Kultur

Charlotte Schwab, Liliane Amuat und Juliane Köhler geben zu dritt Frank Wedekinds legendäre Femme fatale Lulu. An die Wand projiziert: Charlotte Schwab, männlich maskiert. (Foto: Birgit Hupfeld)

29.11.2019

Witzige Frischzellenkur

Frank Wedekinds „Lulu“ als Tingeltangelshow am Münchner Marstalltheater

Was für eine Verkleidungsorgie! Diese Lulu-Show im Münchner Marstalltheater ist auch deshalb eine Schau, weil sie auf virtuose Weise wieder mal zeigt, was die Theaterzauber-Trickkiste alles an Sensationen zu bieten hat: Bei ansonsten leerer Bühne werfen die Akteurinnen riesige schwarze Schatten auf die weiße Rückwand, die in ihrer Präzision an biedermeierliche Scherenschnitte erinnern. Allmählich driftet das Schattenspiel dann in die quietschbunte Ästhetik poppiger Videoclips, um schließlich in eine boulevardeske Filmkomödie zu münden.

In der sind die drei Darstellerinnen dank künstlicher Bärte und Glatzen so verblüffend überrealistisch in die verschiedenen männlichen Figuren des Stücks verwandelt, dass man den Maskenbildnern fast schon Genialität attestieren muss. Hinter den Pennern und Pennälern, Kunstturnern, Lakaien oder Chefredakteuren, die sie darstellen, sind die Schauspielerinnen praktisch nicht wiederzuerkennen.

Enttäuschung mit Ansage

Dabei war gleich der erste Satz des Abends eigentlich eine Enttäuschung: Nein, sie werde sich jetzt nicht vor dem Publikum ausziehen, verkündete die junge Schauspielerin Liliane Amuat. Wir dürften uns aber gerne vorstellen, wie sie nackt aussieht. So eine Frechheit! Schließlich besucht man doch die Theatervorstellung, um sich nicht selber erst umständlich etwas vorstellen zu müssen.

Aber keine Angst, die Enttäuschung mit Ansage ist augenzwinkerndes Konzept, und in Wirklichkeit erweist sich Bastian Krafts Lulu-Adaption nach Frank Wedekind als fulminante, kluge, witzige Frischzellenkur, die den verstaubten Stoff aus der kulturhistorischen Museumsvitrine holt. Denn auch wenn diese Geschichte einer männermordenden Femme fatale zu ihrer Entstehungszeit vor 120 Jahren ob ihrer Freizügigkeit und Provokation der herrschenden Scheinmoral ein revolutionäres Skandalstück war: Im Abstand gesehen haftet Wedekinds (im Original so bezeichneten) „Monstretragödie“ selbst die Miefigkeit jenes Zeitgeists an, den sie attackiert. Und das macht den Text oft ungewollt komisch.

Lulu, das blutjunge Weibstier, dem alle Männer und eine lesbische Gräfin hörig werden – das mutet heute eher wie eine verklemmte Pornovorlage an. Aber dieses Klischee als Uropas Männerfantasie zu outen, entspricht seinerseits dem Zeitgeist unserer Tage und ist längst Usus im höheren Showbusiness. Das zeigt Bastian Kraft, indem er Lulu konsequenterweise als eine Art Zwanziger-Jahre-Revue inszeniert, als Tingeltangel und Abnormitätenschau.

Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab, die hier zu dritt die Titelheldin geben, treten folglich mit Stöckelschuhen, schwarzem Frack und Bubikopf auf. Und natürlich werden die ausgewählten Szenen des Stücks von diesen wunderbaren Darstellerinnen nicht illusionistisch gespielt, sondern eher im Gestus des epischen Theaters vorgeführt. Wenn die drei Damen dazwischen über das Stück plaudern, dann fungiert dieser Diskurs als Conférence – ist also selbst Teil der Show. Weil es eben längst auch schon zu unseren Vorstellungen vom zeitgenössischen Theater gehört, dass dort übers Theater reflektiert wird; weil die Illusionsbrechung und Erwartungs-Zertrümmerung sich ihrerseits allmählich zur Konvention eindicken, die dann als solche ausgestellt werden muss. So unterhaltsam wie an diesem Abend gelingt das allerdings selten. (Alexander Altmann)

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