Kultur

Tina Lorenz war Dramaturgin am Landestheater Oberpfalz, Referentin für Digitale Kommunikation am Staatstheater Nürnberg und saß von 2014 bis 2020 für die Piratenpartei, später parteilos, im Regensburger Stadtrat. (Foto: privat)

09.10.2020

„Bühnentechnik plusplus“

Tina Lorenz über ihre Aufgabe, am Staatstheater Augsburg die digitale Entwicklung voranzutreiben

Tina Lorenz ist die Projektleiterin für Digitale Entwicklung am Staatstheater Augsburg – eine neu geschaffene Stelle und einmalig in deutschsprachigen Theatern. Die gebürtige Berlinerin war früher im Chaos Computer Club aktiv. Heute verbindet die studierte Theaterwissenschaft- lerin die analoge und digitale Welt.

BSZ Frau Lorenz, was war denn für Sie zuerst da: das Theater oder der Computer?
Tina Lorenz Definitiv das Theater. Ich habe schon im Kindergarten im Krippenspiel die Maria gespielt. In die Welt der Computer kam ich während meines Austauschjahrs in Amerika. Und mit 18 bin ich beim CCC (Chaos Computer Club) gelandet. Das war die definierende Gruppe meiner frühen Erwachsenenzeit.

BSZ Wie lassen sich die Arbeit im Theater und die am Computer verbinden?
Lorenz Das Digitale kann ein gutes Hilfsmittel sein zum Geschichtenerzählen im Theaterraum. Sozusagen eine Bühnentechnik plusplus. Es hat im Theater immer schon Leute gegeben, die gern an der Technik frickeln. Das war schon im antiken griechischen Theater so: Wie kriege ich Sonne hinter den Altar? Genau da geht das Digitale nahtlos rein. Und: Wir bewegen und verhalten uns im Internet zwar anders als im Analogen, erzählen da aber eben auch Geschichten. Auf Tiktok beispielsweise sind die Kids unfassbar performativ, inszenieren sich, so wie wir das in der Theaterwissenschaft gelernt haben, ohne diesen Hintergrund natürlich.

BSZ In Augsburg treffen Sie auf ein Haus, das sich ins Digitale ausweiten will.
Lorenz Ja, dort wurde eine fünfte, digitale Sparte begründet, werden immersive Geschichten erzählt. Das betrifft alle Sparten. Man hat nicht mehr so diese alleinige bürgerliche Präsentationshaltung. Das ist nach 200 Jahren Theatergeschichte auch mal ganz angemessen. Es wurde schon in Richtung Virtual Reality geplant, dann kam Corona. Und in Augsburg wurde das Theater dann halt einfach zu den Leuten gebracht, mit 360-Grad-Aufnahmen von Ballett und Schauspiel. Das Theater liefert frei Haus. Das kam super an.

BSZ Wie sieht Ihr Arbeitsbereich am Haus aus?
Lorenz Es gibt drei relativ große Säulen. Zum einen die Kunst. Es stellt sich die Frage: Was für Geschichten wollen wir erzählen? Das kann wegführen von linearer Erzählung, da kann das Digitale ein gutes Hilfsmittel auf der Bühne sein. Die zweite Säule ist die digitale Entwicklung des Hauses insgesamt. Und die dritte ist die Kommunikation: Wie vermitteln wir das, was wir tun, an die Leute. Virtual Reality bietet da sehr viel, auch im theater- und konzertpädagogischen Bereich.

BSZ Kritiker sagen, dass Theater nur im realen Raum funktioniert. Weil abgefilmte Inszenierungen nicht dieses unmittelbare Miterleben ersetzen können.
Lorenz Das verstehe ich vollkommen. Abgefilmte Theaterinszenierungen sind auch nicht das, wofür die digitale Zukunft steht. Und für viele ist das Theater halt die letzte Bastion des Analogen. Das ist auch eine Generationenfrage. Aber diese Stimmen werden leiser. Die, die sich vor Corona schon in die Richtung digitale Angebote mit neuen Formen und Inhalten vorgetastet hatten, taten sich im Krisenmodus leichter. Jetzt gibt es natürlich enormen Nachholbedarf im Theateralltag: Wieder zusammensitzen im Theater ist ja schön. Das ist ein direktes sinnliches Erlebnis, da müssen wir nicht drüber reden. Ich hoffe einfach nur, das wird keine Entweder-Oder-Diskussion. Denn digital und analog ist kein Gegensatz, sondern eine gegenseitige Ergänzung.

BSZ Also ist das bloße Hinüberziehen – zum Beispiel einer Lesung – vom analogen in den digitalen Raum keine Lösung für lebendige Netzkultur?
Lorenz Jeder Mensch weiß, wie man sich bei einer Lesung verhält. Aber im Internet verhält man sich völlig anders. Und genau darauf muss man reagieren. Im Theater sitze ich im Dunkeln und bin nicht wichtig. Das ist die bürgerliche Rezeptionshaltung. Das funktioniert im Internet aber nicht mehr, da ist der Zuschauerraum hell erleuchtet. Und da ist die Feedbackschleife oft ziemlich direkt und brutal. Das ist wahnsinnig spannend, weil das Theater damit bisher überhaupt nicht umgehen kann. So ein Feedback gibt es im Theater ja nicht.

BSZ Von Theater-Hooliganismus hat man in der Tat noch selten gehört. Müssen übrigens auch Autor*innen umdenken?
Lorenz Erste Versuche gibt es in Richtung postdramatisches Theater. Aber Texte, die mit der Vielfalt von Analogem und Digitalem spielen, gibt es so noch nicht. Da bräuchte es eine Stream-Erzählung analog zum Stream of Consciousness. Ein Berlin Alexanderplatz der Gegenwart gibt’s noch nicht.

(Interview: Christian Muggenthaler)

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