Kultur

Orest (Alban Mondschein) sitzt in dieser Neufassung der Orestie im gläsernen Gefängnis. (Foto: Staatstheater Nürnberg, Konrad Fersterer)

19.06.2026

Orestie in Nürnberg: Der Commander soll sein Kind opfern

Starregisseur Stephan Kimmig inszeniert am Staatstheater Nürnberg eine arg moderne Form der „Orestie“

Eigentlich wäre das ja ein sehr stimmungsvoller Beginn: Nacht über Mykene, endlich ein Lichtzeichen, das „Sieg“ signalisiert und dessen Stationen von Insel zu Insel später sogar aufgezählt werden: Orestie heißt das Wagnis, heißt die Trilogie, die älteste Tragödie, mit der sich das Staatstheater Nürnberg jetzt auseinandersetzt. Aber ganz anders, als sich der Abonnent das vielleicht gedacht hat. Es gibt keinen Wächter („Ihr Götter, macht ein Ende dieser Qual!“), keinen Herold und am Anfang gibt es schon den Schluss, wie ihn der Dichter Aischylos vorgesehen hatte: mit dem Gericht von Athen, dem Areopag, der hier aber aussieht wie das Bundesverfassungsgericht.

Orest sitzt in einem gläsernen Gefängnis

Aber weil man nicht auf der Skene von Epidauros oder Athens Herodes-Atticus-Theater spielt und aus den drei Tragödien der Trilogie ein einziges Stück zurechtschneidern musste, griff man zu Robert Ickes „Neubearbeitung“, wie kürzlich schon sehr erfolgreich zu dessen Ärztin nach Arthur Schnitzler. Und der wiederum hat sicherlich Eugene O’Neills Trauer muss Elektra tragen gekannt.

„Es geht immer um die Familie“, sagt der junge Orest, um dessen Ermordung der eigenen Mutter Klytämnestra es angeblich geht. Links auf der Bühne sitzt er in einem gläsernen Gefängnis wie einst der NS-Verbrecher Adolf Eichmann im NS-Kriegsverbrecherprozess in Jerusalem. Rechts sind der Gerichtsschreiber und seine „Beweisstücke“. Mittendrin dann ein karges Holzhaus für die Familie des Anführers des griechischen Heeres gegen einen nicht näher definierten Feind: Warum, wo und womit, bleibt offen.

Der prominente Regisseur Stephan Kimmig, der die Trilogie mit deutlicher Betonung des ersten Stückes Agamemnon in Nürnberg geschultert hat, fand Parallelen zwischen Antike und Gegenwart am ehesten in einer typischen US-amerikanischen Familie: in Cowboystiefeln, Baseballkappen, Gebet und strengem Ritus beim Abendbrot. Und mit einem Commander, der die „Griechen“ auf den bevorstehenden Krieg einschwören muss, sich und seine Frau auf die Opferung der eigenen Tochter Iphigenie für günstige Winde, für eine erfolgreich segelnde Flotte – vielleicht in der Straße von Hormus.

Diese sehr nachvollziehbare Zwangslage steht im Mittelpunkt des ersten Teils mit einem packenden Streitgespräch zwischen Agamemnon und dem König von Sparta: sehr authentisch in zeitlosen Parallelen von Stephan Schäfer als Agamemnon und dem Vertreter der Kriegspartei Menelaus von Sparta (brillant: Thorsten Danner), geführt. Noch schwieriger wird die Entscheidung für den „König“ dann mit seiner Frau Klytämnestra – Katharina Uhland spielt sie als junge Mami aus der Vorabend-Soap.

Das erinnert an Zeitungsmeldungen wie „Familientragödie“. „Der Preis ist das Kind“: Aus Agamemnons Traum wird Wirklichkeit, drei Giftbecher muss Iphigenie für den schmerzlosen Opfertod trinken – und die Badewanne signalisiert schon, wie es weitergeht und was man hier über zehn Kriegsjahre hinweg nicht grob wiedergeben kann. Der Wind stellt sich auf der Bühne prompt ein, die Jahre vergehen, und als der erfolgreiche Agamemnon nach Hause kommt, bereitet ihm seine Frau zur Rache dann das tödliche Bad.

Der aus dem Exil heimkehrende Sohn Orest (um den Wandel über Jahrzehnte hinweg bemüht: Alban Mondschein), der in seiner Angeklagten-Kabine stets anwesend ist und um dessen psychische Entwicklung (unzurechnungsfähig?) es geht, ersticht die Mutter und ihren Geliebten Ägisth. Die Plastikplane wird zurechtgelegt, beide werden abgeschlachtet, das Haus verschwindet wieder von der Bühne, das Gericht tagt: „Wir sind hier, um zur Wahrheit vorzudringen“, heißt es.

Manchmal sehr spröde Phasen

Die Verhandlung endet mit nur noch mehr Fragen: „Wo endet das Töten?“, „Was tue ich nur?“ Die Psychologin: „Wir müssen immer weitermachen.“ So endet bei Robert Icke der Trilogie-Verschnitt in allem zeitlosen Pessimismus. Bei Aischylos 458 vor Christus aber endete es mit dem Freispruch des Orest, dem „Heil euch, heil im Glanze des Glücks“ des Chores und Göttin Athenes Urteilsspruch: „Nie schlag ich Tod der Frauen höher an / Als den des Mannes, der des Hauses Haupt!“
Das signalisiert im klassischen Athen den endgültigen Wandel vom alten Matriarchat zum Patriarchat der nächsten Jahrtausende – aber das wäre noch ein weiteres Kapitel in dieser Grundsatzdiskussion auf Nürnbergs Schauspielbühne.

Und wie es in Gerichtsverhandlungen mit ausführlichen psychologischen Gutachten so ist: Es gibt auch im Theater spröde, manchmal sehr spröde Phasen, aber auch Szenen, die einen mit ihrem Gegenwartsbezug und ihren Fragezeichen fesseln: „Dieser Krieg ist ein notwendiges Übel.“ (Uwe Mitsching)
 

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