Kultur

Aurel Manthei als Jason und Carolin Conrad als Medea auf der Bühne des Residenztheaters. (Foto: Sandra Then)

28.02.2020

Keine Hexe, sondern eine Intellektuelle

Sehenswert: Euripides' Medea im Münchner Residenztheater

Das Goldene Vlies ist nur ein grauer Putzlumpen. Und die ganzen alten Griechenhelden (die man eigentlich auch als Lumpen bezeichnen könnte) latschen in schwarzen Gummistiefeln über die Bühne. Das sind allerdings auch schon die einzigen schäbig-profanen Elemente in einer Inszenierung, die sich ansonsten nicht lumpen lässt. Bei ihrer Interpretation von Euripides’ Medea fährt Regisseurin Karin Henkel am Münchner Residenztheater nämlich schweres Geschütz auf. Allein schon beleuchtungstechnisch.

Licht- und Laserkanonen verzaubern im Verein mit Nebeleffekten Thilo Reuthers Bühne immer wieder in einen psychedelisch-suggestiven blauen Riesentunnel, der sich perspektivisch in der Unendlichkeit verliert. Dazwischen erklingt die Stimme der Callas von einem alten Tonbandgerät, während Totenschädel in einer Vitrine hereingetragen werden. Als Chor treten größere und kleinere Mädchen auf (in Gummistiefeln), die gelbe Fähnchen schwenken und zu ihren adretten Schuluniformen alle die gleichen silberweißen Prinz-Eisenherz-Perücken tragen, was ihnen eine seltsam außerirdische Künstlichkeit verleiht.

Den Korinther-König Kreon (richtig fies: Michael Goldberg) hat Kostümbildnerin Theresa Vergho anfangs in ein eckiges Ganzkörper-Filzetui gesteckt. Nur Prinzessin Kreusa trägt klassisches Griechinnen-Outfit, was Franziska Hackl nicht daran hindert, sie als sadistisches, absolut herzloses Luder der Extraklasse zu geben.

Aber es war ja von vornherein verdächtig, dass dieser Abend ziemlich lustig anfing. Noch während die Zuschauer in den Saal strömen, sieht man auf der Bühne den bärtigen Nicola Mastroberardino als „Amme“ mit Medeas beiden Buben spielen. In dem eckigen Wasserbecken, durch das später alle stapfen und platschen werden, lassen sie ein ferngesteuertes Schiffchen schwimmen; ein Modell der „Argo“, mit der ihr Vater Jason und die Argonauten einst aufbrachen, um im fernen Kolcherland das Goldene Vlies zu rauben – und Jasons Barbarenbraut Medea gleich dazu.

Wunderbar komische Verfremdung

Diese Vorgeschichte bis hin zur Ankunft der flüchtenden Familie in Korinth, wo sie Asyl sucht, wird dem Publikum erst mal von den beiden Buben erzählt. Mit hellen Kinderstimmen und im typisch kindlichen Sprechduktus berichten sie, was „unser Papa“ gesagt und gemacht hat, dann führen sie mit Plastik-Laserschwertern einen Kampf vor, aber bald erklärt einer von beiden, „mir ist jetzt schon langweilig“. Diese wunderbar komische Verfremdung hätte man gerne auf die gesamte Inszenierung ausgeweitet gesehen. Aber die Hoffnung, dass die schwere, furchtbar tragische Geschichte von der Rächer-Mutter Medea, die nicht nur ihre Nebenbuhlerin, sondern gar ihre eigenen Kinder umbringt, hier einmal gründlich gegen den Strich gebürstet und ironisch gebrochen werde, erfüllt sich natürlich doch nicht.

Faszinierend ist es gleichwohl, wie die Regisseurin gerade durch Betonung der Oberflächeneffekte schwindelerregende Abgründe evoziert. Die hochaktuellen Themen, die im Medea-Stoff stecken, klingen ganz selbstverständlich mit an, ohne dass eines als Deutungsschwerpunkt herausgearbeitet wäre. Da ist zum einen quasi das Migranten-Motiv der Ausländerin, die als Flüchtling in Korinth ankommt – und abgelehnt wird von den Griechen, die ihre vermeintliche kulturelle Überlegenheit raushängen lassen. Dann gibt es natürlich auch das Thema der Frau, die sich emanzipiert und aus der vorgegebenen Weibchen-Rolle ausbricht. Was ihr aber nur gelingt um den Preis, dass sie das Verhalten der Männer kopiert, ja sogar übersteigert und noch brutaler, egoistischer, mörderischer wird, als diese.

Carolin Conrad spielt die Medea ganz großartig als moderne Frau. Das ist keine schamanische Hexe aus abgelegenen Weltprovinzen, sondern eine Intellektuelle, hinter deren leichter Unterkühltheit die Energie eines gewaltigen Furors lauert. Im Gegensatz dazu ist ihr Gatte Jason bei Aurel Manthei Muskelmann und Schwächling in einem.

Das ironische Happy End steht dann so nicht bei Euripides: Medea hat mit dem Athenerkönig ein neues Familienglück gefunden, zwei herzige Mäderl als neue Kinder, und alle machen Winkewinke.
(Alexander Altmann)

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