Kultur

Turbulent, aber leidlich oldfashioned geht’s vor dem Grand Hotel zu: im Vordergrund Armin Kahl, Alexander Franzen und Erwin Windegger als Fritz Hagedorn, Johann Kesselhuth und Eduard Tobler. (Foto: Christian Pogo Zach)

08.02.2019

Schale Wiederbelebung einer Totgesagten

Am Münchner Gärtnerplatztheater wird Thomas Pigors Operette „Drei Männer im Schnee“ im Retro-Stil uraufgeführt

Für Vicki Hall ist die Operette gestorben, weil sie nicht mehr lebenstreu und aktuell war. „Sie hätte nicht aussterben müssen, aber sie präsentierte einen antiquierten Stil – ohne Konfrontation.“ Das sagte die amerikanische Sängerin und Musical-Lehrbeauftragte der Bayerischen Theaterakademie 2010 im Interview mit der Bayerischen Staatszeitung. In der Zwischenzeit gab es einige Versuche, die Operette wiederzubeleben. Jetzt hat es das Gärtnerplatztheater versucht: mit der Uraufführung von Thomas Pigors Drei Männer im Schnee nach dem gleichnamigen Roman (1934) von Erich Kästner.

Das Ergebnis ist eine Revueoperette mit viel Retro-Look. Zwar ist das alles schmissig und witzig, gerade in der Musik sowie in der Inszenierung von Gärtnerplatz-Intendant Josef E. Köpplinger. Aber etwas süßlich und altbacken geht es trotzdem zu. Statt diese Gattung in das Heute zu retten, wurde sie museal im Gestern konserviert. Frei nach dem Motto: „Die Operette ist tot, es lebe die Operette!“

Dafür aber ist dem Team gelungen, was selbst bei Kästners eigenen Singspiel-Plänen nicht klappte: den Roman auf die Bühne zu bringen. Dabei ist der Stoff bühnentauglich. Es geht um den Multimillionär Tobler (Erwin Windegger), der ein betriebseigenes Preisausschreiben gewinnt. In einem noblen Grand Hotel in Tirol gibt er sich als einfacher Mann aus, um seine Mitmenschen zu prüfen. Er schließt Freundschaft mit dem armen Schlucker Hagedorn (Armin Kahl). Dieser vermählt sich am Ende mit Toblers Tochter Hilde (Julia Klotz). Johann Kesselhuth (Alexander Franzen), der Kammerdiener Toblers, beginnt hingegen eine Liebelei mit dem feschen Skilehrer Toni Graswander (Peter Neustifter). Der legt zuvor einen veritablen Stepptanz auf Skiern hin: wohl die erste Einlage dieser Art überhaupt.
Das alles entwickelt ungeheuer viel Tempo und Witz, zumal gerade die Nebenrollen darstellerisch glänzen. Herrlich etwa Eduard Wildner als grantiger Portier Polter, und Sigrid Hauser machte aus Frau Calabré eine urkomische Möchtegern-Femme-fatale. Vor ihr ist man selbst in der Seilbahn zum Wolkenstein nicht sicher.

Ungenutzte Idee

Einen Schuss Politik gibt es auch: In der Silvesternacht 1932/33 gesellen sich SA-Braunhemden dazu. Leider bleibt dieser Einfall ungenutzt. Dabei konnte der von den Nazis verfemte Kästner 1934 seinen Roman nur unter Pseudonym herausbringen. Zuvor hatte Kästner mit Fabian – Die Geschichte eines Moralisten eine schonungslose Bestandsaufnahme seiner Zeit vorgelegt. Mit den Nazis in Drei Männer im Schnee hätte man eine Zeitkritik schärfen können, die auch unser Heute entlarvt. Stattdessen ging es in die 1930er-Jahre, samt passenden Jazzeinlagen und Ohrwürmern in Zarah-Leander-Manier.
Diese Zeitreise ins Gestern setzte sich in der Ausstattung von Dagmar Morell und der Bühne von Rainer Sinell fort. Leider wurde mit dieser neuen Operette nicht die Sozialkritik eines Jacques Offenbach wiederbelebt, der in diesem Jahr in der Musikwelt groß gefeiert wird. Gerade dieses Profil bietet große Chancen. (Marco Frei)

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