Kultur

Andy Warhols „Rolling Stones – Love You Live (Mick Jagger)“ von 1975 (Ausschnitt). (Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen/Haydar Koyupinar)

28.06.2019

Hochburg von Jux und Dollerei

Das Museum Brandhorst zeigt in einer Jubiläumsausstellung zum zehnjährigen Bestehen viel Neues

Wie bitte, erst seit zehn Jahren soll es das Münchner Brandhorst-Museum geben? Dabei hat man doch das Gefühl, es sei immer schon da gewesen, so rasch und harmonisch hat es sich in die Kunstlandschaft der Stadt eingefügt. Dergleichen nennt man gern gelungene Integration– und ein Grund zum Feiern ist es auf jeden Fall. Also schenkt das Museum mit der allseits beliebten und gerne fotografierten Fassade aus Keramikstäben sich und uns eine große Geburtstagsausstellung. Forever Young heißt die Schau.

Bewusst unterhaltsam

Diesen nicht mehr taufrischen, laut Museumsdirektor Achim Hochdörfer „bewusst unterhaltsam gewählten“ Titel darf man trotzdem programmatisch verstehen: Als Museum für Gegenwartskunst muss „das Brandhorst“ immer am Ball bleiben, um die jeweils neuesten künstlerischen Positionen nicht nur im Blick, sondern auch in der eigenen Sammlung zu haben. Möglich ist das dank der guten finanziellen Ausstattung durch die Udo und Anette Brandhorst Stiftung. Dadurch konnte das Haus seinen Sammlungsbestand von 700 Werken, mit dem es 2009 startete, im Lauf der letzten Dekade auf gut 1200 Werke vergrößern.

Einen Teil der bisher noch nicht gezeigten Neuerwerbungen präsentiert das Brandhorst-Museum in der angenehm süffigen, 250 Exponate umfassenden Jubiläumsausstellung zusammen mit altvertrauten Schätzen. Zu letzteren gehört selbstverständlich der Lepanto-Zyklus von Cy Twombly im Obergeschoss, um und für den, wenn man so will, das Brandhorst-Museum ja als passgenauer Ideal- und Sakralraum herumgebaut ist. Wenn der Lepanto-Saal in den vergangenen zehn Jahren nichts von seiner atmosphärischen Kraft eingebüßt hat und bei jedem Besuch aufs Neue fasziniert, dann spricht das einmal mehr auch für die Architektur von Sauerbruch Hutton.

Dass Ausstellungskuratorin Patrizia Dander Humor hat, zeigt sich gleich im ersten Saal des Rundgangs, wo mit Werken von Andy Warhol in Petersburger Hängung (also übereinander) eine ganze Wand gepflastert ist: ein ironischer Reflex auf den Eindruck des Beliebigen, den die Werke des Pop-Art-Stars heute gern erzeugen, weil viele private und öffentliche Sammlungen keinen Mangel an ihnen haben. Dabei übersieht man leicht, dass das Gefühl, einem Allerwelts-Sammelsurium gegenüberzustehen, ja schon im Konzept dieser Kunstrichtung der 60er-Jahre programmiert ist, die ganz bewusst die vertrauten Oberflächen-Eindrücke der Konsum- und Glamourwelt potenziert.

Abgründiger wird’s im Untergeschoss, wo man auf Mike Kelleys Riesenmobile aus zusammengeballten Plüschtieren trifft. Und richtig gruselig ist ein Objekt des Künstlerinnenduos Kaya: Auf einer Metallbahre, von der schwarze Riemen zum Festschnallen herunterbaumeln, liegt unter farbverschmierten Plastikplanen etwas, das, soweit man es sieht, ein ausgehöhlter, „ausgebrannter“ Körper sein dürfte. Aber schließlich geht es in dieser Abteilung der Schau auch um „Subjektivität im Spätkapitalismus“ und, laut Kuratorin Dander, um die Widerspiegelung einer „bis in die privatesten Bereiche durchkapitalisierten Gesellschaft“.

Heiterer Geburtstag

So gefährlich das auch klingen mag – Angst muss man nicht haben, dass das durchkapitalisierte Museum Brandhorst ein heimlicher Hort der Subversion ist. Die Jubiläumsausstellung zeigt es vielmehr als Hochburg von Jux und Dollerei im allerbesten Sinne. Denn viele der Exponate sind so herrlich witzig, dass man sich fast fragt, ob München hier nicht schon seine ersehnte Komische Pinakothek hat. Die Gespenster und Schneemänner aus glasierter Keramik von Josh Smith beispielsweise dürften bei vielen Besuchern für Heiterkeit sorgen. Und die ist zum Geburtstag auch angebracht. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch! (Alexander Altmann)

Information: Bis April 2020. Museum Brandhorst, Theresienstraße 35 a, 80333 München. Di., Mi., Fr., Sa., So. 10-18 Uhr; Do. 10-20 Uhr.

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