Kultur

Überzeugend spielt Joachim Meyerhoff den Schuft Platonow als Antihelden – hier mit Katharina Bach als Sofja. (Foto: Armin Smailovic)

09.06.2023

Blick in den Abgrund

„Die Vaterlosen“ nach Tschechow bringt den Münchner Kammerspielen nicht den nötigen Durchbruch

Es ist kein Geheimnis, dass diese Bühne ein gewaltiges Problem hat. Im Frühjahr mussten die Münchner Kammerspiele eine Auslastung von knapp 57 Prozent verkünden. Das ist keineswegs allein den Nachwirkungen der strengen Kulturauflagen in der Pandemie geschuldet. Die Probleme sind hausgemacht. An den Kammerspielen gingen zuletzt vor allem Agitprop-Stücke über die Bühne, die ideologisch verknöcherte „Diskurse“ herunterbrüllen. In der nächsten Spielzeit soll alles anders werden: weniger Diskurse und mehr Klassiker.

Einen Vorgeschmack gab es jetzt mit Anton Tschechows Die Vaterlosen. Diese frühe, zwischen 1878 und 1881 entstandene Tragikomödie ist auch unter dem Titel Platonow bekannt. Dieser ist ein verheirateter Lehrer, der Affären kultiviert und Familien in den Abgrund reißt. Ein Zyniker überdies, der die Dekadenz der Gesellschaft erkennt und selber Unheil anrichtet.

Sozial verkümmert

Für die Kammerspiele hat Jette Steckel das Werk bearbeitet. Es ist die erste Regiearbeit der 41-Jährigen in München. Es hätte ein Durchbruch werden können. Leider bleibt die Inszenierung über weite Strecken äußerst zäh, was selbst die durchwegs großartigen Schauspielleistungen nicht wettmachen können.

Zu Beginn ist Platonow gewissermaßen der Stargast auf einer Party. Diese startet aus dem Zuschauerraum heraus und findet immer wieder dorthin zurück: Wir alle sind gemeint, was auf der Bühne abläuft, ist ein Spiegel unserer eigenen sozialen Verkümmerung.

Zwei Herren gehören nicht zu dieser Tschechow-Party: zum einen der Castorf- und Schlingensief-Dramaturg Carl Hegemann. Bei der Premiere interviewte er den Autorenfilmer Ulrich Seidl. Beide stehen auch für die ältere Generation. Generell schärft diese Inszenierung den Generationenkonflikt. Im Tschechow-Stück findet der vor allem zwischen Oberst Trilezkij (einnehmend: Walter Hess) und dessen Sohn Nikolaj (Martin Weigel) statt. Und weil es heute nicht sein darf, dass eine sexuell belästigte Frau eine Anzeige bei der Polizei zurücknimmt, hat Katja Brunner der Marja Grekowa (Anna Gesa-Raia Lappe) einen neuen Monolog geschrieben. In ihm wird einmal mehr das große Kammerspiele-Fass aufgemacht. Sympathisieren wir deswegen mit dem Schuft Platonow, weil der Täterschutz Mitleid schürt und Verständnis füttert?

Alle gehen vor die Hunde

In der intensiven Darstellung von Joachim Meyerhoff ist dieser Platonow ein Antiheld. Er spricht Wahrheiten aus, die er selbst mit Füßen tritt. Er veräppelt den jungen Kirill (Abel Haffner), Sohn des versoffenen Gutsbesitzers Glagoljew (stark: Edmund Telgenkämper). Zudem beginnt er Affären mit der Generalswitwe Anna (Wiebke Puls) und mit Sofja (überragend: Katharina Bach). Letztere ist die Frau von Annas Stiefsohn Sergej (Bernardo Arias Porras). Alexandra (Edith Saldanha), die Frau Platonows , geht dabei genauso vor die Hunde wie alle anderen.

Mit einem Wald aus metallischen Stäben spiegelt die Bühne von Florian Lösche wirkungsvoll den Istzustand einer entmenschlichten Gesellschaft wider. Trotzdem trägt das alles keine Dauer von fast vier Stunden. „Es gibt keine schlechten Menschen, nur schlechtes Theater“, heißt es. Im Publikum wurde vor allem nach solchen Äußerungen laut gelacht. Sind damit etwa die Münchner Kammerspiele gemeint? Dieser Tschechow-Abend ist nicht der dringend notwendige Durchbruch. (Marco Frei)

 

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