Kultur

In einer heruntergekommenen Pension in der Stadt Duluth im US-Bundesstaat Minnesota treffen Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen aufeinander. (Foto: Sebastian Autenrieth/Stadttheater Fürth)

17.10.2026

Unbedingt sehenswert

Deutsche Uraufführung des Musicals "The Girl form the North Country" am Stadttheater Fürth

Deutschland als Exportnation und Wirtschaftsmacht verliert global immer mehr an Bedeutung. Damit verbunden sind fortschreitende Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg.

Genau dies thematisiert – wenn auch über Umwege – die deutsche Uraufführung des Musicals „The Girl form the North Country“ des irischen Autors Conor McPherson  mit Musik und Texten von Bob Dylan am Stadttheater Fürth. McPhersons Geschichte spielt zwar in der Zeit der Großen Depression im Jahr 1934, doch die menschlichen Schicksale nach dem Börsencrash und der daraus resultierenden Weltwirtschaftskrise könnten sich ähneln, wenn die aktuelle Lage hierzulande nicht besser wird.

In einer heruntergekommenen Pension in der Stadt Duluth im US-Bundesstaat Minnesota treffen Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen aufeinander – voller Hoffnung, Zweifel und Sehnsucht. Nick Laine (Johannes Zeiler mit einer gewaltigen Bühnenpräsenz, die alle anderen Darsteller beinahe an die Wand drückt) kämpft mit seiner kranken Frau Elizabeth (sehr einfühlsam präsentiert von Elisabeth Sikora) gegen die Bank, die ihr Haus zwangsversteigern will. Ihr Sohn Gene (sehr überzeugend verkörpert von Johannes Huth) schwankt zwischen Schriftsteller- und Trinkerambitionen, während ihre hochschwangere Adoptivtochter Marianne (kämpfte am Premierenabend bravourös gegen eine akute Erkältung: Tara Friese) vor eigenen Herausforderungen steht – nicht zuletzt, weil Nick sie mit dem örtlichen Schuhmacher Mr. Perry (sehr einfühlsam von Pervin Moore dargestellt) verheiraten möchte. In einer stürmischen Nacht treffen dann der selbsternannte Reverend Marlowe (Konstantin Zander als veritabler Halunke) und der gescheiterte Boxer Joe Scott (Tyrone Chambers II als großherziger Mensch) ein und verändern das Leben aller im Haus. Aus der Schicksalsgemeinschaft entsteht ein vielschichtiges Bild der Gesellschaft.

Die Inszenierung wirkt wie eine Mixtur aus George Gershwins Oper „Porgy and Bess“, den ausgefeilten Choreografien des Alvin Ailey Dance Theater aus New York und Steven Spielbergs Kinoepos „Die Farbe Lila“. Beeindurckend gelingt es Choreografin Amy Share-Kissiov, den rund dreistündigen Abend in ein unvergessliches Erlebnis zu verwandeln. Die großartigen Gesangsstimmen des Ensembles tun ihr Übriges dazu. Allerdings leidet die Verständlichkeit an manchen Stellen, denn Coreena Brown als Mrs. Neilsen hat so ihre Schwierigkeiten mit dem Deutschen. Hätte man die Songs auf Englisch gelassen, wäre die Wirkung wohl noch stärker gewesen.

Verstörend wirkt nach all den schlimmen Dingen, die im Laufe der Handlung passieren, der Schluss. Alle stehen auf der Bühne und singen über Hoffnung, nachdem alles im Abgrund versunken ist.

Dennoch ist das Stück unter der Regie von Markus Olzinger unbedingt sehenswert. Gerade, weil das Stadttheater Fürth mit dieser Coproduktion mit dem Musical Frühling in Gmunden (Österreich) vielleicht eine Zukunft antizipiert, die hierzulande niemand will. Diese aber durchaus Realität werden könnte, wenn Deutschland und Europa wirtschaftlich weiter absteigen.
(Ralph Schweinfurth)

Weitere Vorstellungen am Sonntag (18. Oktober 2026) und von Dienstag bis Freitag (20. bis 23. Oktober 2026) jeweils um 19.30 Uhr

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