Kultur

Die neue Ausstellung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte widmet sich der Geschichte des Aktes. Dazu gibt es auch viel Literatur (Foto: Zentralinstitut für Kunstgeschichte)

06.06.2026

Sehr viel nackte Haut: Ausstellung zur Geschichte des Aktes

Eine Ausstellung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte beschäftigt sich mit dem Akt – und wie sich die Sicht darauf im Laufe der Jahrtausende veränderte

Der Akt ist so alt wie die Kunst selbst. Doch inzwischen wird die Darstellung nackter Körper auch oft mit Geschlechterfragen oder Queerness verknüpft. Die Ausstellung „unbekleidet/ausgezogen: Der Akt in der kunsthistorischen Forschung“ widmet sich diesem Spannungsfeld.

Wann wird ein Unbekleideter ein Ausgezogener? Welche Nacktheit ist angemessen und gesellschaftlich akzeptiert? Wo beginnt Pornografie, Sexismus, Voyeurismus oder Pädophilie? Seit der Antike und ihrer Wiedergeburt in der Renaissance bis heute ist der Mensch im zeitlosen Kostüm von Adam und Eva ein Thema westlicher Kunst.

Nichtsdestotrotz ist der künstlerische Akt umstritten. Sein Deutungshorizont reicht weit: von paradiesischer Unschuld, göttlichem Idealbild und purer Ästhetik bis zu triebhafter Begierde, Erotik, Sensations- und Wollust. Aktmalerinnen und Aktmaler stehen im Spannungsfeld zwischen Modell und (Käufer-)Publikum. Wer dabei die Macht hat, ist die Frage.

Zensurbalken in sozialen Medien

Von der Zunft zeitgenössischer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker wird die Darstellung des nackten Körpers vermehrt im Zusammenhang mit Geschlechterfragen, Postkolonialismus, Queerness und KI diskutiert. Neuerdings laufen Kunstwerke, die für das virtuelle Museum fortwährend digitalisiert werden, Gefahr, in den sozialen Medien von KI-Algorithmen erkannt und mit dem Zensurbalken auf den dargebotenen primären wie sekundären Geschlechtsmerkmalen belegt zu werden.

Das macht eine sehenswerte Ausstellung deutlich, die den Titel trägt: unbekleidet/ausgezogen: Der Akt in der kunsthistorischen Forschung. Das mit einer Ikone der Kunstgeschichte werbende Plakat präsentiert Michelangelos Monumentalplastik David, verfremdet und ausschnitthaft: Das Gemächt des gegen Goliath kämpfenden Erfolgshelden wird dabei von einem magentafarbenen Feigenblatt verdeckt. Die ins Auge stechende Signalfarbe des hellen Purpur akzentuiert im Übrigen auch die Begleittexte in der zwar textlastigen, aber nicht weniger spannenden Münchner Ausstellung.

Hier erfährt man beiläufig auch von jenem krassen Beispiel des Kulturkampfes der Jetztzeit, der sich im Frühjahr 2023 im US-Bundesstaat Florida ereignete, wo Eltern protestierten, weil sie das im Kunstunterricht gezeigte Foto jener oben erwähnten David-Statue – allerdings im Originalzustand ohne Feigenblatt – als sogenannte Pornografie empfanden. Unter dem Deckmantel des Jugendschutzes und der pädagogischen Verantwortung bewirkten sie erstaunlicherweise den Rücktritt der Schulleiterin.

In der vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) erarbeiteten und dort im ersten Stock des nördlichen Lichthofs gezeigten Ausstellung wird ergänzend zu den in den Vitrinen ausgebreiteten reichen eigenen Beständen aus Bibliothek und Fotothek erstmals auch eine Auswahl von Repliken antiker Skulpturen aus der Sammlung des im selben Haus beheimateten Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke gezeigt.

