Kultur

Frauen tragen die sexistischen Aussagen von Männern vor: Silke Heise, Susanne Berckhemer, Doris Dubiel, Denia Nironen (v.l.n.r.). (Foto: Jochen Quast)

07.12.2018

„Männer sind halt einfach so“

Die deutschsprachige Erstaufführung von Gary McNairs „Locker Room Talk“ am Theater Regensburg wirft ein Licht auf Sexismus in der Alltagssprache

Es beginnt alles mit der Sprache. Aggression, Herabwürdigung, Demütigung: Das Reden übereinander fixiert Positionen zueinander. Wer einen anderen missachtet, wird immer auch sprachlich eine solche Haltung einnehmen. Sich über jemanden stellen zu wollen bedeutet, ihn oder sie rhetorisch zu degradieren oder zu verspotten. Eine leider sehr gängige Beobachtung, vor allem auf Seiten jener zunehmenden Zahl an wildgewordenen Angstbeißern, die den Grundton der gesellschaftlichen Debatte zu bestimmen suchen. Statt souverän zu sein, überspielen diese Kläffer ihre Panik damit, sich aufs ganz hohe Ross zu setzen und alles zu verachten, vor dem sie sich fürchten. Das ist das Drama des verunsicherten weißen Mannes.

US-Präsident Donald Trump ist für diese Phänomene ein ausgesprochen gutes ungutes Beispiel. Vor allem, wenn er über Frauen spricht. Weshalb er zumindest indirekt in Locker Room Talk (Was Männer über Frauen reden) mehrmals vorkommt. Als Basis für sein Stück, das jetzt am Theater Regensburg deutschsprachige Erstaufführung hatte, hat der schottische Autor Gary McNair Männer aus allen möglichen Gesellschaftsschichten behorcht, wie sie denn so über Frauen sprechen, und aus den Ergebnissen seiner Recherche eine Collage gebaut, die beweist, wie bemerkenswert alltäglich Sexismus und sprachliche Gewalt gegen Frauen sind.

Taxifahrer, Anwälte, Teenager am Rand der Gesellschaft, Akademiker: Sie alle finden Wege, über Frauen so daherzureden, als seien sie erstrangig entpersönlichte Objekte der Begierde. Männer seien halt so, heißt es mehrmals. Und natürlich wissen die Zuschauer nicht, welche Tonspuren weggelassen wurden, um diesen Eindruck rundweg zu erwecken: Natürlich baut der Autor ein bestimmtes Bild, um zum Hinterfragen dieser Männerrolle beizutragen.

Dankenswerterweise ist daraus aber nicht ein Betroffenheitsabend geworden voll einsickerndem Sensibilisierungsserum, sondern eine unterhaltsame einstündige Rundumschau dessen, wie Sprache den, der andere lächerlich machen will, selbst lächerlich macht. Der Clou des Abends: Die Interviewpassagen werden nicht von Männern, sondern von Frauen vorgetragen. Diese Brechung ist wirkungsvoll, weil sie sofort die notwendige Distanziertheit des Blicks auf den Text schafft. In Regensburg stellt sich eine wohlige Wärme des Schauens und Hörens ein, weil Doris Dubiel, Denia Nironen, Susanne Berckhemer und Silke Heise ihre Sache wunderbar, lässig und geschmeidig verrichten.

Wie die Männer sind, wird hier durch Spiel sehr realitätsnah ironisiert; einzeln oder in Gruppen sprechen die Vier Trash-Talk von Männern, der – besonders gelungen ausgespielte Szenen – schon bei Kindern und Teenagern beginnt. Regisseurin Patricia Benecke und Ausstatterin Lena Scheerer haben den Vieren einen soliden Rahmen gebaut, in dem sie zwischen Duschkabinen und Wäschekörben agieren können, wiewohl dieser Rahmen eher beliebig wirkt. Und genau das deutet auch auf die eigentliche dem Dokumentartheater innewohnende Schwäche hin, wenn es denn allein in Form der Zitate-Collage daherkommt.

Das Stück fragt zwangsläufig persönliche Haltungen auch auf der Zuschauerebene ab, die nach den Aufführungen in vom Theater angebotenen Nachgesprächen vertieft werden können. Dramaturgisch gibt diese Form, so possierlich die Theatergänger auch über von McNair erforschte Verhältnisse informiert werden, jedoch wenig her. Wirkliche Bilder kann man daraus nicht bauen, weil der Text keine Dimensionen schafft, in denen Geschichten stecken. Auch die ironische Brechung durch Frauen, die Männertexte sprechen, nutzt sich ab. Denkbar wäre es ja, die manchmal regelrecht verstörenden Inhalte des Männergeredes deutlich irritierender darzureichen. Das aber geben Text und Setting denn dann doch nicht her. Die Gefahren, die hinter all dem unseligen Gerede herrschen, werden wenig sichtbar. Sehr bequem sitzen Frauen und Männer im Haidplatztheater auf der mutmaßlich richtigen Seite.
(Christian Muggenthaler)

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