Kultur

Szene aus Moritz Ostruschnjaks Tanzstück "Yester:Now". (Foto: Franziska Strauss)

30.03.2021

Postmoderne Satire

Moritz Ostruschnjaks Tanzstück "Yester:Now" im leeren Gasteig und als Video on Demand

Krisen sind die Gradmesser für die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Die Corona-Pandemie ist dafür der jüngste Beweis. Choreograf Moritz Ostruschnjak wollte sein neues Stück How many angels can dance on the head of a pin? (Wieviele Engel können auf einer Stecknadel tanzen?) am 24. Januar in der Philharmonie des Münchner Gasteigs herausbringen. Dann wurde es für den Februar als Filmpremiere angekündigt, diese schließlich auf den 26. März verschoben - mit dem neuen hintergründigen Titel Yester:Now. Wir übersetzen: Was für „gestern“ geplant war, wird „jetzt“ endlich umgesetzt.

Man kann nur ahnen, wie in solchen Ungewissheiten die Nerven aller Beteiligten blank lagen, von Choreograf und Ensemble bis zur Produktionscrew und dem kooperierenden Theater Freiburg. Die gestreamte Uraufführung (Video: Moritz Stumm) wirkt auf uns wie eine Protestaktion, absurd und zugleich krass real. Statt aufgebracht bewegter Masse demonstrieren hier moderat aktiv sechs Menschlein in Streetdance-Kluft vor leeren Rängen. Der riesige Raum droht sie zu verschlucken. Aber drahtig-zäh tanzen sie gegen diese vereinsamte Öde an – als Metapher für die downgelockte Tanzszene wie für das runtergefahrene Leben schlechthin.

Moritz Ostruschnjak, hervorgegangen aus den Ausbildungsstätten Iwanson International in München und der Maurice-Béjart-Schule in Lausanne, hat sich auch über die Isarmetropole hinaus einen Namen gemacht. Hierorts hat er eher für kleine Bühnen choreografiert, immer kompakt und spannungsvoll. Die Philharmonie war jetzt sein „Corona-Wagnis“. Kreativ zu Seite standen ihm Daniela Bendini und die sechs Tänzer*innen. Wie winzige Schatten kommen sie von den Rängen herab auf die kahle Bühne, schlittern und tänzeln ein Solo oder ein Duett hin, versammeln sich auch zum Sextett. Breakdance mischt sich mit angedeuteten Ballett-und Tapdance-Schritten, Rapper-Arm-Choreo mit gummigelenkigen Bodenfiguren und surrealer Handhabung von Baseball-Schlägern.

Dazu hat Jonas Friedlich einen Patchwork-Soundtrack zusammengeschnitten aus Seelenstreichlern Marke Elvis Presley, fesch taktigem Musical-Hit, rasselnden Maschinengeräuschen, unverständlichen Stimmen aus öffentlichen Versammlungen und mehr.

„Cut & Paste“ ist hier explizit das Motto. Comicfiguren flackern über einen rückwärtigen Bildschirm, später auch prominente Köpfe aus Geschichte, Politik und Kultur. Die Message ist offensichtlich: Unser Alltag wird haargenau so mit Info-Übermaß zugemüllt.

Als roter Faden schiebt sich zwischen die Dramaturgie des „Pick & Mix“ das bis in die Sitzreihen hineinchoreografierte Aufmarschieren mit Demo-Schildern. Darauf Parolen wie „Follow the Leader“, „Don‘t do Evil", „Hunger“, „Freiheit“, dazu Bildzeichen wie die Guy Fawkes-Maske, die „Cloud“, die Corona-übertragende Fledermaus oder das An- und Ausschaltzeichen an E-Geräten. Alles kunterbunt gemischt. Es ist am Betrachter, hier herauszuspüren, wie unsere hochkomplizierte Welt auf Schlagwörter reduziert und so gefährlich vereinfacht wird.

Welche Wirkung könnte diese postmodern satirische Revue bei vollem Haus haben? Ob der für Juli geplante Live-Termin sich realisieren wird? Katrin Stegmeier

Information: Video on Demand bis Montag, 5. April  auf https://dringeblieben.de/videos/yesternow zu 7,50 Euro, ermäßigt 3,00 Euro, Unterstützerpreis Preis 15,-Euro. Für Ende Juli ist in der Gasteig-Philharmonie eine live- Aufführung geplant.

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