Kultur

Da kochen die Gefühle über (von links): Vincent Glander, Robert Dölle, Brigitte Hobmeier, Christian Erdt und Michael Goldberg. (Foto: Residenztheater München/Sandra Then)

31.10.2019

Werktreu heruntergeschnurrt

Gorkis „Sommergäste“ am Münchner Residenztheater ist sehenswert

Und was bleibt am Ende? Eine Menge Leergut! Das steht praktischerweise auch schon zu Beginn in Form voller Flaschen auf der ziemlich kahlen Bühne des Münchner Residenztheaters herum. Aber im Lauf des gut zweistündigen Abends tun die auftretenden Figuren allesamt eine Menge dafür, dass die Getränke nicht alt werden. Und was gibt es da nicht alles an leckeren Flüssigkeiten wegzuschlucken: Bier in Bügelflaschen, die immer so schön „plopp“ machen, wenn man den Verschluss lässig aufschnipst. Wein in allen Farben. Spirituosen natürlich auch, schließlich spielt die Geschichte ja in Russland. Und zum Abschied, wenn sich alle noch mal aus Herzenslust gegenseitig beleidigen, dürfen auch die Sektkorken knallen und die Gläser überschäumen.

Sich verachten und hassen

Maxim Gorkis Sommergäste (1904), das Stück über eine Clique von Besserverdienern im zerbröselnden Zarenreich, die sich in einem Sommerhaus auf dem Land versammeln und endlos quasseln, ist natürlich eine Tschechow-Imitation, wobei alles etwas direkter ausgesprochen wird und damit auch plumper wirkt als beim Vorbild. Das mag der Grund dafür sein, dass Gorki doch immer zeitgebundener bleibt und nie so passgenau auch noch uns heute zu meinen scheint wie Tschechow.

Trotzdem stellen sich schon gewisse Wiedererkennungseffekte ein angesichts der Rechtsanwälte, Ärzte, Ingenieure, Dichter und ihrer Gattinnen, die hier freundschaftlich zusammenprallen: Im Grunde hassen und verachten sie sich alle gegenseitig, aber am meisten hasst jeder sich selbst.

Minderwertigkeitskomplexe und latente Schuldgefühle scheinen die vorherrschenden Macken dieser Landneurotiker zu sein, die zudem in Ehe-höllen feststecken und auch schon mal mit dem Revolver fuchteln.

Keine neue Deutung

Auf eine originelle, zwingende neue Deutung, gar auf eine Dekonstruktion des Stücks wartet man an dem Abend vergebens. Joe Hill-Gibbins’ handwerklich gekonnte Inszenierung ist kein avanciertes Regietheater, sondern lässt die Geschichte ziemlich werktreu herunterschnurren. Aber viel wichtiger, als eine etwas biedere Aufführung zu bekritteln, ist etwas anderes. Die Beobachtung nämlich, dass mit dem neuen Intendanten Andreas Beck auch ein neuer, offener, menschenfreundlicher Geist das Residenztheater so deutlich zu prägen scheint, dass es selbst für die Besucher spürbar wird. Wie wohltuend unterscheidet sich diese Atmosphäre doch von der angespannten Stimmung, die am Haus in den vergangenen Jahren zu herrschen schien und sich unweigerlich auch auf seine Produktionen, ja selbst auf das Publikum untergründig übertrug. Solche Prägungen des Genius Loci spielen für die Qualität einer Kunstinstitution und ihrer Arbeit eine Rolle, die nicht zu unterschätzen ist und zur Professionalität eines Theaterdirektors gehört.

Ein Zeichen dieses neuen Geistes ist auch die Selbstverständlichkeit, mit der sich alteingesessene und frisch hinzugekommene Residenztheater-Schauspieler an diesem Abend zum harmonischen Organismus fügen. Angefangen bei der wunderbaren Brigitte Hobmeier als frustrierter Rechtsanwaltsgattin über Hanna Scheibe, die eine verhuschte Jungmutti gibt, bis zu Katja Jung als moralinsaurer Nervensäge. Mit all diesen Darstellern hat die Aufführung dann doch mehr zu bieten als nur Leergut.
(Alexander Altmann)

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