Kultur

Hans-Michael Rehberg (links) und Thomas Lettow. (Foto: Thomas Dashuber)

21.10.2015

Wenn politische Ideale auf der Strecke bleiben

"König Ödipus" am Münchner Residenztheater

Weiß Ödipus denn nicht, dass rauchen der Gesundheit schadet? Immer wieder zieht er die blaue Gitanes-Schachtel aus der Tasche, um sich zur Beruhigung eine Filterlose anzuzünden. Wie überhaupt alle ständig qualmen, was das Zeug hält, in dieser Aufführung des König Ödipus von Sophokles. Womöglich leiden sie ja unter Komplexen oder sind in der oralen Phase stecken geblieben. Aber darum geht es nicht im Münchner Residenztheater, wo Mateja Kolenik den antiken Klassiker jetzt als Kettenraucherdrama im Anzugträger-Milieu inszenierte: In schicken Einreihern, Zweireihern, Dreiteilern treten der Akteure und der Chor als Abgeordnete auf, die von einer Krisensitzung zur nächsten hetzen.
Dementsprechend ist die Bühne eine Fensterwand in Cinemascope, durch die man ins Foyer des Plenarsaals blickt. Hier wehen manchmal schwarze Ascheflocken durch, hier scharen sich alle um einen Ständeraschenbecher im 1970er Jahre-Stil. Überhaupt fühlt man sich an die Bonner Republik erinnert durch die BRD-Ästhetik von Raimund Orfeo Voigts Bühnenbild. Aber das Transparenzversprechen der Fensterfront, wird konterkariert dadurch, dass dieser Guckkasten ein Stockwerk über normalem Bühnen-Niveau installiert ist. Weil es halt „die da oben“ sind, in deren Kreisen diese Geschichte aus dem Staate Theben spielt, wo König Ödipus (überzeugend: Thomas Lettow) die brutalstmögliche Aufklärung eines Verbrechens verspricht – und am Ende sich selbst als den Täter ausfindig macht. Gegen so einen Stoff ist jeder spätere Krimi läppischer Firlefanz.
Ungeachtet des zeitgenössischen Settings sprechen die Akteure ganz klassisch die antiken Verse. Allen voran der große alte Hans-Michael Rehberg als Seher Teiresias, der allein schon ein Ereignis ist. Insofern könnte man sagen: Durch die Annäherung des Stoffs an den heutigen Politikbetrieb transformiert die Inszenierung den Konflikt zwischen Mythos und Logos, um den es bei Sophokles geht, in den Konflikt zwischen Automatismen des „Systems“ und politischen Idealen, die letztlich auf der Strecke bleiben. Aber wie auch immer und warum auch immer – man sieht mit größtem Vergnügen zu, und in 80 Minuten ist alles vorbei. – Riesenbeifall. (Alexander Altmann)

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