Kultur

Der Club-Trainer Jenö Konrad (rechts, gespielt von Gerd Beyer) im Gespräch mit dem Nazi vom „Stürmer“ (Martin Bruchmann). In Hintergrund, etwas verdeckt, die Schlagzeile aus dem „Stürmer“: „Wer den Club nicht liebt, soll Deutschland veralssen." (Foto: Marion Bührle)

10.06.2016

"Mit einem Hakenkreuz kann man nicht Fußball spielen!"

Im Staatstheater Nürnberg feiert Albert Ostermeiers Drama über Jenö Konrad, den legendären Club-Trainer, Premiere

Der 1. FC Nürnberg, der "Club", ist mit neun Deutschen Meisterschaftstiteln immer noch - hinter Bayern München - deutscher Vize-Rekordmeister, auch wenn er gerade wieder mal den Aufstieg in die Premium-Liga verpasst hat. Aber einst, lang ist's her, war er über Jahre hinweg die Nummer Eins im deutschen Fußball und glänzte mit Namen, die heute nicht nur den Veteranen unter den Club-Fans Schauer über den in den Club-Farben weinrot-schwarz dekorierten Rücken jagen. Ehrfürchtig werden bis heute die Namen der "Helden des ruhmreichen Club" herumgereicht: der Torwart Heiner Stuhlfauth etwa ("Der erste Stürmer im Tor!"), oder Hans Kalb, der "Schrecken aller Mittelstürmer", der  in den 1920er Jahren als "der beste Fußballer seiner Zeit" galt.

Jetzt allerdings schlägt eine Uraufführung am Staatstheater Nürnberg ein weniger ruhmreiches Kapitel in der Geschichte des legendären "Club" auf: in dem Fußball-Drama "Linke Läufer. Requiem für Jenö Konrad" begibt sich der Münchner Autor Albert Ostermaier auf Spurensuche und stieß auf  Jenö Konrad, der  von 1930 bis 1932 Trainer beim Club war. Nach wüsten Angriffen des in Nürnberg erscheinenden antisemitischen Hetzblatts "Der Stürmer" , das der "Franken-Führer" Julius Streicher, fränkischer Gauleiter der NSDAP seit 1923 in Nürnberg herausgab, verließ Jenö Konrad 1932 mit Frau und Kind Nürnberg und landete - nach einer Irrfahrt durchhalb Europa - 1940 in New York im Exil, wo er 1978 starb, ohne jemals wieder deutschen Boden betreten zu haben.

Die Hass- und Hetzparolen des "Stürmer" hängen als Spruchbänder über den Köpfen der Zuschauer, die im Studio des Staatstheaters wie in einer Fußball-Arena um die Bühne (Bühnenbild: Birgit Leitzinger) sitzen. "Der Club geht am Juden zugrunde", titelte der "Stürmer", und "Wer den Club nicht liebt, soll Deutschland verlassen".

Vor dieser Kulisse, vor leeren Rängen, hält Jenö Konrad seine Abschiedsrede an die Mannschaft, lässt die Siege und die Niederlagen, die Kämpfe und die Triumphe Revue passieren - ein großer, mit antikischem Pathos vorgetragener, eine Halbzeit dauernder Monolog des Trainers Jenö Konrad, der im Anzug, als eleganter, gebildeter Mann auftritt, eine Art Pep Guardiola der 20er Jahre.

"Im Strafraum oder : Stürmer" ist die zweite Halbzeit überschrieben, in der der Nazi, der sich "Stürmer" nennt, im langen SS-Mantel die Kabine (und einem Hakenkreuz-Tattoo) betritt und sich mit dem scheidenden Trainer ein grandiosen Rede-Zweikampf liefert, das in einem angedeuteten Ball-Spiel (Nazi gegen Jude) mit alten, originalen Leder-Fußbällen, aber auch in Handgreiflichkeiten gipfelt.

Da wird geholzt und nicht gebolzt, da haut der Mann vom "Stürmer" dem jüdischen Trainer die Nazi-Sprüche um die Ohren, dass die braunen Fetzen nur so fliegen. "Wir sind das Volk!" skandiert Pegida-gemäß der Fan des kommenden Führers, der sich im O-Ton über Lautsprecher (aus einer Hitler-Rede) zu Wort brüllt. Jenö Konrad kontert im Verbal-Duell: "Die Farben des Club dürfen nicht in den braunen Dreck gezogen werden" und "Mit einem Hakenkreuz kann man nicht Fußball spielen!" Zynisch-drohend die Replik: "Fußball macht frei!".

Danach geht das Fußball-Drama in die "Verlängerung", spielt in den USA, wo der Club 1955 in New Jersey ein Freundschaftsspiel absolvierte, das Jenö Konrad besuchte und ein Interview gab. Befragt nach der Zukunft seines einstigen Clubs gibt er die Antwort, mit der einst seine Autogramm-Postkarte signierte: "Der Club war der erste und wird der erste werden". Es war das Motto des "Club"-Trainers Jenö Konrads; der Fan-Club des 1. FCN, die ULTRAS machten daraus 2012 im Nürnberger Stadion eine riesige Choreographie mit dem Porträts Jenö Konrads, dem sie damit  im Nürnberger Stadion ein Denkmal setzten. (Fridrich J. Bröder)

(Weitere Vorstellungen: 12., 16., 18., 28. und 29. Juni; 3., 14. und 27 Juli sowie in der nächsten Spielzeit)

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