Kultur

Zwischen rustikal und champagnerprickelnd bewegt sich die Polnische Hochzeit in Regensburg. (Foto: Theater Regensburg, Marie Liebig)

16.02.2026

Jüdische Lustbarkeiten mit düsterem Hintergrund

Zwei sehenswerte Operetten: „Mendele Lohengrin“ an den Münchner Kammerspielen und „Polnische Hochzeit“ in Regensburg

Das Interesse des Regensburger Publikums ist immens: an der Polnischen Hochzeit, jener veritablen Operette im „silbernen Stil“ der Vorkriegszeit. Das Werk des emigrierten Komponisten Joseph Beer wurde seinerzeit an mehr als 40 Bühnen gespielt. Der Bayerische Rundfunk bezeichnet ihn als einen „der großen Operettenkomponisten des 20. Jahrhunderts“. Von Beers Talent für die leichte Muse hatte sich das Regensburger Theaterpublikum schon bei Der Prinz von Schiras überzeugen können.

Suzanne Beer, eine der Töchter des Komponisten, berichtete jetzt bei der Premiere, dass man noch mehr Noten in seiner Zufluchtsstätte in Paris gefunden habe. Als Beer, im damals österreichischen Galizien geboren, aus Wien nach Paris, dann nach Nizza als Versteck geflohen war, als seine Verwandten alle in Auschwitz umgebracht worden waren, verweigerte er die Aufführungsrechte für seine Werke. Trotzdem: In Schweden, beim Wiener Operettensommer 2012 und zehn Jahre später an der Staatsoperette Dresden wurde die Polnische Hochzeit gespielt. Jetzt in Regensburg kam sie am Bismarckplatz mit einer sehr ehrenwerten Zutat auf die Bühne: dem Komponisten als Figur im grauen Anzug, der durch den Hochzeitswirrwarr in einem polnischen Dorf führt – Beer erzählt, spielt, tanzt.

Sein Emigrationsschicksal wird in der Operette durch den Grafen Boleslav verdoppelt, der aus der Ferne zurückkommt, immer noch in die Gutsbesitzerin Jadja (fabelhaft: Sophie Bareis) verliebt und ein Tenor von begnadeten hohen Tönen (Carlos Moreno Pelizari) ist. Dazu gibt es Jadjas Schwester Suza (attraktiv in jeder Beziehung: Rahel Brede), die mehr in Intrigen als in Männer verliebt ist – wer wen bei der polnischen Hochzeit schließlich heiratet, bleibt lange unklar.

Ronny Scholz, sonst Chefdramaturg, hat alles aufgeboten, was ein Haus, das gerade erst zur „Oper des Jahres“ gekürt wurde, zur Verfügung hat: einen veritablen Stadel (Barbara Blaschke), der erstaunliche Möglichkeiten der Verwandlung bietet, einen Stall mit schwanzwedelnden Kühen, fantastische Motorradfahrten per Video (Sven Stratmann). An die gute alte Operette erinnern solche Chargen wie Stasi und Stani, Wizek/Wazek und die treue Lotte als Hofhund. Was es an Schmiss und Schmalz in der wiedererweckten Partitur gibt, ist bei Andreas Kowalewitz und den Philharmonikern in sehr kompetenten Händen. Choreograf Gabriel Pitoni hat Knechte und Mägde im stramm sitzendes Latex gesteckt. Und das enthusiastische Publikum spielt mit: Der frenetische Applaus erscheint als Versprechen auf viele weitere Inszenierungen. Zum Amüsement gibt es zusätzlich die Denksport- und Höraufgabe: Was ist typisch jüdisch an der Polnischen Hochzeit und deren Mischung von rustikal und champagnerprickelnd?

Diese Frage stellt sich bei Daniel Grossmann und seinem Jewish Chamber Orchestra Munich (JCOM) in den Münchner Kammerspielen nicht. Denn Mendele Lohengrin wird schon als Klezmer-Singspiel offeriert: mehrfach in den Kammerspielen, bis April aber auch noch auf Tournee nach Prag und Dresden. Die Geschichte von Heinrich York-Steiner (1898) hat das JCOM zu einer Auftragskomposition an Evgeni Orkin weitergegeben. Der stammt aus Lemberg, spielt Klarinette im Orchester, ist mit allem vertraut, was Klezmer heißt.

Für das „Singspiel“ sorgen die elegante Sopranistin Ethel Merhaut, die die jiddische Lyrik stilistisch präzise umsetzt – auch ein bisschen zu Herzen gehend –, und Stefan Merki von den Kammerspielen als Vorleser der Geschichte des Schusters und Kontrabassspielers („Bassett’l“) Mendele in einem galizischen „Schtetl“.

Dessen Lebenswunsch: einmal die Wiener Hofoper für 60 Kreuzer auf der Galerie. Da hört er Lohengrin – und wieder zu Hause spielt er nur noch Wagner und das ätherisch schöne Vorspiel, später auch immerhin den Fliegenden Holländer. Aber: Ist dieser Wagner Christ, ist seine Musik koscher, und was soll Mendele vom „Judentum in der Musik“ halten?
Daraus wird ein unterhaltsamer, musikalisch anregender Abend zwischen Wagner und Klezmer, auch mit Mahler und Strawinsky, und getreu dem JCOM-Motto: „jüdisch. heute. für alle.“ Herrlich: ein auf Klezmer gebürsteter Radetzky-Marsch und mit dem jüdischen Orchester die dampfende, keuchende Eisenbahn durchs Kaiserreich. (Uwe Mitsching)
 

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