Kultur

Wahn und Zögellosigkeit: Renata und Ruprecht (Svetlana Sozdateleva, Evgeny Nikitin), in die Mangel genommen von Inquisitor und Mephistopheles (Goran Juric, Kevin Conners) und lauter Nonnen, die wie der dornengekrönte Christus aussehen (Chor der Bayerischen Staatsoper). (Foto: Wilfried Hösl)

04.12.2015

Orgie mit Biss:

Viel Spektakel – und doch ist Barrie Koskys Inszenierung "Feuriger Engel" zu wenig für eine Staatsopernpremiere

Mit Regieorgien hat die Bayerische Staatsoper allerbeste Erfahrungen. Was jetzt Barrie Kosky für die Münchner Erstaufführung von Sergej Prokofjews Fünfakter Der feurige Engel ausgeheckt hat, erinnert streckenweise an die spektakulär überladene Uraufführung von Jörg Widmanns Babylon-Oper von 2012. Bei Renatas (Svetlana Sozdatelva) Visionen kommt auch Kosky richtig in Fahrt. Wie so häufig bei ihm hüpfen, springen und tanzen dann stramme, fesche Kerle über die Bühne – zuerst in Röckchen und Ballkleid, dann in engen Hosen und mit freiem Oberkörper, schließlich auch mit Gummi-Penissen.

Die Musik heizt ordentlich ein

Zu diesem wilden Treiben heizt die Musik von Prokofjew ordentlich ein. Manchmal reißen die hyperaktiv umherhampelnden und herumfuchtelnden Teufelchen ihre Münder weit auf. Zwischen Trash und Edvard Munchs Der Schrei ist es bei Kosky eben nur ein schmaler Grat. Bald schon nimmt der Oberteufel Mephisto (Kevin Conners) einen Gummipenis in den Mund, um herzhaft reinzubeißen – autsch! Das Münchner Publikum nimmt es gelassen: Selbst jetzt ist kein Buhruf zu hören. Dabei gäbe an dieser Inszenierung des Intendanten der Komischen Oper in Berlin einiges zu monieren. In den 1920er Jahren größtenteils im oberbayerischen Ettal entstanden, wo Prokofjew einige Zeit lebte, reflektiert die Oper den gleichnamigen symbolistischen Roman von Valerij Brjussov. Renata, eine von Wahn und Halluzination geplagte Frau, ist auf der Suche nach dem feurigen Engel Madiel. Als Kind ist er ihr erschienen. Sie fühlt sich ihm eng verbunden – so eng, dass sie sich mit ihm auch körperlich vereinen möchte. Weil es Madiel zu viel wurde, ist er entschwunden. Seither sucht ihn Renata – vergeblich. In einem Hotelzimmer begegnet sie Rupprecht (Evgeny Nikitin). Ein zügelloses Spiel beginnt – hier setzt die Oper ein.

Spiel ohne Regeln

Eigentlich geht es um Sein und Schein, Wahn und Wirklichkeit, Trauma und Psychoanalyse, auch um möglichen Missbrauch. Doch Kosky möchte nicht so weit denken: Für ihn ist die Oper schlicht eine „feurige Landschaft“. „In ihr leben eine Frau und ein Mann ihre Liebe, ihre Sehnsüchte und ihre Phantasien aus – ein Spiel ohne Regeln“, so Kosky im Programmbuch. „Das Paradies brennt, und sie können nicht entkommen.“ Dieses brennende Paradies bebildert der Australier mit einem tiefen Griff in die Revue- und Showkiste, zumal er gerade für seine Operetten-Arbeiten gefeiert wird. Die kunterbunten, schrillen Orgien und Visionen stehen klar im Zentrum. Zum großen Finale versammelt sich der Chor – alles Nonnen, die wie der Dornen gekrönte, blutüberströmte Jesus Christus aussehen. Inmitten dieses Chores regiert als Ober-Jesus der Großinquisitor (Goran Juri(´c)), mit zündelnden Lichteffekten (Joachim Klein) und aufwendigen Kostümen (Klaus Bruns). Bis zu den kunterbunten Orgien und Visionen muss man jedoch lange durchhalten. Für eine gefühlte Ewigkeit, die gesamte erste Hälfte der Oper, passiert kaum etwas.

Regie in der Endlos-Schleife

Das große Einheitsbild ist ein Hotelzimmer, wo sich Rupprecht einquartiert hat (Bühne: Rebecca Ringst). Plötzlich krabbelt, schwuppdiwupp, Renata unter dem Bett hervor. Es folgen Monologe und Dialoge, zu denen Renata und Ruprecht unaufhörlich durch das Zimmer gehen – auf und ab, hin und her, kreuz und quer. Immerhin spiegelt das enge Hotelzimmer die klaustrophobe Gemütswelt der Figuren wider. Sonst aber steckt die Regie in der Endlos-Schleife fest. Leider schaffen auch die Solisten und die musikalische Leitung von Vladimir Jurowski keine Abhilfe. Eigentlich hätte Evelyn Herlitzius die Rolle der Renata gestalten sollen. Weil sie bei den Proben erkrankte, sprang Svetlana Sozdatelva für sie ein. Besonders originell ist die Entscheidung nicht, denn: Man kennt die Russin in dieser Partie bereits aus der Komischen Oper in Berlin sowie aus Düsseldorf. Für ihre Renata hat sie den Faust-Preis gewonnen. Es ist löblich, dass Sozdateleva nicht auf die typische russische Stimmgewalt setzt und um Differenzierungen ringt. Trotzdem wirkte ihre Renata in München etwas blass.

Seitenhieb auf Bayreuth

Mit Evgeny Nikitin als Ruprecht hat sich die Bayerische Staatsoper hingegen auch einen Seitenhieb auf die Bayreuther Festspiele erlaubt. Dort hatte er einst den Fliegenden Holländer niedergelegt, nachdem seine angeblichen Hakenkreuz-Tätowierungen kontrovers diskutiert worden waren. Als Magier Agrippa von Nettesheim agiert Vladimir Galouzine eindrücklich, sonst aber bleibt der Gesang diesmal insgesamt matt. Auch das Bayerische Staatsorchester hatte in der ersten Hälfte hörbar Mühe, unter Jurowski ein klangliches Profil zu entwickeln. Vieles blieb allzu diffus. Umso wirkungsvoller wurden die Orgien und Visionen begleitet, wobei Jurowski umsichtig auf die Stimmen achtete. Für eine Staatsopern-Premiere ist das aber alles zu wenig. (Marco Frei)

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