Kultur

Spektakel mit politischer Botschaft: Filmstill aus "Building Bridges". (Foto: One Inch Dreams)

09.04.2021

Bewundernswerte Seilschaften

Der Alpinismus ist immaterielles Kulturerbe – ein neues Alpen Film Festival erzählt vom Geist dieser weltweiten Bewegung

Die überbordende touristische und sportive Vereinnahmung der Alpen, die allenfalls durch Pandemie-Beschränkungen mancherorts gebremst wurde, heizt seit Langem Diskussionen an. Ein noch Mehr gilt als geradezu schamlos. Und dann ein neues Alpen Film Festival? „Nein“, wehrt Festivalleiterin Sandra Freudenberg schnell ab, „wir wollen bestimmt nicht den Alpentourismus oder die ökonomische Ausbeutung der Alpen bejubeln!“ Es gehe vielmehr um die weltweite Bewegung des generell in Bergen praktizierten Alpinismus. Und den hat die Unesco 2019 sogar als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt.

„Das Klettern und Wandern im Gebirge basiert auf vielfältigem Wissen über die Natur- und Wetterverhältnisse sowie die eigenen körperlichen Fähigkeiten. Der Alpinismus kann außerhalb fester Strukturen ausgeübt werden. Er betont Werte des Miteinanders und des verantwortungsvollen Umgangs mit der Natur“, liest man dazu von der deutschen Unesco-Kommission – an dem Antrag von Italien, Frankreich und der Schweiz hatte sich Deutschland aber nicht beteiligt.

Der Respekt vor der Natur und echte „Seilschaften“, also die Solidarität der Menschen in den Bergen, sollen den Geist des Filmfestivals prägen. „Alpinismus sucht das Verbindende“, sagt Sandra Freudenberg, „in unseren Filmen wollen wir nicht Heldenposen und wilde Action zeigen.“ Freilich sind dem Alpinismus das Risiko und außergewöhnliche menschliche Leistung eingeschrieben – „aber man kann diesen positive Aspekte abgewinnen“.

Spannendes Making-of

So wird in dem 125-Minuten-Filmfestival zum Beispiel Building Bridges (One Inch Dreams GmbH, Rosenheim) gezeigt: Zwei Heißluftballone, deutsch und amerikanisch „beflaggt“, schweben über dem Monument Valley, umkreisen sich vorsichtig und gehen dann ganz eng auf Tuchfühlung. Zwischen ihnen ist ein Band (Highline) gespannt, auf dem der Münchner Extremsportler Niklas Winter von Ballon zu Ballon balanciert. Vier nervenkitzelnde Filmminuten, die als Analogie auf das komplizierte deutsch-amerikanische Verhältnis verstanden werden sollen. Dem Festivalimpetus entsprechend erzählt vom überlebensnotwendigen Miteinander, ohne das dieser „Drahtseilakt“ nicht gelingen würde, ein nicht minder spannendes 20-minütiges Making-of.

Auch Hermann Huber ist Extremkletterer – „war“ muss man freilich angesichts seines Alters sagen, auch wenn der heute 90-Jährige noch immer in den Bergen unterwegs ist. Auch ihm ist ein Film gewidmet, gedreht von Festivalkurator Tom Dauer. Es ist eine Hommage an einen Mann der Berge, der nicht nur das Abenteuer in der Wand suchte, sondern vor allem auch für den Bergsport Pionierarbeit geleistet hat – zum Beispiel als „Mister Salewa“: Als Lehrling fing er einst in der Münchner Sattler- und Lederwarenfabrik Salewa an – seinen Karrieregipfel krönte nicht nur der Posten des Geschäftsführers, sondern primär sein sukzessiver Ausbau des Unternehmens zu einem der bekanntesten und innovativsten Bergsportausrüster. Huber mischte in der technischen Entwicklungsabteilung kräftig mit: Unter anderem Rucksäcke, Steigeisen, Karabiner und Eisschrauben, die auf seinen Erfahrungen und Ideen beruhen, boten mancher Seilschaft mehr Sicherheit.

Dass sich Alpinismus und Humor nicht ausschließen müssen, soll der Kurzfilm Ski Vacation zeigen (Whiteroom Productions, Innsbruck): Im Ötztaler Obergurgl lässt ein vermeintlich tollpatschiger Brasilianer die Platzhirsche des Ski-Zirkus ganz schön auflaufen.

Festival auf Tournee

Insgesamt fünf Dokumentarproduktionen sind in diesem auch von den Filmemachern live vor Ort moderierten Alpen Film Festival zu sehen, das am 28. Mai in München beginnen soll und dann auf Tournee gehen wird – „vermutlich durch ganz Deutschland“, überlegt Sandra Freudenberg, „in Berlin und Chemnitz sind wir schon fest gebucht.“
Wäre, der coronabedingten Unsicherheit wegen, nicht eine Online-Präsentation naheliegend? „Nein“, wehrt die Festivalleiterin ab, „wir wollen dieses Filmfestival prinzipiell Kinos anbieten. Die leiden im Lockdown schon genug, werden von Filmverleihern im Regen stehen gelassen, weil die ihnen erst gar keine Filme anbieten.“ Und natürlich wirken die phantastischen, spektakulären Bilder im Leinwandformat besser als auf Bildschirmgröße.

Der Zuspruch zur Festivalidee ist so groß, dass Sandra Freudenberg selbst schon das Programm für die zweite Auflage in 2022 voll hat – „dann mit zwei eigenen Produktionen und drei gekauften“, verrät sie. Gekauft: Ja, anders als bei vielen Genre-Filmfestivals üblich, würden die Filmemacher bei ihrem Lizenzgebühr bekommen. „Ich habe dafür sogar mein Auto verkauft. Die Filmemacher haben versprochen, das Honorar in Neuentwicklungen zu reinvestieren.“ (Karin Dütsch)

Information: Vorgesehener Start am 28. Mai im Kino Neues Rottmann, Rottmannstraße 15, 80333 München. Weitere Orte und Termine unter:
www.alpenfilmfestival.de

Abbildung:
Alpinistisch muss man nicht unbedingt im Hochgebirge unterwegs sein. Der Philosophie entsprechend näherte sich Rolf Steinmann mit seiner Kamera auch Moschusochsen in der Arktis – bei minus 40 Grad Celsius.    (Foto: Rolf Steinmann)

 

 

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