekorativer Postmoderne des serbischen Komponisten Marko Nikodijevic.

Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters dirigiert sich hingegen Yoel Gamzou in Rausch und Rage und liefert eine veritable Live-Performance ab. Sonst aber erinnert das farbenreiche Kolorit der Filmsequenzen an die bewusst verkitschenden Fotoinszenierungen der Homokünstler Pierre et Gilles. Abramovic möchte die künstliche Sinnlichkeit der Opernwelt konterkarieren, doch leider ist diese ironische Distanz als solche kaum erkennbar.

Dafür aber ist der finale, achte Tod umso dichter. Als sterbende Callas richtet sich die Künstlerin im Bett auf, wandelt dann im Zimmer umher. Sie wirft eine Blumenvase auf den Boden – und geht barfuß über die Scherben. Damit der Schmerz überwunden werden kann, muss er erst ganz durchlitten werden. So hatte es Marina Abramovic stets gelebt – und hier blitzte die frühere Performancekünstlerin auf. Schon mit 14 Jahren war sie von der Callas fasziniert. Allein äußerlich sind die Ähnlichkeiten frappierend. Das jetzige Projekt ist auch das Ergebnis einer Selbstbefragung. (Marco Frei)

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