Kultur

Unschuldig lächelnd verkörpert Juliana Zara in der Nürnberger Inszenierung die Lulu. (Foto: Staatstheater Nürnberg, Pedro Malinowski)

05.06.2026

Lulu in Nürnberg: Im Varieté werden die großen Fragen verhandelt

"Lulu“ am Staatstheater Nürnberg ist treffsicher auf Boulevard getrimmt

Die Nürnberger Oper hat durchaus ihre besonderen Beziehungen zu Lulu: Ihr langjähriger Superstar Marlis Petersen begann damit 1996 mit dieser „Lebensrolle“ ihre Weltkarriere. Und als sich Staatsintendant und Opernchef Jens-Daniel Herzog jetzt für die dreiaktige Fassung von Alban Bergs unvollendeter Zwölftonoper entschied, war es die Fassung von Wolf Kunold (1996 bis 2008 in Nürnberg und mit einer durchaus nachhaltig prägenden Intendantengeschichte).

Und warum sollte man in einer Jeffrey-Epstein-Epoche dieses Sittengemälde mit verdammt viel Gegenwartsbezug nicht gerade jetzt auf den Spielplan setzen – mit dieser Textgrundlage von Frank Wedekinds Tragödien Die Büchse der Pandora und Erdgeist und ihrem scharfen kritischen Blick auf die Kaiserzeit, mit dem Libretto von Alban Berg auf die Weimarer Jahre? Lulu, sie verkörpert „die Urgewalt des Weibes“, heißt es auch in dieser Neuinszenierung, in der klein und unschuldig lächelnd Juliana Zara auf der Bühne steht. Vor Kurzem war sie noch Ensemblemitglied am Theater Darmstadt, dort war sie schon als Lulu für den Theaterpreis „Der Faust“ nominiert.

Jetzt fläzt sie sich breitbeinig auf dem Sofa, nachdem der „Tierbändiger“ noch vor dem Vorhang und im Fitnessdress das „verehrte Publikum“ in Nürnberg zum Eintritt eingeladen hat: bei Herzog nicht in einen Zirkus, sondern eher in ein Berliner Varieté der „Goldenen Zwanziger“. Aber Herzog und sein Bühnenbildner Mathis Neidhardt haben die Zwölftonoper in ein nüchternes Gegenwartsinterieur gesteckt.

Schnell wechseln die Teppiche, die Perücken, Erotikmotive gibt es genug für den zum Fotografen mutierten „Maler“ („Bitte das Höschen etwas höher“). Das Ganze ist treffsicher auf Boulevard, Komödiengeplapper getrimmt, in Unterhosen gesteckt, in schnelle Exekution und Herzinfarkte: „Bussi, da kann man nichts machen.“ Und was zu Wedekinds und Bergs Zeiten noch schockierend war, ist heute Stoff aus dem Vorabendprogramm.

Auch die Frage, ob Lulu noch an einen Schöpfer glaube und ob sie eine Seele habe, wird in dem Parlando-Ton der Zwölftonmusik und mit Varietépointen verkauft: im boulevardesken Luxusleben, in der Katastrophe der Aktienkrise, virtuos umgarnt Lulu die Demimonde. Aber zum Faszinierendsten der Aufführung gehört ihre Szene mit Dr. Schön: im grauen Dreiteiler und immer um seine Krawatte besorgt (mit knallhartem Bariton: Simon Neal) – zwei „Tiere“ zum Fürchten und Zerfleischen.

Auch Jack the Ripper tritt auf

Es gehörte schon zu Alban Bergs Konzept, dass Schön am Ende auch als Jack the Ripper auftritt und Lulu und ihre Retterin Gräfin Geschwitz niedermetzelt – mit bewunderungswürdigem Alt: Almerija Delic. Auch das blutet schließlich so schaurig und kalt in dieser Bilderfolge aus, als wäre es ein „Film noir“. Etwa durch den genialen Sprachgesang, die Arien in höchsten Koloraturhöhen und in dieser Jahrhundert-Partitur, die zu diesem Zerrbild von Jahrzehnten gehört.

Roland Kluttig, derzeit Musikchef in Graz, animiert das Philharmonische Staatsorchester zu großartiger Vielseitigkeit: in der Begleitung des Parlandos, in den packenden Zwischenspielen, deren Musik einen über die Jahrzehnte einer Bekanntschaft mit Lulu immer wieder von Neuem packt. Und das, je mehr Lulus Vater aus der Gosse, der alte Schigolch und sanguinische Leichenfledderer (Taras Konoshchenko), in Erscheinung tritt.

Die Nürnberger Aufführung verfügt über treffsichere Tenöre aus der wohlgenährten Kunstszene (Tristan Blanchet, Martin Platz) als Teil der enormen darstellerischen und sängerischen Spannweite, deren Pole das Orchester markiert. Herzog zeigt mit Alban Berg eine Welt, der alle Werte abhanden gekommen sind, über die Stelle hinaus, wo Bergs Partitur durch seinen Tod 1936 endete, wo Alwa Schön die Nachfolge seines Vaters antritt und wo Kunolds Ergänzung in Kluttigs Realisierung der Partitur diesen Dreistundenabend hinreißend beendet.

Die Pariser Chéreau-Inszenierung und die Lulu von Marlis Petersen wird man mit Herzogs Neuinszenierung so leicht nicht vergessen und vermuten, dass Lulu eines der Lieblingsstücke von Jens-Daniel Herzog sein muss. (Uwe Mitsching)
 

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