Kultur

Dem wirtschaftlichen Desaster zum Trotz gestaltete Partenkirchen sein Notgeld mit Zuversicht. (Foto: Freilichtmuseum Glentleiten)

06.09.2019

Der kurze Schein vom goldenen Aufbruch

Das Freilichtmuseum Glentleiten zeigt, wie es im Oberbayern der 1920er-Jahre zuging

Es muss nicht immer Das Weiße Rößl am Wolfgangsee sein – auch Bayern hatte seine Kult-Kurorte und feierte dort die Goldenen Zwanziger. Zwar ohne Operette – aber das Kino war schon da: in Bad Reichenhall zum Beispiel mit dem „Badefee“-Klamauk. Den kann man als Ouvertüre sehen, bevor man in die Räume des Freilichtmuseums Glentleiten zwischen Murnau und Kochel tritt und sich die Ausstellung Eine Neue Zeit mit dem Untertitel Die Goldenen Zwanziger in Oberbayern anschaut.

Die Ausstellung will die Jahre der Weimarer Republik nicht nur aus der vermeintlichen vergoldeten Sicht der Jahre 1924 bis 1929 dokumentieren. Zur Sprache kommen vielmehr auch Kriegsende, Revolution und Räterepublik, Weltwirtschaftskrise und der Aufstieg des Nationalsozialismus – das Ganze aus dezidiert regionaler Sicht. So zeigt man, welche Kriegsteilnehmer und -opfer es aus Schlehdorf gab, das unterhalb der Glentleiten liegt. Oder die langen Schlangen bei der Kartoffelzuteilung auf Lebensmittelmarken im Landkreis Tölz.

Auf den Bildern der Glentleiten-Sonderausstellung sieht man die Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg heimkehren. Überall war Gefallenengedenken, um Revolution und Räterepublik kämpfte man auch im Oberland. Sogar die Kurgäste wurden aufgerufen, ins Freikorps Werdenfels einzutreten und den Bolschewismus zu bekämpfen. Die Bayerische Beamtengewerkschaft proklamierte auf roten Plakaten die Räterepublik in Garmisch.

Die Glentleiten, das Museum des Bezirks Oberbayern, hat viele Ausstellungsstücke aus eigenen Beständen aktiviert, Leihgaben aus ganz Oberbayern füllen Lücken und garantieren hohe Anschaulichkeit. Bis hin zum Büstenhalter aus dem Landkreis Starnberg: Der war bevorzugt für die flache Brust. Daneben ist der Bubikopf das Symbol für die „neue Frau“. Die hatte auf den Dörfern allerdings mehr damit zu tun, für die aus dem Krieg heimkehrenden, invaliden Männer die Bauernhöfe zu führen. Aber nach der Inflation konnten sich die Frauen so etwas wie den Priener Festtagshut mit Goldschnurquasten leisten.

Die Fotos auf der Glentleiten lassen erkennen, dass die neue Mode auch deswegen in Oberbayern Einzug hielt, weil sie leicht zu schneidern war. Schnittmuster von 1926 zeigen die „einfache Hausbluse“ aus Monika, der „Zeitschrift für katholische Mütter und Hausfrauen“. Nach goldenen Zeiten sah das nicht aus, eher nach praktisch und warm.

Natürlich hielten die neuen Zeiten auch aus dem übrigen Reich Einzug in die Alpen: Die „Reformküche“ kam aus Dresden, die Waschpresse aus München – eine Frühform der Waschmaschine mit Pressaufsatz, Wringmaschine und Wäscheschleuder.

Die Hits der 20er-Jahre

Damit blieb den Hausfrauen und Bäuerinnen vielleicht doch ein bisschen Zeit für Unterhaltung: Noten für die neuen Schlager wurden angeboten, und das Lichtspielhaus Lenggries wirbt in der Tölzer Zeitung 1928 für Pola Negri als Die Königin der Nacht. Man kann sich auf der Glentleiten die alten Schlager vorspielen oder die Literatur der Zeit vorlesen lassen: aus den überhaupt nicht „goldenen“ Romanen von Oskar Maria Graf oder Ödön von Horváth, dessen Familie eine Ferienvilla in Murnau besaß.
Schnell waren die wenigen Jahre der Goldenen Zwanziger vorbei, allzu schnell heißt die Kapitelüberschrift in der Ausstellung wieder „Krisenjahre“ und waren die Maßkrüge der Brauereigenossenschaft Reutenberg ein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Immerhin: Den Feriengästen aus der goldenen 2019er-Gegenwart gefällt das alles. (Uwe Mitsching)

Abbildung: Freizeitvergnügen im Garten: eine Familie in Badekleidung 1928. (Foto: Freilichtmuseum Glentleiten)

Information: Bis 1. Dezember. Freilichtmuseum Glentleiten, An der Glentleiten 4, 82439 Großweil. Di. bis So. 9-18 Uhr. www.glentleiten.de

Buch zur Ausstellung: „Eine Neue Zeit. Die ’Goldenen Zwanziger’ in Oberbayern“, herausgegeben von Jan Borgmann und Monika Kania-Schütz im Volk Verlag, München, erschienen. 204 Seiten, 24,90 Euro.
ISBN 978-3-86222-307-7

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