Kultur

Bald wird das Tiefdepot nicht mehr so leer aussehen. (Foto: GNM)

22.01.2021

Herausfordernde Logistik

Im Laufe des Jahres will das Germanische Nationalmuseum Nürnberg mit der Innenausstattung seines neuen Tiefdepots beginnen

Da geht man seit Jahren in Nürnberg an der riesigen Baustelle vorbei, weiß zwar, dass da ein Tiefdepot für das Germanische Nationalmuseum (GNM) gebaut wird, aber das Was und Wozu erschließt sich erst so richtig im Gespräch mit Birgit Schübel, die für die Vorbereitung und Organisation des Umzugs ins tiefe Depot verantwortlich ist. Aber sie ist keine gelernte Spediteurin, sondern Kunsthistorikerin.

Als 2013 der Grundstein für die erste große Baumaßnahme seit der Neuarrangierung des Museumseingangs 1993 gelegt wurde, war immerhin klar: Fünf Untergeschosse mit 3655 Quadratmetern Nutzfläche, 21 Meter tief im Nürnberger Boden und Grundwasser, sollen errichtet werden. Geschätzte Kosten: 39,8 Millionen Euro.

Allein um einen Teil der 1,2 Millionen Kunst- und Kulturobjekte des GNM zu verstauen, baut man das Tiefdepot nicht. Zunächst wird es nach der weitgehenden Fertigstellung des Baukörpers und der für Herbst 2021 angepeilten Innenausstattung ein Zwischenlager für die Dauerausstellungsobjekte aus dem Süd- und Südwestbau (Exponate des 19. Jahrhunderts) sein. Denn der muss saniert werden. Und erst wenn die Objekte von der Guillotine, dem Schreibtisch der Brüder Grimm bis hin zur berühmten Musikinstrumentensammlung wieder zurückgeführt werden, erst dann kann das neue Tiefdepot seiner Bestimmung folgend die Bestände aus den anderen überquellenden Depots des Museums aufnehmen.

Birgit Schübel hat in den über 20 Jahren, die sie am GNM tätig ist, in vielen Abteilungen gearbeitet und sich so einen guten Überblick über die Bestände erworben. Sie hat viel inventarisiert, in den Depots gearbeitet und zudem das Deutsche Burgenmuseum in Thüringen eingerichtet. Seit zwei Jahren arbeiten sie und ihr Team an der Umzugslogistik: Was auf welchen Regalsystemen, an Hängegittern, in Grafikschränken, auf Podesten (Flügel) oder in Schubladen (Flöten) deponiert werden muss. Die nötige Einrichtung ist bestellt, vieles schon geliefert und ausprobiert.

Bruchsicher verstauen

Man denkt zum Beispiel zurück an all die Exponate der wunderbaren Ausstellung Luxus in Seide mit Garderoben des 18. Jahrhunderts. Wie viel säurefreies Seidenpapier, und wie viele spezielle Kartons braucht man, um die wertvollen Stücke liegend aufbewahren zu können? Zuletzt hat Birgit Schübel besondere Kunststoffverpackungen bestellt, um Glasobjekte bruchsicher zu umhüllen – insgesamt müssen für 60 000 Objekte individuelle Lösungen gefunden werden.

Natürlich besprechen die jeweiligen Sammlungsleiter*innen, wohin und wie die Bestände zwischengelagert werden. So steht zum Beispiel für Frank P. Bär, dem Herrn über die Musikinstrumente, fest: Die alten Hammerklaviere bitte nicht ganz nach hinten, weil sie sonst für die beliebten Musica Antiqua-Konzerte im Museum fehlen würden.

Den ersten Teil des Umzugs in diesem und im nächsten Jahr wird man, so Birgit Schübel, mit etwa 50 hauseigenen Museumskräften stemmen. Was von Anfang an bei der Bauplanung wichtig war: „Die Wege für die Kunstgegenstände sollen kurz bleiben“, so der ehemalige Museumsdirektor Ulrich Großmann. Die Aufsichten, die während Corona und durch die Teilschließungen nicht beschäftigt sind, gehören mit Transportdiensten zum Umzugsteam, auch Schreiner und Schlosser.

Wie im Privaten nutzt man den Umzug auch zur Sichtung der Bestände. Aber „weggeschmissen wird bei uns nichts, wir heben alles auf“, versichert Birgit Schübel. Auch Dinge, die nie in Ausstellungen auftauchen. Sie werden bei dieser Gelegenheit auf ihren Erhaltungszustand kontrolliert, notfalls restauriert. Alles wird fotografiert, dokumentiert: nach Maßen, Material und mit einer Kurzbeschreibung. Birgit Schübel ist derzeit mit Tausenden von Knöpfen beschäftigt und bewundert besonders die filigranen Stücke von bäuerlichen Trachten.

Sicherheit garantieren

Dass beim Umzug vom alten ins neue Depot und zurück nichts verloren geht, ist „sicherheitspolitisch“ dadurch gewährleistet, „dass wir ja im Hause bleiben“. Um die Sicherheit geht es auch beim Umzugspersonal: Objekte können verstaubt oder zum Beispiel durch Polituren belastet sein: „Deshalb müssen wir bei diesen Umzugsarbeiten Masken und Handschuhe tragen“, sagt Schübel. Möbel und Textilien sind dabei besonders gefährlich: Zu denken ist an Pestizide und Mottenpulver oder den Holzwurm. Deshalb gibt es im alten Depot zwischenzeitlich einen Raum, in dem mit Schutzkleidung gearbeitet wird: reinigen, absaugen, einpacken. Da redet notfalls der Betriebsarzt ein Wort mit.
Jedes Stück wird vor und während dieses Massenumzugs in die fachlich erfahrenen Hände genommen, jedes Objekt muss im neuen Tiefdepot zugänglich sein. Um 2030 herum wird alles nach dem zweiten Teil des Umzugs im sanierten Museumssüdbau wieder zu sehen sein. Eines weiß man heute schon: Das neue Tiefdepot wird auch dann nicht leer stehen. (Uwe Mitsching)

Abbildungen:
Die Kunsthistorikerin Birgit Schübel ist maßgeblich mit der Organisation des Umzugs beschäftigt. (Foto: GNM)

Auch im Gemäldedepot werden alle Stücke genau auf ihren Erhaltungszustand hin unter die Lupe genommen, bevor sie verpackt werden. (Foto: GNM)

Rund 1,2 Millionen Kunst- und Kulturobjekte müssen für den Umzug sicher verpackt werden. (Foto: GNM)

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