Kultur

Wie „Wampensäue“ purzeln die Schauspieler auf einem gigantischen Bierbauch herum. (Foto: Arno Declair)

07.02.2020

Schwierige Gaudi-Arbeit

„Am Wiesnrand“ im Münchner Volkstheater: Die Regie lässt zu wünschen übrig

Kein Maßkrug, nirgends. Das ist ebenso wohltuend wie der Verzicht auf Dirndl und Lederhosen. Denn bei einem Theaterstück übers Münchner Oktoberfest wären solche Klischee-Wiederholungen auf der Bühne allzu billig – oder auch „ungustiös“, wie der Österreicher sagt.

Stefanie Sargnagel allerdings hat schon immer ein Faible fürs Ungustiöse. Insofern war die 1986 geborene Wiener Autorin, die als Erkennungsmerkmal eine rote Baskenmütze trägt, im Prinzip genau die Richtige für diese Auftragsarbeit des Münchner Volkstheaters: Um ein Stück über das größte Volksfest der Welt zu schreiben, hat sie letzten Herbst mehrfach das Oktoberfest besucht und beobachtet, wie es dort zugeht. Aber auch wenn ihr nach eigenem Bekunden die Entgrenzung des Menschen ins Animalische, die man da erlebt, sehr zusagt, dürfte sich jeder bekennende Wiesn-Flüchter von Sargnagels Schilderung nur bestätigt fühlen: Das Oktoberfest ist eine einzige Lärm-, Piss- und Kotzorgie.

Wie Aliens maskiert

Sehr passend zu diesem Horror tragen die Darsteller geradezu furchterregende Masken, die an das titelgebende Monster aus dem Science-Fiction-Film Alien erinnern. Ihre Gewandung hingegen (Kostüme: Svenja Gassen) gleicht oben der von Jedi-Rittern aus Star Wars, während sie unten in kurzen Hosen und Bergstiefeln stecken.

Letztere brauchen die drei Frauen und zwei Männer auch, um trittfest auf dem hautfarbenen Riesenhügel herumzukraxeln, der sich penetrant raumgreifend in der Bühnenmitte wölbt und einen gigantischen Bierbauch samt Leberflecken und Haargekräusel darstellt (Bühne: Sarah Sassen).
Nicht als Rampen-, sondern quasi als Wampensäue sieht man die Schauspieler also auf diesem Ranzen durch- und übereinanderpurzeln, raufen und schmusen, hopsen und rutschen (oder sich ständig kratzen, nachdem sie vom Besuch im Flohzirkus berichtet haben). Dass sie bei all der Akrobatik gehörig ins Schwitzen kommen, scheint nur konsequent: Den Gipfel des Wiesn-Vergnügens zu erklimmen, ist schließlich kein Spaziergang, sondern harte Gaudi-Arbeit.

Wenig berauschend ist allerdings, dass Regisseurin Christina Tscharyiski die Steilvorlage der Ausstatter ungenutzt lässt. Die Wiesn als spacige Alien-Revue – das hätte als greller und zugleich seltsam stimmiger Kontrast zum Sujet für herrlich absurde Verfremdung gesorgt. Und die wäre der Aufführung im Volkstheater dringend anzuraten gewesen. Denn Sargnagels Text ist eigentlich kein Theaterstück, sondern einfach nur Prosa.

Klischee und Schmäh

Mal im Chor, meist aber abwechselnd, tragen die einsatzfreudigen Akteure diese Satire über Erlebnisse am Oktoberfest vor, die garniert ist mit ein paar grotesken Übertreibungen sowie zwei, drei kulturkritischen Ideen. Damit torkelt sie zwar ganz unterhaltsam zwischen Klischee und Schmäh herum, kommt aber doch über harmlose Komik nicht hinaus. Es gibt jedenfalls deutlich bessere und originellere Sargnagel-Texte. Man kann sie also zur Not als ganz gut eingeschenkt durchgehen lassen, aber richtig süffig ist diese Theater-Maß nicht. (Alexander Altmann)

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