Kultur

Die Kabarettisten posieren 1902, bereit für ihre als Exekutionen bezeichneten skurrilen „Hinrichtungen“ mit scharfen Worten. (Fotos SZ Photo)

09.04.2021

Verruchte Henkersbande

Vor 120 Jahren eröffnete das Kabarett „Die Elf Scharfrichter“ in der Münchner Türkenstraße

Bayern hat eine enorm kreative Kabarettszene. Im Grunde seit Beginn der Bundesrepublik begleitet sie spitz und frech, spöttisch und angriffslustig das politisch-gesellschaftliche Leben. Schnell fallen einem die Münchner Lach- und Schießgesellschaft ein, das Hofgarten-Kabarett in Aschaffenburg und das Scharfrichterhaus in Passau. Letzteres verleiht einen der wichtigsten Kabarett-Nachwuchspreise, das Scharfrichterbeil.

Das martialische Gerät – groß und schwer wird es den Preisträger*innen alljährlich in Neuanfertigung in die Hand gedrückt – diente allerdings schon einer Truppe als Erkennungszeichen, die noch viel älter ist. Zusammen mit einer roten Laterne baumelte das Henkersbeil in der Schwabinger Türkenstraße 28 an der Fassade des Gasthofs Zum goldenen Hirschen und wies so den Weg in den Hinterhof. Dort nämlich, in einem zum Theater umgebauten Trinksaal für Studenten, fanden die sogenannten Exekutionen der Elf Scharfrichter statt. Das erste Mal vor 120 Jahren, am 13. April 1901.

Skandale und Zensur

Das alles weiß man natürlich im heutigen Passau. Man wollte ganz bewusst eine Verbindung herstellen zum legendären Kabarett. Zumal auch noch der in Passau aufgewachsene Dichter Heinrich Lautensack einst mit von der Partie war. Zwar ist mittlerweile klar, dass das Überbrettl in Berlin noch ein paar Wochen früher eröffnet hatte und folglich diese Bühne eigentlich für sich reklamieren dürfte, das erste Kabarett Deutschlands gewesen zu sein. Aber gerne nimmt man dies von den Elf Scharfrichtern an. Einmal, weil deren Namen eben immer noch weitergetragen wird.

Zum anderen aber auch, weil dieses Künstlerkollektiv schon damals all das auf sich zog, was man heute langläufig mit politischem Kabarett verbindet: Skandal, freches Aufbegehren, Zensur, Verbot. Man denke beispielsweise nur an die Scheibenwischer-Sendung von Dieter Hildebrandt zur Tschernobyl-Katastrophe, die das Bayerische Fernsehen für seine Zuseher*innen abschaltete.

Das war in den gut drei Jahren, in denen die Elf Scharfrichter ihres Amtes walteten, nicht anders, eher verschärfter. Die Zensurverordnungen im wilhelminischen Kaiserreich sahen vor, dass jeder einzelne Text, der auf eine Bühne gebracht werden wollte, zur Genehmigung vorgelegt werden musste. Daher verfiel man auf die Idee, die „Exekutionen“ als geschlossene Vereinsabende auszugeben. Statt Eintritt zahlte man einen erhöhten Betrag an der Garderobe. Doch die Polizeibehörden durchschauten das Spiel recht bald und stuften die Darbietungen als „gewerbsmäßige Veranstaltung von Singspielen und deklamatorischen Vorträgen“ ein.

Das waren sie auch: Nummern-Revuen im Grunde, bestehend aus gesungenem Couplet, vorgetragenem Spottgedicht, geschauspielertem Einakter. Am Schluss gab es immer noch eine Art „offener Bühne“, wo jeder beisteuern konnte, was er wollte.

Die Professionen der einzelnen Gründungsmitglieder garantierten diese Formenvielfalt. Unter ihnen waren beispielsweise der Dramaturg und Theaterregisseur Otto Falckenberg, der Dramendichter Frank Wedekind, aber auch der Bildhauer Wilhelm Hüsgen (zuständig für Masken) oder der Opernlibrettist und Chansonnier Marc Henry.

Eine Scharfrichterin?

Letzterer war mit der Schauspielerin Marya Delvard verheiratet, von der es oft heißt, sie sei die einzige Frau im Henker-Ensemble gewesen. Dem widerspricht Judith Kemp, die mit ihrer Doktorarbeit die nach wie vor einzige Monografie über die Elf Scharfrichter vorgelegt hat. „Marya Delvard war mitnichten die einzige Frau. Aber sie hat es geschafft, sich so zu inszenieren. Zum Beispiel auf dem sicherlich bekanntesten Plakat aus diesem Kontext, jenes von Thomas Theodor Heine, wo sie als schwarze Figur vorne steht und im Hintergrund sind elf Teufelsmasken. Damit ist sie eine Ikone der Jahrhundertwende geworden.“

Und die Elf Scharfrichter hatten das Renommee einer teuflischen Truppe anhaften, was ihnen nur recht sein konnte. Denn natürlich spielten sie genau mit diesem verruchten Image und den makabren Versatzstücken. Wenn man den Saal in der Türkenstraße betrat, stieß man als Erstes auf den Schandpfahl in der Mitte, eine Säule, auf der ein Totenkopf lag.

Das Programm begann mit dem sogenannten Scharfrichtermarsch, dann betrat Marc Henry als Conférencier die Bühne und führte in Form der beim Publikum besonders beliebten Moderationen durch das Programm. Das konnte auch mal die Rezitation eines klassischen Gedichts etwa von Goethe oder von Eichendorff beinhalten. Denn, und auf diese Feststellung legt Judith Kemp besonderen Wert, die Kabarettisten waren eben doch weitaus mehr Bildungsbürger, als sie vielleicht selbst wahrhaben wollten. „In ersten Linie waren das junge Künstler, die sich ausprobieren wollten.“

Bald schon drängte es den einen oder anderen in Richtung ernsthafter Kunst, wie zum Beispiel den Dramenautor Frank Wedekind. Das sei der eigentliche Grund der kurzen Lebensdauer der Elf Scharfrichter gewesen und weniger Probleme mit der Zensur oder fehlende Finanzmittel, meint Judith Kemp. Und so legten die literarischen Scharfrichter schon bald wieder ihr Henkersbeil zur Seite. Ideengeber aber blieben sie. (Bernhard Setzwein)

 

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