Kultur

200 Kinder aus Nürnberger Schulen feiern auf der Bühne die Musik von Johann Sebastian Bach. So wie beim Musikfest ION geht die zeitgemäße Vermittlung von geistlicher Musik. (Foto: Musikfest ION, Philip Kreibig)

26.06.2026

Beliebtes Musikfest ION: Neuvermessung zum Jubiläum

Das Nürnberger Musikfest ION findet dieses Jahr zum 75. Mal statt – Intendant Moritz Puschke hat ein gutes Programm zusammengestellt

Der Brief mit der Einladung zu einem Gespräch kam schon Ende des letzten Jahres. Da stand die Internationale Orgelwoche Nürnberg, die jetzt längst Musikfest ION heißt und innerhalb weniger Jahre die Besucherzahlen verfünffacht hat, noch unter dem Eindruck des gerade zu Ende gegangenen Festivals der Musica Sacra, der geistlichen Musik, und wollte für die Jubiläumsausgabe 2026 eine „Neuvermessung“ vornehmen: Jetzt stehen Intendant Moritz Puschke und sein Dramaturg Oliver Geisler vor den Toren dessen, vor den Maßen ihres Musikfests, vieles davon schon ausverkauft.

Und Puschke, der von Berlin nach Nürnberg gekommen war und das nicht nur für eine Spielzeit, will zum 75. ION-Geburtstag geklärt wissen, was Musica Sacra 2026 heißt, früher und heute war – bevor es losgeht mit der „Großen Nürnberger Musiknacht“ in St. Sebald, St. Egidien, dem Rathaussaal, dreimal drei Konzerten an einem Abend. „Es ist für den religiösen Anlass komponierte Musik und es ist spirituelle Erfahrung mit der Frage, wie die ermöglicht werden kann“, ist seine Antwort.

Nicht ganz neu, aber mit neuen Ideen. Etwa bei drei Konzerten „A night for George Harrison“, beim „Mitsingkonzert“ mit Händel oder „SingBach“ über Bach und Jazz und dem Gesang von 200 Kindern. Harrisons Give me love ist für den wortgewandten Puschke genauso ein „Friedensruf, geprägt durch Glauben und Frömmigkeit“, wie ein Stück aus Bachs h-Moll-Messe mit seiner flehentlichen Durchdringung.

Für Puschke geht die Musica Sacra über Kirchenmusik hinaus und umfasst zum Beispiel auch die Frage nach dem Kirchenraum – jeden Künstler befragt er, ob dieser in einer bestimmten Kirche, ihrem Stil, ihrer Öffentlichkeit spielen oder singen will. Und wenn sich ein Orchester mit seiner Fassung und Auffassung von Beethovens Eroica „Stegreif“ nennt, dann ergänzt revolutionär erkämpfte „Freiheit“ Puschkes Musica-Sacra-Begriff.

Als er 2017 in die Bewerbungsrunde für und in Nürnberg eingeladen wurde, gefiel ihm: „Das waren Leute, die am Fachlichen einer Intendanz interessiert waren, aber mit denen man auch in einen Dialog treten konnte und die Lust hatten, immer weiter zu denken: über volle Häuser, inhaltlichen Erfolg hinaus in einer organischen Entwicklung."

Stadtgesellschaft geradezu magnetisch ins Musikfest gelockt

Als Mitwirkende und als Publikum hat Puschke die Nürnberger „Stadtgesellschaft“ geradezu magnetisch ins „Musikfest“ gelockt: weiterhin in die „Mittagskonzerte“ mit den besten Organisten, die es gibt, mit großer Literatur der Musica Sacra mit vielen, auch semiprofessionellen Mitwirkenden, einem Nürnberger Festivalchor, also durch einen partizipativen Ansatz. Überdies steht in seinem Arbeitsvertrag: Sachen nach Nürnberg zu holen, die es sonst nicht gibt – Rausch, Verführung, Reputation. Ein Apothekerschrank sei diese ION für ihn, sagt Puschke. In ihn stopft er Workshops, Multiplikatoren, Topstars oder er zieht schon mal die Fächer auf, die zu Corona-Zeiten verschlossen geblieben waren.

Die 30 Konzerte vom 19. Juni bis zum 5. Juli 2026 sind auch davon geprägt, was die Gäste an Spielorten, Publikumsbeteiligung unbedingt wollen: die Sängerin Anna Prohaska etwa mit ihrem Liederprogramm „Behind the lines“, in dem sie sich auf die Suche nach dem Klang des Krieges begibt, den Rathaussaal mit seinen Erinnerungen an den DreißigjährigenKrieg und den Zweiten Weltkrieg, die Münchner Organistin Johanna Soller nicht mit Johann Sebastian, sondern mit Johann Ludwig Bach und seine Hidden Gems (verborgene Schätze), die auch durch ihre „Capella Sollertia“ geschliffen werden.

Es gibt kein Programm, das nicht geprägt wäre durch Ungewohntes, auch wenn es besonders exquisite Namen sind: Frieder Bernius aus Stuttgart (Paulus), Justin Doyle aus Berlin mit dem RIAS-Kammerchor als Doppelgipfel, aber ohne den Anspruch, dass sich das Festival durch Prominenz allein definieren würde. Oder durch die herrlichen Nürnberger Kirchen. Nach dem Beginn 1951 kamen als thematische Definition oder als Notbehelf Museen, Gerichtssäle, die Tafelhalle dazu.
Das ist auch in Zukunft für Puschke nicht ausgeschlossen, auch nicht das, was er als „Zugabe“ versteht: „Ich möchte mit den Menschen kommunizieren, direkte Beziehungen mit Publikum und Künstlern initiieren – denn wir wissen noch zu wenig voneinander.“ (Uwe Mitsching)

Bis 5. Juli. Internationale Orgelwoche Nürnberg – Musica Sacra, Winklerstraße 13, 90403 Nürnberg.
www.musikfest-ion.de

 

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