Kultur

Bryan Register als Tannhäuser. (Foto: Ludwig Olah)

16.10.2026

Nürnberger Tannhäuser-Neuinszenierung: Ein Rüpel mit Familienanschluss

Diese Neuinszenierung von Richard Wagners „Tannhäuser“ am Nürnberger Staatstheater macht Spaß

„Das Leben ist ein Traum“, steht auf dem schwarzen Vorhang des Opernhauses. „Der Tod ist die Wirklichkeit“, müsste es eigentlich als Motto der Tannhäuser-Neuinszenierung am Staatstheater Nürnberg heißen. Denn ein kärglich begrünter Grabstein über dem Souffleurkasten ist das Zeichen. Ein Mann liegt hingebungsvoll davor. Dann beginnt die Ouvertüre zur „Wiener Fassung“ von 1875 (nach Dresden und Paris).

Und man wird durch ein riesiges rundes Auge in eine Welt schauen, die altmodisch mit „Paradies“ beschriftet ist. Dorthin führt einen – wie auch in den nächsten Akten – ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen. Irgendwann erfährt man, dass es Tannhäusers und Elisabeths Tochter ist, Teil einer Familie aus deren Träumen.
Barbora Horáková Joly, tschechische Regisseurin aus der Schweiz und zum ersten Mal in Nürnberg engagiert, hat sich dieses Familienkonstrukt ausgedacht, um die Vergangenheit und die Wünsche der beiden Hauptpersonen zu beleuchten. Aber ansonsten erzählt sie die Geschichte, wie man sie kennt und wie sie einem durch das riesige, rotierende Auge gezeigt wird, am Ende wie in einem Observatorium mit Blick ins Weltall.

Minnesänger in Unterwäsche und vollgeschmiert mit Fango

Zunächst räkelt sich im Thüringer Waldesgrün das nackte Personal des Venusbergs. Zu dem schleppt sich der Minnesänger, bald in Unterwäsche und mit Knieschutz, vollgeschmiert mit einer Art Abano-Fango. Was mehrfach mehr lächerlich als sexy erscheint und den Sänger nicht in der Welt der attraktiv singenden Venus (Dorothea Spilger, offenbar hochschwanger, aber uneingeschränkt aktiv) halten kann: „Zum Tode drängt es mich!“ 

Bryan Register, in seinen abgeschlunzten Jeans entsprechend abgewrackt, hebt seine stimmlichen Reserven für die schwierigen restlichen Akte mit Preislied und Romerzählung auf. Das hat Roland Böer mit der Staatsphilharmonie nicht nötig, er präsentiert den Nürnberger Tannhäuser in üppigem Klang, dramatisch durchpulst, aber in eher gemessenen Tempi besonders im zweiten Akt.

Damit wird aus dem „Paradies“ ein romantischer Wald. Der Hirte (standfest: Veronika Loy) singt, das kleine Mädchen hüpft anmutig in die Maiglöckchenidylle, die Pilger singen aus dem Off. Tannhäuser schlurft durchs Unterholz, und die Straßenbautruppe des Landgrafen (umwerfende Bassfülle: Seokjun Kim) nimmt den vermissten Minnesänger durch die Gewalt der Flinten wieder auf. Zum Fango-Schwarz kommt noch das Blut eines erlegten Ebers.

Aus dem „Das Leben ist ein Traum“ wird im zweiten Akt ein Leben als Traum zu einem zusätzlichen „Traum“: In der „Halle“ eines palisanderverkleideten Saalbaus mit Empore sind sie schon alle da: Tannhäuser, Wolfram, Elisabeth, das Mädchen mit Luftballon. Die Nichte des Landgrafen ist mit Emily Newton ein echter und sehr sportiver Thüringer Blondschopf mit Holzhackerqualitäten. Da hat man, so wie die Minnesänger zunächst als Videoprojektionen, viel zu schauen: die „Familie“ Tannhäuser, die Titelfigur als ungewaschenen Zausel, einen wunderbar tönenden Landgrafen im Dinnerjackett, die hackenden Sänger (offenbar eine volkskundliche Idee der Regisseurin), einen lächerlichen Kampf der „Edlen“ am Buffet.

Den „Sängerkrieg“ bestreitet Tannhäuser als übler Rüpel, was seiner „Frau“ offenbar gefällt. Böer macht herrlich klingende Klangtableaus mit dem formidablen Chor daraus, Samuel Hasselhorn singt den Wolfram unübertrefflich.

Nochmals eine Traumebene dann im Schlussakt: Es gibt viel ungeklärtes Hin und Her mit schwarzer Erde und trotzdem einen emotional durchaus anrührenden Schluss – mit einem Wolfram von Weltformat und diesmal tatsächlich auftretenden Pilgern von traumhafter Chorqualität und hingebungsvoller Kraft. Und den Luftballon des Mädchens nimmt man gerne als Abendstern: „Todesahnung“ allenthalben.

Jetzt weiß man auch, wofür Bryan Register seine tenoralen Kräfte aufgespart hat: Seine Romerzählung gelingt eindrucksvoll – wie schließlich denn doch auch dieser ganze neu erzählte Tannhäuser. (Uwe Mitsching)
 

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