Kultur

András Schiff im Neumarkter Reitstadel. (Foto: Fritz Etzold)

30.01.2020

Intimer Frohsinn

András Schiff begeistert im Neumarkter Reitstadel mit Schubert-Sonaten

Es ging schon gegen elf Uhr und nach drei großen Schubert-Sonaten kündigte András Schiff als Zugabe noch eine „Ungarische Melodie“ als „irgend so etwas K.u.k.“ an  -  aus seiner alten Heimat. Aber man war an diesem außergewöhnlichen Abend der „Neumarkter Konzertfreunde“ im Reitstadel sowieso wie in ganz ungewöhnlichen Dimensionen gewesen.

Nicht nur weil Schiff seinen neuen, flammend rotbraun gemaserten Mahagoni-Bösendorfer-Flügel eigens für einen möglichst authentisch klingenden Franz Schubert mitgebracht hatte, oder weil man voll schierer Bewunderung war über die physisch-mnemotechnische Leistung des Pianisten. Sondern weil es ihm gelungen war, mit diesen drei Sonaten aus Schuberts mittlerer Periode (D 845, 850 und 894) die Horizonte des ganzen Werks aufzuschließen: die Todessehnsucht in Anlehnung an das Lied „Totengräbers Heimwehe“, das Heroisch-Ritterliche, das Gemütvolle einer Gasteiner Stube, besonders aber in der a-moll- und in der D-Dur-Sonate das Fließende, Rieselnde, auf die Mündung all der Schubertschen Bäche Zustrebende – nicht nur im Sinne der „Schönen Müllerin“. In Schiffs Klangkultur mit ihrer  stupenden Differenzierung und einleuchtenden Abstufung ziehen unzählige Bilder vorüber, entwickelt sich parallel zur großen C-Dur-Symphonie, vielleicht zur verschollenen „Gasteiner Symphonie", eine Fülle von Eindrücken in dramatischer Theatralik genauso wie in bewegender Melodik und romantischer Innigkeit. Die hat  bei Schiff keine Spur von biedermeierlicher Belanglosigkeit.

In einer Aufnahme von 2019 spielt Schiff Schubert auf seinem Brodmann-Flügel mehr in den Farben des Hammerflügels - jetzt geht er mit dem Vienna-Concert-Bösendorfer den Mittelweg zwischen dem Äußersten, was an brillanter Virtuosität möglich scheint, und dem authentisch Innigen, bescheiden Anrührenden. Gerade in der D-Dur-Sonate trifft er damit auch all das Ländlerhafte, Tänzerische, österreichisch Gefärbte dieser romantischen Impressionen. Als würde man Schubert zu seiner Sommerfrische begleiten: über Salzburg den damals noch gefährlichen Pass Lueg hinauf und dann mitten hinein in das Rieseln, Fließen, Herabstürzen des Gasteiner Wassers, übertönt vom Hörnerruf - ohne alles Platte, Postkartenhafte.

Anklang an italienische Opernromantik

Schiff spielt das äußerst fingerfertig und mit Anklängen an die italienische Opernromantik und die „geläufigen Gurgeln“  dieser Zeit. Und trifft genau das, was er gemäß seinen kleinen Einführungen an Schubert  entdecken will: keinen krachenden Humor, sondern intimen Frohsinn.

Ohne alles Verfremdete, Dekonstruierte war das „con moto“ der D-Dur-Sonate der emotionale Gipfelpunkt des Abends, hinterließ ein spürbar verzaubertes Publikum. Auch das Trio des Menuetts von D 894, das Schiff zum „Weltwunder, fast unerträglich schön“ erklärte und schließlich wie auch die ganze Sonate als berückende Féerie mit donnernden Abgründen malte. Damit schaute man bei Schiff weit hinaus ins 19. Jahrhundert und bis zu Anton Bruckner, zu dessen Spiel mit dem Motivmaterial, den heranrollenden Crescendi und gefährlichen Abbrüchen. Das alles war nicht nur gelehrte Behauptung, sondern wurde pianistische Wirklichkeit: Mit András Schiff war man mit ganz großer Musik im kleinen Reitstadel drei Stunden wie auf einem anderen Stern. (Uwe Mitsching)

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