Kultur

Passend zur Weltraumoper hat Raimund Bauer das markante Bühnenbild geschaffen. (Foto: Wilfried Hösl)

11.06.2021

Ganz schön spacig

Die neue Oper „Singularity“ von Miroslav Srnka bei den Münchner Opernfestspielen begeistert durch die Lust am Erzählen

Er liebt das Reisen. Und er hat das Münchner Staatsopernpublikum bereits mehrfach auf große Tour geschickt: Vor zehn Jahren erkundete Miroslav Srnka, 1975 in Prag geboren, in Make No Noise eine Bohrinsel. 2016 ging es in die Eiswüste von South Pole, und jetzt katapultiert uns Srnka mit Singularity ins Weltall.

Noch-Staatsopernintendant Nikolaus Bachler hat ein Faible für Srnka. Er hatte ihn 2011 an das Haus geholt. In seiner letzten Spielzeit in München möchte Bachler nicht auf ihn verzichten. Gleichzeitig wollte er zu seinem Abschied eine Institution nochmals in den Fokus rücken, um die er fraglos viele Verdienste hat: das Opernstudio.

Für Bachler war es nie eine Pflichtübung, sondern im Grunde Dreh- und Angelpunkt seines Wirkens in München. Die Premieren des Opernstudios waren immer gewinnbringend, in jeder Hinsicht.

Zurück zum Kleinformat

So ist es nur konsequent, dass Srnkas Singularity im Untertitel dezidiert eine „Space Opera for Young Voices“ sein will. Alle acht Mitwirkenden sind Mitglieder des Opernstudios. Noch dazu ist Srnka, zehn Jahre nach seinem Hausdebüt, zu dem zurückgekehrt, was er besonders gut kann: zum musiktheatralischen Kleinformat.

Im schmucken Cuvilliés-Theater sitzen 15 Musiker*innen im Graben. Zu den Instrumenten zählen auch eine E-Gitarre, Synthesizer, Akkordeon und Plexiglasscheiben. Mit dieser reduzierten Orchesterbesetzung jongliert Srnka ausgesprochen kunst- und humorvoll. Sphärenhafte Klänge wechseln sich ab mit geräuschhaften Spielaktionen, Elektroakustik und kleinteiliger Rhythmik. Das alles entwickelt einen kurzweiligen Drive, zumal das Klangforum Wien mit Patrick Hahn am Pult diese Klangwelten lustvoll auslotet.

Davon profitieren die Solistinnen und Solisten. Sie präsentieren sich durchwegs wie ein lange eingespieltes, erfahrenes Vokalensemble für zeitgenössische Musik. Eine schiere Freude ist es zu erleben, wie sie alle den besonderen Vokalstil von Srnka ausgestalten. Er changiert zwischen rapartigem Sprechgesang, Lautakrobatik und figurativem Melos. Es scheint, als ob Srnka die wesentlichen Entwicklungen des modernen Gesangs erproben möchte. Die jungen Talente haben das durchwegs mit allergrößter Bravour gemeistert, und das gilt genauso für das Darstellerische. Ganz einfach ist das nicht, denn die Handlung ist ziemlich schräg. Für das Libretto zeichnet erneut Tom Holloway verantwortlich. Er hat für Srnka auch die Textbücher zu den anderen Musiktheatern verfasst.

In Singularity sind vier laut Programmzettel „Echte Menschen“ jeweils von „Digitalen Stimmen“ gespiegelt. Im Zentrum steht ein Gamer (Bariton Andrew Hamilton und Theodore Platt). Er verbringt die Nächte nicht bei seiner Geliebten im Bett (Sopranistin Eliza Boom und Juliana Zara), sondern mit Computerspielen. Das F-Wort flucht er genauso oft wie den S-Auswurf. Dazu gesellen sich Laute, wie man sie von Computerspielen kennt: „pfrfr“, „tshll“ oder „pchoa“.

Sehnsucht nach der Erde

Während die Freundin alles ordentlich „updatet“, nimmt es der Gamer nicht allzu ernst damit. Als sie kurzerhand alles alleine aktualisiert, wird sie wirr. Von da an findet sich der Gamer in einem Weltraum-Spa wieder. Mit ihm vertreibt sich ein Mann mit einem künstlichen Vogel die Zeit (George Vîrban, Andres Agudelo): eine „Trostdrohne“. Eine Frau (Daria Proszek, Yajie Zhang) spinnt üble Machenschaften. Jedenfalls wollen sie alle auf die Erde zurück.

Nicolas Brieger lebt in seiner Inszenierung die Lust am szenischen Erzählen aus. Statt wie so oft im neuen Musiktheater einem abstrakten, pseudointellektuellen Hirnkrampf zu verfallen, lässt er die Handlung einfach abspulen. Die Bühne von Raimund Bauer wie auch die Ausstattung von Andrea Schmidt-Futterer ist so spacig, wie es eine Weltraumoper eben verlangt. Und wenn am Ende das Cuvilliés-Theater zu einem Sternenhimmel wird, kommen auch die Lichteffekte von Benedikt Zehm voll zur Geltung. Ein witziger, erfrischend junger Theaterabend. (Marco Frei)

 

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