Kultur

Für "Samit My Father, in the Old Studio" (2022, Ausschnitt) kombinierte Alice Rekab ein Familienfoto mit historischen Aufnahmen der Villa Stuck und überzeichnete die Collage digital. (Foto: Alice Rekab)

14.04.2023

Vielsagende Überlagerungen

Alice Rekabs Bilder und Installationen in der Villa Stuck sind voller Geschichten mit historisch-kulturellen Bezügen

Gewiefte Immobilienmakler wären da vorsichtig: Ein Mehrfamilienhaus, in dem Spiegel auf dem Fußboden rumliegen, riecht nach Bruchbude, die man allenfalls als „charmante Wohnanlage“ annoncieren könnte. Aber zum Glück steht das Objekt, von dem hier die Rede ist, gar nicht zum Verkauf, sondern es handelt sich um die Münchner Villa Stuck, und der Spiegel, der dort am Boden liegt, ist Teil einer Installation. Denn in seiner Mitte thront ein mächtiges schwarzes Trumm, eine Art figürlicher Klumpen, vielleicht aber auch eine klumpige Figur. Ist es eine Gestalt, die sich mühsam der Materie zu entringen versucht? Oder eine Gestalt, die sich in die Formlosigkeit der Materie auflöst? Und angesichts des Spiegels könnte man natürlich auch noch an die mythologische Gestalt des Narziss denken, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte.

Diese Überlagerung verschiedener Deutungsschichten und historisch-kultureller Bezüge ist das Markenzeichen der irischen Künstlerin Alice Rekab (1987 geboren), deren erste Einzelausstellung in Deutschland von der Villa Stuck präsentiert wird. Mehrfamilienhaus heißt die Schau, denn in ein Haus, in dem die Hinterlassenschaften und Geschichten mehrerer Familien sich vermischen, hat die Künstlerin die einstigen Räume Franz von Stucks verwandelt. Neben der Spiegel-Installation im Atelier des Malerfürsten hat sie kleinere eigene Tonobjekte sowie ihre Familienfotos und Bücher eingeschmuggelt. Aber natürlich auch ihre großformatigen, „wilden“ Bildcollagen, die sie am Computer gestaltet.

Spiel mit Bedeutungen

Dabei ist es eine poetische Vorgehensweise, die sich Alice Rekab für ihr bildnerisches Werk zu eigen macht. Man muss ein Wort nämlich nur lang genug anschauen und umdrehen, bis es einem fremd wird und plötzlich ungewohnt neue Bedeutungsfacetten zeigt. So hat sich die Irin eben das spezifisch deutsche Wort Mehrfamilienhaus unter die Verfremdungslupe gelegt, das in dieser kompakten Form kaum in andere Sprachen zu übertragen ist.

Und siehe da, plötzlich fragt man sich, ob wir nicht alle im metaphorischen Sinn eine Art Mehrfamilienhaus sind. Weil sich in jedem Einzelnen Einflüsse der väterlichen wie mütterlichen Herkunftsfamilie überlagern, die ihrerseits auch schon Überlagerungen großelterlicher Familien sind – und so weiter. Insofern kann man jeden Menschen als eine gigantische Collage begreifen, als Palimpsest, in dem Schicht um Schicht ein neuer Text einen älteren überdeckt. Noch komplizierter oder interessanter wird das, wenn die Elemente der Collage aus verschiedenen Kulturen stammen, so wie bei der Künstlerin selbst, die eine irische Mutter und einen Vater aus dem westafrikanischen Sierra Leone hat.

Bemerkenswert scheint, dass bei Alice Rekabs Bildern und Assemblagen, die Fotos, Digitalzeichnung und Objekte wie etwa ein altes Bett kombinieren, dieses Ineinander und Durcheinander unterschiedlicher Prägungen in einem ruppigen Art-Brut-Stil seinen formalen Ausdruck findet. Aber auch ihre plastischen Werke aus (ungebranntem) Ton faszinieren durch eine gewisse Monumentalität des Ungeschlachten. In der Sprache der Immobilienmakler heißt dergleichen dann „Liebhaberobjekt“. (Alexander Altmann)

Information: Bis 16. Mai. Museum Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60, 81675 München. www.villastuck.de

 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche
X
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Beilagen

> Das neue vbw Unternehmermagazin ist online

Bundesforschungsministerin Dorothea Bär will mit ihrer Hightech-Agenda Deutschland technologisch auf ein neues Level bringen. Im Gespräch mit dem vbw Unternehmermagazin spricht sie über die Herausforderungen.

Jahresbeilage 2025

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2026

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 28.11.2025 (PDF, 16,5 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Das kunst- und kulturhistorische Online-Magazin der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Unser Bayern - Nachbestellen

Aktuelle Einzelausgaben des Online-Magazins „Unser Bayern” können im ePaper der BSZ über den App-Store bzw. Google Play gekauft werden.