Kultur

Die Neuinszenierung von Turandot am Nürnberger Staatstheater brilliert auch mit prächtiger Ausstattung. (Foto: Staatstheater Nürnberg, Pedro Malinowski)

30.01.2026

Turandot reist durch die Geschichte

Donnernder Applaus für die Premiere von Puccinis letzter Oper am Staatstheater Nürnberg

Eine tanzende Turandot, die sich in drei machtvolle, männermordende Frauen der Geschichte zurückversetzt: Auch Kateryna Sokolova glaubt am Staatstheater Nürnberg nicht an die nur von emotionalem Eis umgürtete chinesische Prinzessin aus Giacomo Puccinis letzter und unvollendeter Oper. Sie versucht in ihrer Neuinszenierung hinter die Psychosen dieser Frau zu schauen, die ihre Jungfräulichkeit mit todbringenden Rätseln verteidigen will.

Und weil es in der Geschichte immer wieder Beispiele gibt, erzählt die Regisseurin Turandot in einer biedermeierlich kostümierten Umgebung, mit einem Timur, der aussieht wie der alte Rossini, und lässt die chinesische Story am Beispiel von Medusa, Judith und Elizabeth I. von England zu Puccinis Musik tanzen (Turandot-Double, viel beschäftigt in allen drei Rollen: Stephanie Roser).

An der lässt sich freilich nichts ändern: Bis in die Proszeniumslogen hinauf ist das Instrumentarium gestapelt. Jan Croonenbroeck lässt Todesurteile und Hinrichtungen losbrechen, imaginiert die Lyrik der Pekinger Rätselnacht, dirigiert die Aufführung, als gälte es die Arena von Verona zu erobern. Das Nürnberger Publikum reagiert mit entsprechender Leidenschaft.

Sogar das kaiserlich-chinesisch glänzende Blech wird verdientermaßen zum Schlussapplaus auf die Bühne geholt. Kateryna Sokolova begründet im Programmheft ausführlich die Wahl der anderen Turandots: Nach einer langen Ohnmacht wacht die echte wieder auf nach der getanzten „Reise“ durch das Schicksal von drei Frauenfiguren, nach dieser verdreifachten Geschichte aus der Sicht der Hauptfigur und ihrem Ringen „mit Fragen nach Liebe, Hingabe und Selbstaufgabe“.

Auch wenn es nach dem Tod Puccinis 1924 viele Versuche gab, eine Vollendung mit Liebesduett und Chorfinale zustande zu bringen, die gängige Fassung in Nürnberg endet effektvoll und offenbar mit der Alfano-Fassung und ihren Tristan-Anklängen und nicht mit dem rigorosen Abbruch wie bei der Toscanini-Premiere: „Der Tod war in diesem Fall stärker als die Kunst“. Einen sehr eindrucksvollen und sympathischen Gegenpol zur Kälte der Prinzessin bildet in der Fassung von Kateryna Sokolova das tragische Schicksal der Liù, die für den Namen des Prinzen Calaf ihr Leben opfert. Noch dazu, wo sich Chloë Morgan hier sehr glaubwürdig einen großartigen Erfolg ersingt: „Ich schließe meine Augen, damit er siegen kann“, was doch sehr nach Puccinis Zeitgenossen d’Annunzio klingt.

Diese Betonung der emotionalen Seite braucht die Aufführung auch wegen der Gleichgültigkeit, mit der der namenlose Prinz den drei Begegnungen mit drei Turandots gegenübersteht: In historische Kostüme gesteckt (Bühne: Nikolaus Webern, Kostüme: Constanza Meza-Lopehandia), am Ende mit Kuss und Fortsetzung hinter dem Vorhang hat er die Prinzessin erobert – ein italienischer Macho.

Allerdings: An tenoralem Glanz lässt es Ragaa Eldin (geboren in Ägypten) nicht fehlen, hatte sich durch die Rollen des Manrico in Il trovatore (Köln) und des Cavaradossi in Tosca (Mainz) empfohlen und wird bis Anfang März die Partie in Nürnberg singen. Emily Newton fügt sich darstellerisch wie musikalisch perfekt in diese ungewöhnliche Sicht auf die chinesische Prinzessin ein, in die Hintergründe ihrer psychischen Konstitution, ihrer Liebes- und Todessehnsucht – auch überzeugend mit den höchsten Spitzentönen ihrer Rätselscharaden: „Ich fühle mich wie im Rausch“ – schön und mörderisch.

Der donnernde Schlussapplaus auch für die diabolischen Staatsräte (Demian Matushevskyi, Sergei Nikolaev und Martin Platz) aber zeigt: All die Überlegungen und Absichten des Regiekonzepts werden vom Pomp der hinreißenden Musik Puccinis, dem Glanz der Arien, der Pracht der Instrumentierung in die zweite Reihe verwiesen: Nessun dorma, nein, da bestand bei Sokolovas Turandot voller Handlung, Verwandlungen, Überraschungen und dem allgegenwärtigen Totenkopf keine Gefahr. (Uwe Mitsching)
 

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