Kultur

Beim Festspielcocktail der Salzburger Festspiele auf Schloss Fuschl war Markus Hinterhäuser (Mitte, mit Sängerin Asmik Grigorian und Sänger Jonathan Tetelmann) anwesend. Doch auch beim Festival selbst war der gefeuerte Ex-Intendant Gesprächsthema Nummer eins. (Foto: dpa/APA-Images, Franz Neumayr)

07.08.2026

Salzburger Festspiele: Der gefeuerte Intendant war allgegenwärtig

Die letzten von Markus Hinterhäuser geplanten Salzburger Festspiele hinterlassen einen bleibenden Eindruck

Als er den diesjährigen Festspiel-Sommer in Salzburg programmiert hatte, war er noch Intendant. Im Frühjahr wurde Markus Hinterhäuser fristlos entlassen, ohne dass die Kulturpolitik irgendeinen Plan B gehabt hätte. Von grobem Fehlverhalten war lapidar die Rede: kein Wort über seinen wirtschaftlichen und künstlerischen Erfolg. Das mehr als ungeschickte Agieren der Kulturpolitik war und ist geradezu beispiellos.

Solidaritätsbekundung für Hinterhäuser

Umso präsenter war Hinterhäuser in diesem Festspiel-Sommer. Er war allgegenwärtig, das Gesprächsthema schlechthin, wurde vom Publikum und von Künstlern gleichermaßen öffentlich gefeiert: eine Solidaritätsbekundung. Es war eine starke Festspiel-Edition, ein ungeahnter Abschied, wie er besser nicht hätte ausgestaltet werden können. Hinterhäuser hat noch einmal gezeigt, für was er steht und was er kann.

Das begann schon mit der Ouverture spirituelle, traditionell das Vor-Festival. Unter dem Motto „Misere“ wurde der aktuelle Weltlauf subtil reflektiert. Mit Cordula Bürgi am Pult vereinten sich ausgewählte Lamentationes des spanischen Renaissance-Meisters Cristóbal de Morales und die Kantate Misere hominibus des 2017 verstorbenen Klaus Huber zu einer packenden, zeitlosen Menschheits-tragödie. Zu einem Plädoyer für die Liebe wurde die Kammeroper Passion von Psacal Dusapin mit Georg Nigl, Sarah Aristidou und dem Ensemble Modern. Um Beethovens Pastorale herum rückte Star-Geigerin Patricia Kopatchinskaja den Klimawandel in den Fokus.

Bei einer Hommage zum 100. Geburtstag des Komponisten György Kurtág koppelte Teodor Currentzis mit seiner „Utopia“-Truppe dessen Musik mit Mittelalter-Chorälen und Arvo Pärt. Mit Utopia leitete der Dirigent auch die Neuproduktion der Carmen-Oper von Georges Bizet mit Asmik Grigorian in der Titelpartie. Es war ein kluger Schachzug von Hinterhäuser, dass er Gabriela Carrizo von der Tanztheater-Kompanie Peeping Tom inszenieren ließ.

Es war ihre allererste Opern-Regie, und diese Carmen war ungewöhnlich verdüstert und sozialkritisch. In der Lesart von Carrizo sind Carmen und ihr späterer Mörder Don José (stupend: Jonathan Tetelman) Opfer einer verrohten Gesellschaft in einem autokratischen Polizeistaat. Die Musik von Bizet mit ihren Zigeuner-Folklore-Klischees wird immer wieder mit echten Volksweisen der Sinti und Roma aus Iberien konfrontiert.

Eine unkonventionelle Carmen war das, und zu dieser Lesart passte das Rollendebüt von Grigorian als Carmen perfekt. Mit Tetelman sowie Kristina Mkhitaryan als Micaëla war ein überragendes Gesangstrio zu erleben.

Ein noch größerer Coup im Opern-Fach wurde die Neuproduktion von Saint François d’Assise von Olivier Messiaen. Diese Franziskus-Oper aus den 1970er-Jahren ist für Hinterhäuser und die Salzburger Festspiele ein zentrales Werk. Die Salzburger Inszenierung von Peter Sellars und dem Bühnenbild von George Tsypin war legendär. Für die Neuproduktion wurde Romeo Castellucci von Hinterhäuser engagiert. Hinterhäuser hatte den Italiener 2018 erstmals in Salzburg inszenieren lassen. In der Felsenreitschule wurde man Zeuge eines Großereignisses. Die von Castellucci selbst entworfenen Szenen und Ausstattungen lieferten radikal ästhetisierende Bilder.

Neue Stücke von Handke und Jelinek

Die szenische Reduktion hätte schnell zu einem gefühlten Stillstand mutieren können, wenn Maxime Pascal am Pult der Wiener Philharmoniker nicht einen veritablen Hörkrimi entfacht hätte. Noch nie hat man die Klangwelten von Messiaen derart präsent, direkt und theatral durchdringend erlebt. Es ist ein ureigener, völlig neuer Zugang, den Pascal gefunden und verlebendigt hat. In diesem Sog entwickelte der Gesang eine unerhörte Präsenz, überragend Philippe Sly als Franziskus und Lauranne Oliva als Engel, stark der Chor.

Dass es Hinterhäuser im Schauspiel-Fach zudem gelungen ist, die Nobel-Preisträger Peter Handke und Elfriede Jelinek für die Festspiele mit neuen Theater-Stücken zurückzugewinnen, auch dies ist ein veritabler Coup. Hinterhäuser hinterlässt ein gewaltiges Erbe. Die Nachfolge wird sich daran messen lassen müssen. (Marco Frei)
 

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