Karl Valentin brachte es auf den Punkt: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Hatte der bayerische Volkskomiker und passionierte Postkartensammler etwa den Berliner vor Augen, der sich bayerisch kostümiert? Um respektabel auszuschauen, erscheint dieser schmächtige Großstädter im Lodenrock mit Hirschhornknöpfen, Gamsbart am Hut, kurzen Lederhosen und dicken Strümpfen. Egal ob er anschließend gemütlich im Wirtshaus verkehrt, mit Champagnerflasche im Rucksack alpin unterwegs ist, beim Dirndl zum Kammerfensterln geht oder seinen Almrausch vor der Sennhütte auslebt: Dem gescheiten armen Teufel, gewappnet mit Monokel und Fernrohr, ist der Spott der Bewohner des alpenländischen Kulturraums sicher.
Hassliebe zu den preußischen Gästen
Bildpostkarten haben diese Narrative aufgegriffen. Zugleich haben sie zur Verbreitung eines überzeichneten Bayernbilds beigetragen, welches die preußischen Sommergäste überhaupt erst angelockt und Preußen und Bayern in nachhaltiger Hassliebe vereint hat. Dass im Zeitalter der Reproduzierbarkeit, in dem neue drucktechnische Verfahren wie der Lichtdruck entstanden, Postkarte und Tourismus zusammengehören, thematisieren jetzt ein gewichtiges, erheiterndes Buch und eine begleitende Ausstellung, die im Mesnerhaus von Kloster Seeon gezeigt wird.
Zu verdanken ist beides der Historikerin, Germanistin und Lektorin des Münchner Allitera-Verlags Dietlind Pedarnig. Es war ihr Vater, von Beruf Fotograf, der ihr eine opulente Sammlung historischer Postkarten hinterlassen hat, wodurch sie ebenfalls eine Leidenschaft für Postkarten entwickelte. Mit dem Wachsen der eigenen Sammlung reifte ihre Idee, Ansichtskarten zusammenzustellen, die in einer Gesamtschau ein ganzes Land porträtieren, was aber eine Sisyphusarbeit bedeutete, gesteht die Herausgeberin des Buchtitels Obacht, Bayern! Ein Land und sein Klischee in historischen Humorpostkarten. Ihr 480 Seiten umfassender Prachtband mit 1725 Abbildungen, künstlerisch gestaltet von Tochter Johanna Conrad, ist ein Parforceritt durch die Geschichte, spiegelt Politik, gesellschaftliches Leben, Bräuche und Traditionen.
Das „Obacht“ bezieht sich, wie es im Untertitel anklingt, auch auf das mittransportierte eingefleischte Bayern-Klischee, worüber im Prolog Norbert Göttler reflektiert, der auch den österreichischen Schriftsteller Heimito von Doderer zitiert: „Die bayerische Bevölkerung zerfällt in zwei Teile, einen kleineren, und einen weitaus größeren. Den ersten bilden die, welche Metzger sind. Den zweiten jene, die nur so aussehen.“
Gemeinsam mit den Sommerfrischlern entdeckten die Einheimischen und später die ganze Welt den Mythos Bayern. Die Bewohner der Voralpen erfanden sich neu und wurden zum Original. Ihr Motto: „mia san mia“, grob und gottesfürchtig, biertrunken und krachledern. Der Oberbayer schreckte auch nicht davor zurück, sich auf den Bühnenbrettern des bis heute bestehenden Schlierseer Bauerntheaters zum Deppen zu machen, zu raufen, zu saufen, zu jodeln und zu schuhplatteln. Sehr zur Freude der sich durch bessere Verkehrsanbindungen und Infrastrukturmaßnahmen immer weiter ausbreitenden Tourismusindustrie.
Mit der deutschen Postkarte, die 1870 – kurz nach der österreichischen – ihre erste Reise antrat, war das Briefgeheimnis aufgehoben. Vergleichbar unseren heutigen Social Media, hatte das schnelle und kostengünstige Kurzmitteilungsmedium einen rasanten Erfolg. „Was ist das erste, wenn Herr u. Frau Müller in den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtspostkarten“, bemerkte 1907 der Münchner Dichter Christian Morgenstern.
Ein absoluter Verkaufsschlager im langen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg waren die sogenannten Humorpostkarten. Von dem neuen Medium profitierten bayerische Verlage ebenso wie Illustratoren, Maler und Grafiker. Dem Postkartenhumor als Kulturphänomen auf die Spur zu kommen, kommt einer Gratwanderung gleich. Denn die historischen Humorpostkarten bewegen sich zwischen Kulturgut und Volkstümelei, zwischen instrumentalisiertem Kommerz und Werte vermittelnder Tradition.
Hinzu kommt mitunter die Diskrepanz zwischen dem Bild und der Botschaft des Schreibenden. Wer teilte wem was mit? Und was ist überhaupt auf der Karte dargestellt und welchem Themengebiet zuzuordnen? Dies erfordert einen immensen Rechercheaufwand. Indem Pedarnig ihr privates Schatzkästchen geöffnet und katalogisiert sowie mit viel Hintergrundwissen das weite Themenfeld von der bayerischen Kellnerin bis zum Räuber Kneißl beackert hat, ist es ihr gelungen, eine Lücke auf dem Gebiet der Populärkultur zu füllen. Und zwar, ohne den roten Faden, das Faktum des Komischen, zu verlieren.
Lücke in der Populärkultur
Manche Gags kommen seltsam banal und unzeitgemäß daher, einige machen betroffen, wenn es um Themen wie Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Militarismus geht. Vieles aus der immer wieder beschworenen „guten alten Zeit“ regt zum Schmunzeln an. Ein Beispiel aus dem Kapitel der vermenschlichten Tiere: Um den Friedensvertrag von Versailles zu unterschreiben, marschiert anno 1919 der längst zur Bayern-Ikone gewordene Langhaardackel als Kriegsverlierer mit eingezogenem Schwanz und preußischer Pickelhaube auf dem Kopf durch den auf Hundehüttengröße geschrumpften Pariser Arc de Triomphe. Dazu die Bildunterschrift: „Endlich in Paris!!“ Diese niederländische Karte ist „ungelaufen“, heißt, sie wurde nicht verschickt. Die Münchner Karte mit dem vielfach reproduzierten lederhosengewappneten Zamperl, gezeichnet von Paul Otto Engelhard, dagegen schon. (Angelika Irgens-Defregger)
Bis 15. März 2026. Mesnerhaus, Klosterweg 15, 83370 Seeon. Täglich außer dienstags 10 bis 12.30 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr.
www.kloster-seeon.de
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