Den Auftakt der in 13 Kapiteln rund 200 Jahre Forschungsgeschichte abbildenden Themenschau macht der Begründer der modernen Kunstwissenschaft, Johann Joachim Winckelmann. Dieser schrieb über griechische Kunst, obwohl er nie einen Fuß nach Griechenland gesetzt hatte. Er war ein Schreibtischtäter, der am griechischen Skulpturenideal nackter männlicher Schönheit anhand römischer Repliken Gefallen fand. Dass seine homoerotische Veranlagung mit seiner kunsthistorischen Arbeit bereits von Zeitgenossen in Verbindung gesehen wurde, ist bemerkenswert und lässt den Gelehrten heute erstaunlich modern erscheinen.

Der freizügige Blick auf nackte Haut, durch mediale Verbreitung omnipräsent, verändert sich je nach Narrativ und Zeitgeist. Darstellungen entblößter Märtyrerinnen und Märtyrern sind in der Hochzeit des Barocks besonders geeignet, Mystik mit Erotik zu verbinden. Der heilige Sebastian, der heute als Ikone der queeren Szene gilt, zeigt exemplarisch den Wandel in seiner Ikonografie. Der sich im Mittelalter als Schutzheiliger gegen die Pest noch mit Brustharnisch, Mantel und Schwert präsentierende Märtyrer lässt bereits in der Renaissance die Hüllen fallen und erstrahlt in jugendlicher Schönheit. Dass die im Moment höchster Ekstase seine Brust treffenden Pfeilspitzen seinem sinnlich erotischen Körper nichts anhaben können, unterstreicht in der Blütezeit des Barocks seine Virilität und Vitalität.

Das 19. Jahrhundert greift formal die alten Meister auf, interpretiert sie aber völlig neu. Édouard Manets im Pariser Salon ausgestellte Olympia provozierte 1865 einen Skandal. Nicht wegen des weiblichen Aktes an sich, der an Tizians Venus von Urbino erinnert, sondern wegen der von Zeitgenossen als Prostituierte erkannten, entblößten Frau, welche den Blick direkt auf den Betrachter des Bildes, respektive ihren Adressaten, richtet. Das Gemälde entstand zeitgleich mit Manets nicht weniger umstrittenem Werk Frühstück im Freien, das im legendären Salon des Refusés 1863, also in der Parallelausstellung der abgelehnten Künstler, einen weiblichen Akt in der Landschaft inmitten einer Gruppe bekleideter Männer präsentierte.

Während seinerzeit der künstlerische Erfolg aufseiten der Salonmaler war, wie beispielsweise Alexandre Cabanel, hat sich das Verhältnis längst umgekehrt. Cabanels zur gleichen Zeit wie Manets Olympia entstandene, weich gezeichnete Geburt der Venus fiel aus dem Kanon der Kunst und wurde eher gering geschätzt. Manet dagegen wird bis heute als ein Wegbereiter der klassischen Moderne gefeiert.

Der Skandal um Manets „Olympia“

Feministische Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker entlarvten seit den 1970er-Jahren die Dominanz der männlich-heterosexuellen Perspektive auf den zum Objekt degradierten weiblichen Körper. Gustave Courbets Gemälde Der Ursprung der Welt von 1866, das den Blick auf die Vulva eines weiblichen Torsos mit der Präzision einer anatomischen Aufnahme feilbietet, kann sich heute jeder als Reproduktionskunst in jeder Größe ins Schlafzimmer hängen. Alternativ kann man das Original, das 2024 im Museum Centre Pompidou-Metz mit dem Slogan „MeToo“ besprüht wurde, gerade auch in der Courbet-Retrospektive in Wien sehen.

Zu der jede Menge Schlagzeilen machenden Aktion bekannte sich Deborah de Robertis. Bereits 2014 hatte sich die französisch-luxemburgische Performance-Künstlerin unter dem Motto Spiegel des Ursprungs vor Courbets skandalumwittertem Gemälde entblößt, gefolgt zwei Jahre später von ihrer weiteren leibhaftigen Nachstellung vor Manets Olympia. Dabei filmte sie gleichzeitig jeweils die Reaktion der Museumsbesucher.
(Angelika Irgens-Defregger)

Bis 2. Oktober. Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Katharina-von-Bora-Straße 10, 80333 München. Montag bis Freitag 10 bis 20 Uhr.
https://www.zikg.eu

 

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