Dieser Gott hat eine richtige Lebensgeschichte – und er stirbt sogar am Ende: Unglücklicherweise hielt ein Jäger die Fußsohle des im Wald ruhenden Krishna für das Ohr eines Hirsches und schoss einen Pfeil ab – der den Getroffenen schließlich tödlich verwundete. Aus westlicher Sicht erscheint dieses allzu irdische Schicksal eines Gottes äußerst ungewöhnlich. Doch der großen Anziehungskraft Krishnas (übersetzt so etwas wie „der Dunkle“ oder „der Schwarze“) weit über die Grenzen Indiens hinaus tut das keinen Abbruch.
Schon die deutschen Aufklärer setzten sich mit der indischen Philosophie und Krishna auseinander. Die Hippiebewegung der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts machte die Gottheit im Westen dann zum Popstar. Die aktuelle Sonderausstellung Krishna. Religion, Kunst und Popkultur im Münchner Museum Fünf Kontinente widmet sich der faszinierenden Gestalt.
Vom Baby bis zum Liebhaber
Als „Herzensangelegenheit“ bezeichnet Anne Hartig die erste Ausstellung des Museums seit langer Zeit, die sich zumindest zu einem großen Teil mit Indien beschäftigt. Hartig hat selbst einige Jahre in dem südasiatischen Land gelebt. Die Museumskuratorin für Süd- und Südostasien hat die Ausstellung gemeinsam mit Patrick Felix Krüger von der Bochumer Ruhr-Universität kuratiert.
Gezeigt werden mehr als 100 Objekte verschiedenster Epochen aus dem Sammlungsbestand des Museums: von großen Stoffgemälden über historische Skulpturen bis zu Ritualgegenständen. „Uns war wichtig zu zeigen: Das ist eine Figur, deren Verehrung sehr weit zurückreicht“, sagt der Religionswissenschaftler Krüger. Die Verehrung hält aber bis heute an, wie man etwa an einem T-Shirt mit Krishna-Aufdruck sehen kann.
Die Ausstellung zeigt die verschiedenen Darstellungen Krishnas: als Butter aus dem Topf stehlendes göttliches Kind, das gerne Streiche spielt, aber auch Dämonen bekämpft. Als Kuhhirte, als Liebhaber, als Flöte spielender junger Mann sowie als Heeresführer. Für die einen ist er die höchste hinduistische Gottheit, für die anderen die achte Manifestation des Gottes Vishnu. In der Ausstellung ist beispielsweise ein Klappaltar aus dem Ende des 18. Jahrhunderts zu sehen, der verschiedene Manifestationen Vishnus sowie viele Episoden aus der Krishna-Legende darstellt. Vermutlich wurde er von umherziehenden Priestern genutzt.
Der Verehrung des Gottes räumt die Ausstellung auch viel Raum ein: So sind Figuren zu sehen, die in Tempeln sowie zu Hause verehrt wurden. Diese Figuren aus Bronze, Stein oder Holz gelten nicht als bloße Abbilder, sondern als lebendige Verkörperungen der Gottheit. Entsprechend werden sie mit großem Respekt behandelt. Täglich werden sie rituell gewaschen, geschmückt, eingekleidet, mit Nahrung versorgt und sogar ins Bett gebracht und am Morgen wieder geweckt.
„Das kann eine tagesfüllende Aufgabe sein“, sagt Krüger. Besonders beliebt ist die Fürsorge für Baby-Krishna-Figuren. Um deren Bettchen ziehen Gläubige auch gerne mal ein Moskitonetz.
Ausgestellt ist auch eine prächtige rituelle Schaukel aus dem späten 19. bis frühen 20. Jahrhundert, auf der Krishna-Figuren geschaukelt wurden. Sie besteht aus 46 Einzelteilen, die extra für die Ausstellung – wohlgemerkt ohne Bauanleitung – zusammengebaut wurde. Das Schaukel-Ritual wird auch heute noch in vielen Teilen Indiens praktiziert, in Tempeln wie in Privathaushalten.
Besucherinnen und Besucher der Ausstellung können sich sogar in die Rolle Krishnas versetzen. Für sie steht eine deutlich profanere Schaukel als die aus Südindien zur Verfügung, auf die sie sich setzen und dann fotografieren lassen können.
Krishna wird geschaukelt und gepäppelt
Der letzte Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Verbreitung des Krishna-Kultes in den Westen. 1964 trat der Autor und Mönch Abhay Charanaravinda Bhaktivedanta Swami Prabhupada eine Reise in die USA an. Es gelang ihm bald, vor allem mit öffentlichem Hare-Krishna-Mantra-Singen in New York junge Anhänger für sich zu begeistern. Die Bewegung wurde zu einem popkulturellen Phänomen. Prabhupada gründete 1966 die religiöse Organisation ISKCON, die half, die Bewegung international zu verbreiten.
1969 kam sie in Deutschland an. Bis heute gibt es auch hier Tempel. Doch die breite Öffentlichkeit nimmt Krishna nicht mehr wahr. Vielleicht lässt sich ja der eine oder andere von einem Besuch der Ausstellung begeistern. (Thorsten Stark)
Bis 8. November 2026. Museum Fünf Kontinente, Maximilianstraße 42, 80538 München. Dienstag bis Sonntag 9.30 bis 17.30 Uhr.
www.museum-fuenf-kontinente.de
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