Kultur

Für „Occupations“ (1969/2011) - hier ein Ausschnitt - hat Anselm Kiefer eine Schwarz-Weiß-Fotografie auf Blei montiert und das Ganze einem Elektrolyseverfahren unterzogen. (Foto: Charles Duprat)

04.08.2017

Grandiose Geisterbeschwörung

Die Michael & Eleonore Stoffel Stiftung überlässt den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Herausragendes von Anselm Kiefer

Den alten Vorwurf, dass die Zeitungen immer nur Schreckliches melden, dürfen wir heute mal entkräften. Denn hier gilt es, von einem besonders erfreulichen, ja beglückenden Ereignis zu künden: Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen können eine grell gellende Lücke in ihren Sammlungsbeständen schließen. Nur ein einziges Werk besaß die Pinakothek der Moderne (PDM) nämlich bisher von Anselm Kiefer, einem der größten, bedeutendsten Gegenwartskünstler weltweit, der damit auf geradezu schmerzhafte Weise unterrepräsentiert war in einer Sammlung von ansonsten doch internationalem Rang. Einem Künstler auch, der es sogar geschafft hat, im Museum der Museen, im sonst für Alte Meister reservierten Louvre nämlich, mit einem monumentalen Wandbild dauerpräsent zu sein. Wenn München jetzt endlich nachziehen kann, weil die PDM plötzlich einen ganzen Kiefer-Saal hat, ist das der Michael & Eleonore Stoffel Stiftung zu verdanken – und gar nicht hoch genug anzurechnen. Sie hat fünf herausragende Werke Anselm Kiefers erworben und den Staatsgemäldesammlungen „auf ewig“ übergeben. Dass die Devise dabei „klotzen statt kleckern“ hieß, ist hier ganz wörtlich zu nehmen: Zu den Neuerwerbungen gehört jenes Kolossal-Gemälde, das mit einem Zitat des Dichters Paul Celan Der Sand aus den Urnen betitelt ist und auf 2,80 mal 5,70 Metern eine mit unzähligen erdfarbenen Klötzen bedeckte Wüstenlandschaft zeigt. Wie schwindelerregend schmal der Grat zwischen politisch-aufklärerischer Botschaft und Mythologisierung ist, vergegenwärtigt Kiefers Werk generell, und diesem Motiv widmen sich auch die beiden tafelbildartigen Wandobjekte mit dem Titel Occupations. Sie verweisen auf die einstige Okkupation, also Besetzung Europas durch Nazideutschland und machen diese Scham-„besetzte“, darum ungern erinnerte Vergangenheit durch eine beschämende Handlung, durch eine bewusste Scham-Offensive quasi, ostentativ zum Thema: Fotos, die ihn in der Pose des Hitlergrußes zeigen, hat der 1945 in Donaueschingen geborene Künstler auf große, schrundige Bleiplatten appliziert und anschließend einem Elektrolyseverfahren unterzogen. Dieser physikalisch-chemische Prozess bewirkt, dass sich ein schorfiger Oxidationsfraß allmählich immer weiter über die Objekte ausbreitet und die Fotos irgendwann überwuchert haben wird. Wie zentral bei diesem Beuys-Schüler die Ausdrucksqualität ungewöhnlicher Materialien ist, zeigt sich ebenfalls an den beiden Vitrinen-Installationen unter den Neuerwerbungen. Auch in ihnen beschwört der Geschichts-Alchemist Kiefer die Geister der näheren wie einer sehr fernen Vergangenheit. Die Installation 12 Stämme, deren Titel auf die zwölf Stämme Israels anspielt, besteht aus einem großen Glaskasten mit schwarzer Stahlrahmung, in dem kopfüber zwölf teils vergoldete, teils versilberte Sonnenblumen aus Blei hängen. In der Vitrine Morgenthau wiederum ragen überdimensionale vergoldete Getreideähren aus einer Kiesfläche, auf der eine Schlange liegt. Eine tragikomische Reminiszenz an den Plan des US-Finanzministers Henry Morgenthau, der 1944 vorschlug, Deutschland nach dem Sieg über Hitler in einen reinen Agrarstaat zu verwandeln. Vielleicht sollte man angesichts des Kiefer-Glücks der Pinakothek der Moderne daran erinnern, dass in München durchaus noch mehr von diesem Ausnahmekünstler vorhanden wäre: Die Städtische Galerie im Lenbachhaus besitzt ebenfalls eine Kiefer-Sammlung, die früher auch gezeigt wurde und in der sich mit dem riesigen Wandobjekt Die Frauen der Revolution eines der faszinierendsten Werke Kiefers überhaupt findet. Leider zieht es das Lenbachhaus seit Jahren vor, diesen Schatz mit geradezu Onkel-Dagobert-haftem Geiz im Depot zu verstecken. Wo kämen wir auch hin, wenn ein Museum seine bedeutendsten Stücke einfach den Blicken der Öffentlichkeit aussetzen würde. In der PDM geschieht das jetzt immerhin ein Jahr lang. Und hoffentlich auch darüber hinaus. (Alexander Altmann) Information: Bis 1. Juli 2018. Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München. Tgl. außer Mo. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr. www.pinakothek.de

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